Paaradox: Die Kochshow

Gabriele Kuhn und Michael Hufnagl
Viele Gerichte kann der Mann gegenüber zwar nicht kochen – aber wenn er am Herd steht, dann ist das großes Theater.
Gabriele Kuhn

Gabriele Kuhn

Michael Hufnagl

Michael Hufnagl

Sie

Wenn der Mann gegenüber zum Kochlöffel greift, sollte ich idealerweise sehr ehrfürchtig sein. Nicht nur, weil es sich dabei um ein eher rares Ereignis handelt, sondern auch, weil er sehr von sich selbst beeindruckt ist. Was uns dramatisch unterscheidet. Wenn ich koche, koche ich. Wenn er kocht, feiert er sich. Dabei zaubert er keineswegs große Gerichte, sondern irgendwas aus Hufnagls-Reigen: Reisfleisch, Auflauf, Geschnetzeltes.

Schwarze Schürze

Nach neuen Rezepten sucht der Gourmet nur, wenn er das Auftragswerk an mich delegieren kann. Während er erwartungsvoll im Ohrensessel knotzt und mir zuschaut, wie ich anschwitze und schwitze. Zurück zu Hufnagls-Herdaktivitäten: Da steht er, in schwarzer Kochschürze, links einen Kelch Rotwein („Kochwein“), in der Rechten den größten Kochlöffel, den ich besitze (sehr, sehr groß!). Dazu W. A. Mozart, laut, sehr laut. Manchmal auch Vivaldi, vermutlich hat er zu oft „Chefs Table“ auf Netflix geschaut. Ja, man könnte meinen, ein Großmeister sei am Werk. Nähern darf ich mich ihm nicht, er schwelgt im Ich kann das allein-Modus, allenfalls darf ich Gewürze suchen, ein Geschirrtuch reichen und „Hm, riecht das herrlich!“ rufen. So habe ich das im „Männer-Motivations-Workshop“ gelernt. Und wehe, ich korrigiere ihn – dann gibt es Streit als Amuse gueule. Irgendwann wird gegessen und meinerseits erneut „Herrlich!“ gerufen, eventuell sogar ein drittes Mal, nachdem er mich zuvor mehrmals gefragt hat, ob es mir eh schmeckt. Was Maestro allerdings nur bedingt beherrscht: die Spurenbeseitigung. Wenn er kocht, dann verwandelt sich mein Küchenreich zügig in einen überdimensionalen Schandfleck. Wie gut, dass er mich hat. Denn an dieser Stelle darf ich selbstverständlich wieder aufs Spielfeld, um zu tun, wofür Maestro keinen Finger rühren möchte: wischen, waschen, wegräumen. Während er vom Kochen ermattet sein Verdauungsschlaferl hält.

gabriele.kuhn@kurier.at / facebook.com/GabrieleKuhn60

Er

Was meine Frau von mir unterscheidet: Sie kann nicht entspannt auf der Couch sitzen, Musik und Wein genießen und nur gelegentlich in genießerischer Langsamkeit ein Stück Holz in den Kamin legen. Also, sie kann das grundsätzlich schon. Aber keinesfalls, wenn ich koche. In! Ihrer! Küche! In einem solchen Fall höchster Alarmstufe fragt sie im Minutentakt aus der Tiefe des Raumes: Brauchst du was? Suchst du was? Und würzt die subtile Anteilnahme mit Ausführungen zum Thema Du weißt eh, dass …? Höchststrafe Kontrollverlust. Also stattet sie mir Besuche ab.

Mmmhhhmmm

Selbstverständlich nicht mit einer Absichtserklärung zur Schaffung eines Überblicks. Nein, sie weiß genau, dass ich eine Rastlose-Intoleranz habe. Vielmehr spaziert sie mit gespielter Gelassenheit zum Kühlschrank, um dort offiziell eine Weinflasche zu entnehmen. Inoffiziell, um die wertvollen Sekunden zur Schnellinspektion zu nützen – verwendet er den richtigen Topf, das beste Messer, das besondere Salz? Dann nimmt sie augenscheinlich Witterung auf und lässt ein schmeichelndes Mmmhhhmmm erklingen. Allerdings nur, um mich in (Selbst-)Sicherheit zu wiegen und sich den Weg zur Herdplatte zu bahnen. Weil eine exzellente Köchin erfasst mit einem Blick, ob da eh alles ordnungsgemäß kocht und siedet, brät und dampft, schmort und schmurgelt. Aber noch ehe gnä Kuhn Ratschlag-Luft holt, sage ich sehr bestimmt: „Gabriele, lass’ mich!“ Was bei ihr den Schnoferl-Reflex aktiviert, sowie den üblichen Verweis auf Winston Churchill, der angeblich gesagt hat: „Die meisten Menschen sind bereit zu lernen, aber nur die wenigsten, sich belehren zu lassen“. Überraschenderweise genießt sie das Mahl am Ende dann trotzdem immer. Wenngleich sie ihre Lobeshymne gerne ganz bewusst mit Spitzfindigkeit abschmeckt: Wirklich exzellent … ein bisserl Thymian wäre noch gut gewesen. Fürs nächste Mal. Dann lächle ich einfach nur: „Ja, Chefin!“ Und alles ist gut.

michael.hufnagl@kurier.at / facebook.com/michael.hufnagl9

Kommentare