Szene aus "Talking Gloves"/Sprechende Handschuhe

© Heinz Wagner

Kiku
05/26/2019

Gedichte und Musik sichtbar gespielt

„Sprechende Handschuhe“ beim einwöchigen Kulturaustausch-Projekt von Kärntner und russischen Jugendlichen. Fast 100 Fotos, 2 Videos.

von Heinz Wagner

Jugendlichen nehmen links und rechts an den Seiten der schmalen, aber tiefen Bühne im Kulturhaus von Kingisepp (ca. 150 km südwestlich von St. Petersburg) Platz. Im Hintergrund der Bühne steht Martin vor dem mittleren von drei Sesseln. Seine Kollegen Julian und Elias beginnen ihn mit Bandagen einzuwickeln - von den Füßen bis zum Kopf. Und den ganz. Den vor allem. Er soll die ganze Vorstellung lang nichts sehen und hören. Auch und nicht zuletzt darum geht’s in der rund ¾-stündigne Performance von Schüler_innen aus Kärnten - der NMS Klagenfurt Wölfnitz - und der Schule Nummer 1 der eingangs genannten russischen Stadt (rund 50.000 Einwohner_innen).

Blind und gehörlos gemacht

Erst als er Martin fertig eingewickelt und damit zweier Sinne beraubt ist, nehmen die drei besagten Jugendlichen auf den hinter ihnen stehenden Sesseln Platz. Noch hinter lassen sich Viktor, Katia und Dima nieder und beginnen mit ihren großen flachen Handtrommeln das künftige szenische Geschehen akustisch zu untermalen. Dabei reicht die Bandbreite von getrommelter militärischer Marschmusik bis zum wohl bekanntesten Trauermarsch von Frederic Chopin.

Martin wird ...

... von ...

... Julian und Elias ..

... einbandagiert ...

... bis er ...

... nichts mehr sieht und hört ...

... elias lormt ihm (nicht nur) den von Julian gesprochenen Text in die Hand ...

Inspiriert von einem Bild von Albin Egger-Lienz ...

... und Gedichten von August Stramm ..

... spielen die Jugendlichen Szenen, ...

... visualisieren die Poesie ...

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Martin wird wieder ausgewickelt ...

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Verbeugungen...

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.. Applaus - auch ind er Gebärdensprache - mit erhobenen Händen, die gedreht werden ...

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Danach werden die Bandagen ...

... wieder aufgewickelt ...

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Gespielte Gedichtzeilen

Jakob, Christoph, Lance, Pia, Hanna und Sophie spielen in der Folge Szenen zu Gedichten von August Stramm. Der experimentelle Poet bringt mit wenigen - auch erfundenen fast lautmalerischen - Worten, den Schrecken des Krieges, den er selbst er-, aber nicht überlebt, zum Ausdruck. Mit ihrem auf wenige, exakte, leicht erkennbare Bewegungen machen sie diese Text, die Julian laut, deutlich und punktgenau langsam in den Saal ruft, sichtbar.

Lormen

Währenddessen drückt Elias mit seiner rechten Hand die einbandagierte linke Hand Martins an Fingerspitzen und der Handfläche - Buchstabe für Buchstabe im Lorm-Alphabet. Über dieses kann mit Menschen, die nicht sehen und hören „gesprochen“ werden.

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Visuell

Der Sinn und Zweck des „gehörlos und blind“ gemachten jungen Schauspielers ist bewusster Teil der Inszenierung von Herbert Gantschacher. Er ist Erfinder des vormaligen Gehrlosentheater-Festivals, seit einigen Jahren Visual genannt. Womit nicht das Defizit, sondern das eigentlich Charakteristische solcher Theaterstücke hervorgehoben wird.

Szene aus "Talking Gloves"/Sprechende Handschuhe

Behinderungen als Kriegsfolge

Das hier gezeigte Stück, das - in teils anderer Besetzung - schon im Vorjahr in Wien beim genannten Festival zu erleben war, nimmt Bezug auf das Thema „Verborgene Geschichte - Taub - Blind - Taubblind - kriegsinvalid 1914 - 1918“. Als Folge des ersten Weltkrieges, bei dem 10 Millionen Menschen getötet wurden, gab es doppelt so viele Invalide, Menschen, die behindert wurden. Übrigens steht das diesjährige Festival Visual unter dem Motto „Frieden? Peace? Mir?“. Letzteres ist das russsiche Wort für Frieden. (mehr zu den Kinder- und Jugendstücken beim Festival weiter unten.

