Johannas Fest: Einladungen mit „u.A.w.g." oder "open house"?

Auf meine Frage, wie viele Leute denn diesmal kommen würden, ist die lapidare Antwort stets "keine Ahnung", schreibt Gastrosophin Johanna Zugmann.
Johanna Zugmann

Johanna Zugmann

Flexibilität wird ja heutzutage überall gefordert: Unternehmen müssen flexibel sein, sich auf die immer rascher wandelnden Bedürfnisse ihrer Kunden einstellen, oder noch besser, sie antizipieren. Flexible Arbeitszeiten verlangen hoch motivierte, flexible Mitarbeiter. Ja sogar die Europäische Union soll mehr Flexibilität in der Haushaltspolitik an den Tag legen.

Warum sollte es im Privatleben anders sein?

Es gibt Gastgeber, die frei nach Friedrich Torbergs Tante Jolesch auf das Prinzip „Besonders mundet, wovon es ein bisschen zu wenig gibt“ setzen. Keine gute Idee, wenn man hungrige Musiker, die sich gerade vollkommen verausgabt haben, erwartet. Und schon gar nicht, wenn man nicht weiß, wie groß die Gästeschar sein wird. Zugegeben, ein „u.A.w.g.“ würde solche Unsicherheiten gar nicht erst aufkommen lassen. Das hätte aber schriftliche Einladungen im Vorfeld bedingt.

Bei Künstlern, insbesondere bei Musikern, laufen gesellige Zusammenkünfte aber weniger nach generalstabsmäßiger Planung, als vielmehr nach dem Motto „get improvised“ ab. Mein Mann, der übers Jahr verteilt mehrere feine Festivals veranstaltet, gehört jedenfalls zu dieser Zunft.

So sehr ich mich auf die jeweils bevorstehenden musikalischen Höhepunkte und die Zugaben freue, so sehr fürchte ich das Nachspiel. Der Herr Intendant lässt die Abende nämlich gern in Gesellschaft der Künstler in unseren vier Wänden ausklingen. Das bedeutet nicht nur „open house“, sondern auch „open end“. Auf meine Frage, wie viele Leute denn diesmal kommen würden, ist die lapidare Antwort stets „keine Ahnung.“ Ich versuche diesen planerischen Supergau mit einem „na ungefähr – fünf, zehn oder zwanzig?“ irgendwie einzugrenzen. Vergeblich. Er wisse nicht, wie viele gleich nach dem Schlussapplaus zurück nach Wien wollen, ob diejenigen, die übernachten, auch zum Essen kommen, ob die Honoratioren der Stadt und die Festival-Sponsoren auch noch auf einen Stop-over bei uns vorbeischauen würden, usw. usw. – Tja, konfrontiert mit so spießigen Nebensächlichkeiten wie der Frage nach der Anzahl der zu erwartenden Gäste, stellt sich der Mann mit dem absoluten Gehör taub. Ich kapituliere und bereite Essen in einem Ausmaß vor, als gelte es, eine ausgehungerte Kompanie zu verköstigen. Dass bei meiner Überproduktion meist etliche Portionen übrig bleiben, ist einkalkuliert. Allerdings landet der Überfluss nicht mehr im Müll. In jahrelanger Übung habe ich nämlich gelernt, mit dem unkalkulierbaren Ausmaß des Nachspiels umzugehen: Es gibt schmackhafte Eintöpfe, vegetarische Gratins und mit Niedrigtemperatur zubereitete Braten. Was am Abend nicht wegkommt, wird entweder eingefroren, an die scheidenden Gäste umverteilt, oder am nächsten Tag bei einem spontan einberufenen Restlessen mit Nachbarn und Freunden verschmaust.

Was bleibt, ist der „Lohn der Angst“: Die Erinnerung an einzigartige Abende mit virtuosen Künstlern, die oft nach der Vorstellung noch einmal ihre Instrumente auspacken, im privaten Rahmen musizieren aus purer Freude an der Kunst und an Gespräche mit Schauspielern, die nicht nur auf jenen Brettern, die die Welt bedeuten, glänzen, sondern fernab des Rampenlichts als völlig unprätentiöse, höchst reflektierte Konversationspartner die Herzen im Sturm erobern.

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