Kolumnen
09/25/2020

Erst keine Moral und dann kein Fressen

Wer jetzt darauf wartet, dass die C-Sache vorbei ist, um wieder auszugehen, kann gleich beschließen, für immer daheim zu bleiben.

von Barbara Mader

Neulich war ich fast allein im Kino. In mehrfacher Hinsicht. Meine Begleitung war ein Packerl Rum-Kokos. Außer mir waren noch vier Damen im Saal. Wir sahen die Fortsetzung eines Kassenschlagers von 1966. „Ein Mann und eine Frau“, die Melodie kann heute noch jeder über fünfzig mitsingen. Der dennoch enden wollende Andrang im Saal hat wohl nicht nur mit dem C-Ding zu tun. Das Kino stirbt schon länger, wenn nicht gerade ein Superheld ausrückt. Ich habe das nie akzeptieren wollen, denn ich bin altmodisch. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vor dem Kino habe ich ein Lokal besucht, das eine junge Frau vor einigen Monaten aufgesperrt hat. Jetzt schaut es aus, als ob sie bald wieder zusperren müsste. Niemand kommt. Die Mittagsmenüs fallen wegen Homeoffice und Touristenmangels aus. Aber leider sagen auch die Wiener: Mit Maske und Anmelden und überhaupt gehen sie in kein Lokal.

Ich halte das für eine blöde Einstellung. Wer jetzt darauf wartet, dass die C-Sache vorbei ist, um wieder ins Kino, zu Kulturveranstaltungen und in Lokale zu gehen, kann sich das Warten sparen und gleich beschließen, für immer daheim zu bleiben. Es wird dann nämlich nichts mehr geben. Vielleicht auch keine Rum-Kokos-Kugeln und wenn doch: Wer isst die schon daheim?

Viel wurde darüber polemisiert, dass Kultur und Ausgehen zwar nice to have, aber keine überlebenswichtigen Dinge seien. Und dann wurde regelmäßig Brecht bemüht, nach dem erst das Fressen und dann die Moral käme. Abgesehen davon, dass dieses Zitat aus der Dreigroschenoper somit ziemlich missverstanden wird: Wenn wir nicht mehr konsumieren, in kein Lokal und zu keiner Veranstaltung mehr gehen, geht am Ende nicht nur die Moral, sondern auch das Fressen verloren.

Im Übrigen finde ich, Hotels sollten nun aufhören, mit dem Wort „Auszeit“ zu werben. Nichtstun ist kein schöner Gedanke mehr. Wenn das so weiter geht, gibt es kein gesellschaftliches Leben mehr. Dann haben wir alle nur mehr Auszeit.

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