Stimmen der Jugendlichen

„Es war wieder cool“, findet Jakob nach der Aufführung im Kingisepper Kulturhaus zum Kinder-KURIER, „aber schon ein komisches Gefühl, dass es jetzt das letzte Mal war“. Manche der Mitwirkenden aus der Klagenfurt-Wölfnitzer NMS haben mittlerweile vier Jahre in dem Theaterprojekt mit Gantschacher, der sich schrittweise zurückziehen wird, mitgearbeitet, andere erst zwei Jahre.

Martin wirkt erleichtert. Immerhin ist er - nach ungefähr zehn Minuten, die das einwickeln dauert, eine halbe Stunde sozusagen eine sitzende Mumie. „Diesmal war der Sessel besonders unbequem“. Außerdem musste er schnell konzentriert überspielen, als Kollegen ihn zum Lachen bringen wollten. Und dennoch konstatiert der Regisseur: „Heute war Martin so präsent wie noch nie!“

Julian findet an dem Projekt vor allem die Reisen cool. Auch den Zwillingsschwestern Hanna und Sophie taugt das, sie loben vor allem die Gastfreundlichkeit der Russen „und wir wollen auf jeden Fall in Kontakt bleiben“. Übrigens ist einer der wichtigsten Eisbrecher das oft von so manchen Erwachsenen verteufelte Smartphone. „Can we make Selfie?“ ist einer der häufigsten ersten Sätze von beiden Seiten, ohne Schaue, beim Englischen einen Fehler zu machen.

Manche finden besonders cool, dass aufgrund der Reise(n) die Schule ausfällt, andere, dass die Gruppe fast so zusammen gewachsen ist wie eine Familie - mit so manchen Begleiterscheinungen. Eine nicht unbeträchtliche Traurigkeit darüber, dass es nun das letzte Mal war, schwingt praktisch bei allen mit.

Eine neue Gruppe aus der Kärntner Schule wird das Stück weiterführen. Florian aus der 1. Klasse erlernt von Elias das Lorm-Alphabet. „Er lernt das wirklich gut“, ist der junge „Lehrer“ schon ein wenig stolz.

Ob bei gemeinsamen Fotos ...

... oder beim Kartenspiel, ...

... beim Austausch von Infos ...

... werden Sprachbarrieren überwunden...

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...wichtige Frage: gibt's WIFI (WLAN)...

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... Geschenke von den russischen Schüler_innen

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Begegnung vor dem Alten Rathaus, in dem sich auch ein Jugendtreff befindet...

... vor dem Eingang spielt Aloyna einen Song der Gruppe Rammstein

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... und hier vorm Hotel, in dem die österreichische Gruppe wohnte ...

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Bald in Wien

Viktor (15), Katia (14) und Dima (13) sind erst am Beginn der gemeinsamen Woche erstmals mit den Trommeln, einem Cachon und einer Handrassel sowie vor allem diesem Stück und ihrer Rolle in Berührung gekommen. Sie reisen demnächst nach Wien, wo sie beim Festival Visual eben dieses Stück spielen werden - mit anderer Besetzung aus Österreich (aus der genannten NMS Klagenfurt-Wölfnitz sowie der HLW 9 Michelbeuern/Wien).

Für alle drei wird es der erste Österreich-Aufenthalt sein, im Ausland waren sie aber schon, Katia in der Türkei, Viktor in Finnland und Estland, das von Kingisepp nur wenige Kilometer entfernt ist. Er hat sich „schon ein bisschen auf Österreich und Wien eingelesen und im Internet Infos gesucht. Ich weiß, dass es guten Kaffe und gute Süßigkeiten gibt.“ Dima war schon in Griechenland und Spanien.

„Das Stück war nicht einfach. Es hat aber trotzdem Spaß gemacht, dabei zu sein. Vor allem das Thema schwer, richtig heavy“, meint Katia. Ein bisschen hart“ fand auch Viktor die Geschichte des Stücks.

„Ich hab zum ersten Mal auf der Bühne gespielt“, beginnt Dima, „aber ich hatte keine Angst, obwohl’s schon ein bisschen aufregend und auch nicht ganz einfach zu spielen war. Aber ich hab unbedingt mitmachen wollen und es war sehr interessant“, findet Dima.

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In den kommenden Tagen gibt's wetiere Berichte zum Kulturaustausch in Kingisepp.

Zunächst hier unten: Infos zum ARBOS-Festival sowie KiKu-BErichte aus dme Vorjahr.