Kolumnen
21.09.2018

Barbara Kaufmann: Sprachlos

Immer öfter fehlen einem die Worte für Grenzüberschreitungen und Tabuverletzungen, die zum Alltag geworden sind.

Ich bin sprachlos, hört man oft an Tagen wie diesen. Und man nickt und sagt es selbst, oft und immer öfter. Bis es fast schon die Bedeutung verliert durch all die Wiederholungen. Und doch stimmt es. Es fehlen einem die Worte.

Sie fehlen so häufig, dass man sich fragt, wohin sie sich verzogen haben und ob man es ihnen gleichtun soll. Sich zurückziehen, Tür zu, Licht aus und einfach abwarten, ob es von selbst vorbei geht. All das da draußen, das einen sprachlos macht.

Man weiß manchmal nicht mehr, woher man sie nehmen soll, die richtigen Worte, um angemessen zu reagieren.

Wie man noch irgendetwas sagen soll, was nicht schon andere gesagt haben zu dieser Zeit, in der Tabus fallen und Dämme brechen, von denen man gedacht hätte, vielleicht auch nur gehofft, dass sie lange halten werden, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Weil man davon ausgegangen ist, ganz fest, dass der Schrecken des Krieges, der Vernichtung, der Ermordung von Millionen nachhallt, so ohrenbetäubend laut, dass die Relativierer verstummen. Dass „nie wieder“ zumindest bedeutet: „nicht mehr“. Für sehr, sehr lange Zeit, mindestens für immer.

Weil man gedacht hat, dass es eine Übereinkunft gibt unter den Nachgeborenen. Dass man nicht kokettiert mit den Symbolen des Terrors, nicht leichtfertig spielt mit den Begriffen des Horrors, nicht schielt nach der Zustimmung der Ewiggestrigen. Weil man sich sicher war, dass die wenigen Furchtlosen, die den Widerstand mit ihrem Leben bezahlt haben, nicht geschmäht werden dürfen, nicht lächerlich gemacht, gar des „Verrats“ beschuldigt, wo doch das Festhalten an ihrem Glauben, ihr Gewissen, das sie nicht verraten wollten, ihnen den Tod brachte.

Die feigen Mitläufer

Es gehört zum Wesen der Feigen, den Mut anderer verächtlich zu machen. Es ist Programm der Schreibtischtäter, die Gerechten zu verhöhnen. Es ist die Agenda der Mitläufer, die Widerständigen zu schmähen. Es ist die Pflicht der Nachgeborenen, es niemals hinzunehmen, dagegen aufzustehen, zu widersprechen. Aber wie?

Man kann an die Kraft des Gesprächs glauben. Daran, den anderen mit Worten zu überzeugen, ihn mit Argumenten abzubringen vom Weg, der in die Zerstörung jedes Miteinanders führt. Man kann zuhören, antworten, nachhaken. Aber was soll man jenen sagen, die Vernichtungswünsche äußern und Mordaufrufe?

Was soll man tun, wenn es ringsum donnert, tobt und kracht? Wenn es wieder „stahlgewittert“ allerorts? Nicht weil man nicht weiß, was man da von sich gibt, was Begriffe bedeuten, wofür sie stehen, welche Botschaft sie transportieren. Sondern weil man kokettiert mit der Sprache der Vernichtung, weil man liebäugelt mit der Gewalt von Worten.

Wie soll man reagieren? Aufrüsten? Zurückschlagen? Gewalt mit Gewalt bekämpfen? „Wir fangen noch einmal an“, schrieb Lars Gustafsson. „Wir geben nicht auf.“ Man muss standhalten, aufzeigen, widersprechen. Immer wieder von vorne beginnen. Auch wenn es mühsam ist. Auch wenn man sprachlos ist, wenn die Worte fehlen. Dann muss man nach ihnen suchen und dagegen halten. Weil Rückzug nichts verändert. Weil Schweigen keine Alternative ist. Weil man es jenen schuldig ist, die ihr Leben gelassen haben dafür, dass „nie wieder“ bedeutet, niemals wieder. Mindestens für immer.

barbara.kaufmann@kurier.at