Kolumnen
12/26/2020

Johannas Fest: Silvester auf italienisch

Sie werden uns zum diesjährigen Capodanno fehlen, die lustigen Italiener, am Graben ebenso wie daheim an der privaten Tafel.

von Johanna Zugmann

Sie haben Geschmack – sowohl was die Kulinarik, als auch alle rein optischen Belange betrifft. Sie sind mobil und stecken ihre Umgebung mit guter Laune an. Zu Festen, an denen diese Gemütsverfassung fast eingefordert wird, ist das eine Grundzutat fürs Gelingen. Die Rede ist von den ItalienerInnen, die uns heuer zu Silvester sehr fehlen werden. Zur Jahreswende kamen sie in der Vergangenheit schließlich in Scharen, und in der Innenstadt war ihr wunderbar melodisches Idiom fast so häufig zu vernehmen wie der in der Bundeshauptstadt ansässige Wiener Schmäh.

Meine älteste Schwester Madeleine hatte ein ganzes Jahrzehnt in Mailand gelebt und gearbeitet. Dort lernte sie viel über die Leichtigkeit des Seins und knüpfte enge Freundschaftsbande. Ein Jahr nach ihrer Heimkehr rückte eine achtköpfige Invasion nach dem letzten Schrei gekleideter Damen und Herren aus der mondänen Modemetropole bei uns an, um in der Walzermetropole ins neue Jahr hinein zu tanzen. Bewaffnet mit Schlafsäcken bezog die Truppe Matte an Matte unseren Salon. Was für eine Belagerung durch eine Besatzungsmacht, deren schärfste Waffe eindeutig ihr Charme war: Sie interessierten sich für jeden von uns, fanden alles bellissimo, stupendo und optimo (wunderschön, ausgezeichnet und optimal) und kommentierten ihren Aufenthalt mit „che benessere (was für ein Wohlsein)!“

Am Vormittag des 31. 12. waren sie natürlich in Wiens Innenstadt und beteiligten sich voll engagiert am Mitternachts-Quadrille-Training, das die Tanzschule Elmayer gratis am Graben gab. Was für ein herzerwärmendes Spektakel!

Heimgekehrt in ihre jugendherbergeartige Unterkunft bei uns begann das große kollektive Kochen; kochen für das opulente Dinner am Abend, die „Cenone di Capodanno“.

Schwein muss sein

Zum ersten Mal sah ich in unserer Küche einen ganzen Schweinskopf im Kochtopf. Der Trend „from nose to tail“ war damals noch keiner, das borsten- freie Haupt des Paarhufers somit reichlich gewöhnungsbedürftig. Aber es bringt Glück. Das wissen ja auch wir Deutschsprachigen von dem Begriff „Schwein muss man haben“.

„Lenticchie“ (Linsen) waren ebenfalls Fixstarter, und zwar auf zweierlei Art: einmal als Salat, einmal als Beilage zu „Cotechino“, einer italienischen Rohwurst aus Schweinefleisch. Da die Form der Linsen Münzen ähnlich ist, soll das Reichtum bringen, erklärten mir die lustigen Gäste.

Und noch etwas soll sich positiv aufs persönliche Kapital auswirken: „Chi mangia l’uva per Capodanno conta i quattrini tutto l’anno.“ („Wer zu Neujahr Weintrauben isst, zählt das Geld das ganze Jahr“), so behauptet ein altes Sprichwort. Das kommt davon, dass noch im Winter geerntete Weintrauben eine reiche Ernte voraussetzen.

Ein am Türstock befestigter Mistelzweig soll übrigens die bösen Geister vertreiben. Ein Brauch, der angeblich noch aus der Zeit der Druiden stammt, die in der Antike als Wahrsager und Magier fungierten. Vielleicht kann der grüne Busch ja auch das böse C-Ding fernhalten, das uns alle schon das ganze alte Jahr tyrannisiert.

Sie werden uns zum diesjährigen Capodanno fehlen, die lustigen Italiener, am Graben ebenso wie daheim an der privaten Tafel. Ihre traditionellen Silvester-Speisen haben wir aber großteils übernommen, obwohl unser Reichtum trotz des fleißigen Linsen- und Trauben-Verzehrs zur Jahreswende überschaubar geblieben ist. – Egal, Hauptsache der Mistelzweig tut seine Wirkung und alle bleiben gesund!

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