Kolumnen
03/03/2020

Johannas Fest: Askese als ICH-Optimierung

Betuchte Gesundheitsbewusste nehmen Urlaub und checken in Luxusfastenkliniken oder Wellnesstempeln ein.

von Johanna Zugmann

„Fasten ist der Friede für den Leib, die Kraft für den Geist, seine Seele und seine Beziehungen zu den Menschen und zu Gott“, postulierte schon Petrus Chrysologus, Mitte des 5. Jahrhunderts nach Christus Bischof von Ravenna.

Rund 1.600 Jahre später ist Fasten ein boomender Trend. Die Schar der Zeitgenossen, die in den vierzig Tagen vor Ostern Askese aufs Programm setzt, wächst rasant. Motivation zur temporären Abstinenz ist allerdings weniger die Suche nach der Nähe zu Gott als die ICH-Optimierung. Der freiwillige Verzicht auf das Schöpfen aus dem Vollen beweist Unabhängigkeit und persönliche Stärke und nützt der Figur.

Betuchte Gesundheitsbewusste nehmen Urlaub und checken zumindest für ein bis zwei Wochen in Luxusfastenkliniken oder Wellnesstempeln ein. Und immer mehr Manager suchen Zuflucht hinter dicken Klostermauern. Schweigen statt Dauerkommunikation ist die Devise, Verzicht statt Völlerei, Spiritualität statt Shareholder-Value. „Das schärft alle Sinne, erleichtert die Reflexion und ebnet den Weg zum eigenen Ich“, erläutert mein Freund Georg, ein führender Headhunter, den ich vor Jahren in Pernegg im Waldviertel auf den Geschmack der „Klostersuppe“ brachte.

Es war übrigens eines meiner schönsten Fasten-Erlebnisse, das ich damals ebendort hatte. Das Quartier war zwar spartanisch, statt einer Wellness-Oase gab es Yoga und abwechslungsreiche, stundenlange Wanderungen durch die wunderbare Natur rund ums Kloster. Die militante Fastenleiterin aus Ostdeutschland, die rund um die Uhr Gruppenzwang signalisierte, habe ich längst verdrängt. Ebenso die obligatorischen allabendlichen Fasten-Feedback-Runden, in denen die öffentliche Preisgabe der konsumierten Wasserliter noch zu den sachlichsten Bekenntnissen zählte.

Kann ein Biber Sünde sein?

Die Begegnung mit dem vergangenes Jahr verstorbenen Joachim Angerer ist mir hingegen präsent, als wäre sie gestern gewesen. Der damalige Abt des Prämonstratenser-Chorherren-Stiftes Geras war ein kunstsinniger Innovator: Er öffnete die Türen von zum Kloster gehörenden Gebäuden unter anderem für Kreativ-Ateliers oder eben für die Fasten-Wochen. Der promovierte Theologe, der in Salzburg auch Philosophie und Musikwissen- schaften studiert hatte, plauderte aus dem Alltag. Passend zur Saison unterhielt er die bei Tees, Wasser und Basensuppen darbenden Gäste augenzwinkernd mit monastischen Usancen zur Fastenzeit. Amüsant waren seine Ausführungen über die Ausnahmen von den strengen Regeln: Das Fastengebot galt nicht für Kranke, schwache und besonders alte Mönche und nicht für Gäste.

Dabei gab es in der fleischlosen Zeit recht kreative Auslegungen dazu, was als Fisch durchging: Biber zum Beispiel. Und Fischreiher, die den Fisch nicht nur im Namen, sondern auch im Bauch tragen, kamen ebenfalls auf den Tisch des Refektoriums.

Wie viele Ausnahmen sich weltliche Fastende genehmigen, variiert natürlich von Person zu Person. Wem vierzig Tage Verzicht auf was auch immer zu lange erscheinen, dem empfiehlt sich der neue Trend „Intervallfasten“. Auch diese Form geht übrigens auf einen alten christlichen Ritus zurück: Mittwochs fastete man als Erinnerung an den Verrat Jesu, freitags im Gedenken an die Kreuzigung. Das ist jedenfalls leichter durchzuhalten und fördert laut neuen Studien ebenfalls die körperliche Regeneration.