KOLUMNE
06/29/2018

Barbara Kaufmann: Die Satten und die Unzufriedenen

Es sind nicht die Verzweifelten, die in Vernichtungsfantasien schwelgen. Es sind die, die alles haben.

von Barbara Kaufmann

Es liegt eine seltsame Anspannung in der Luft. Eine Stille, die nur darauf zu warten scheint, von einem Knall zerrissen zu werden. Es ist nicht das schlechte Wetter, das die Menschen unruhig macht, nicht das drohende Gewitter, das die Luft vibrieren lässt. Es ist der Hass, der nur auf eine Gelegenheit harrt, sich endlich entladen zu können.

Drau√üen vor der T√ľr auf den Stra√üen ist alles ruhig. Die Busse kommen p√ľnktlich, die Mistk√ľbel sind geleert, die Stra√üen am Morgen frisch gefegt. Aber es ist diese Ruhe, die Angst macht. Die G√§nsehaut erzeugt. Die einen schlecht schlafen l√§sst. Es ist die Ruhe, mit der pl√∂tzlich Unsagbares ausgesprochen und geschrieben wird. W√ľnsche und Verw√ľnschungen, die fr√ľher undenkbar gewesen w√§ren. Es ist der st√§ndige Tabubruch und die Gelassenheit, mit der er begangen wird. Behauptungen, Entmenschlichungen, Vernichtungsfantasien, die fr√ľher, es ist noch gar nicht lange her, f√ľr laute Gegenrede gesorgt h√§tten. Daf√ľr, dass ein Text so nicht erschienen w√§re. Weil man Verantwortung hatte.

Haltung

Daf√ľr, dass man den ruhigen Redner ob seiner Ruhe zur Rede gestellt h√§tte. Weil man Haltung hatte. Es ist die Ruhe, mit der Schlagzeilen verfasst werden, mit der Bilder in Umlauf gebracht werden, die man bewusst erschafft. Am Rei√übrett, in Friedenszeiten, ohne das die Fu√üg√§ngerzone durch das Fenster blutet.

Bilder vom Krieg. Bilder, in denen die Jagd auf Menschen ge√ľbt wird, geprobt wie Szenen aus einem apokalyptischen Film. Inszeniert und dargeboten vor einem Publikum auf extra errichteten Trib√ľnen wie einst im alten Rom. Es sind diese Bilder, die beklatscht werden am n√§chsten Morgen beim B√§cker. ‚ÄěIch t√§t sie alle erschie√üen‚Äú, sagt da ein junger Mann im Polohemd in aller Ruhe. ‚ÄěEs muss endlich die Endl√∂sung her‚Äú, sagt der neben ihm, nicht viel √§lter, ebenso ruhig. Seine Frau nickt nur und bestellt noch zwei Salzstangerl, weil die so sch√∂n knusprig sind an den Enden. W√§hrend ein gebrechlicher Mann mit Hut kopfsch√ľttelnd und murmelnden das Gesch√§ft verl√§sst. Als w√ľrde er sich denken: wie k√∂nnen sie nur! Und nicht mehr die Kraft haben, um es auszusprechen.

Es sind nicht die Verzweifelten, die in Vernichtungsfantasien schwelgen morgens beim Bäcker, die hetzen und hassen und drohen, wenn man dagegen ist.

Es sind die Satten und die Unzufriedenen. Die, die alles haben, die in Frieden leben, gut versorgt, ohne Not und ohne t√§glich k√§mpfen zu m√ľssen. Fast scheint es so, als ob ihnen der L√§rm des Mobs gefehlt h√§tte, das Rohe und das Unzivilisierte. Das Hetzen d√ľrfen, das Toben und das Hassen. Das Provozieren, das Hintreten, das Aussprechen von allem, was noch bis vor kurzem unsagbar war. Nicht aus Verzweiflung, nicht aus Angst und Ohnmacht, sondern aus purer Lust an der verbalen Gewalt. Es sind die politisch Verantwortlichen, die keine Verantwortung mehr √ľbernehmen wollen, die ihnen nichts entgegenhalten. Weil sie die Menschen nicht mehr zusammenhalten wollen. Weil es ihnen mehr n√ľtzt, sie zu entzweien.

Es liegt eine seltsame Anspannung in der Luft. Man muss sich zusammen tun, man muss aufstehen, man muss dagegen halten. Denn, wenn der Knall kommt, der sie zerreißt, wird es vielleicht zu spät sein.

barbara.kaufmann@kurier.at

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