Das bin ich - das sind wir ... junge Filmerinnen zeigen ihre Perspektive(n)

© IOM

Kiku
02/01/2020

„Das sind wir“ – Jungfilmerinnen geben Einblicke in ihre Welt

14 Mädchen aus der tschetschenischen Community Wiens drehten Videos über sich und ihre Gedanken und Zukunftswünsche.

von Heinz Wagner

„Hallo Leute, ich starte jetzt meinen Blog…“ So beginnt das knapp mehr als sieben-minütige Video „This is us!“. 14 Mädchen gewähren filmische Eindrücke in Facetten ihres Lebens, teils auch das Umfeld, ebenso teilen sie ihre Gedanken, Berufs- und Zukunftswünsche mit den Zuschauer_innen - eben „Das sind wir!“ (deutschsprachiger Titel des Videos: „Wir sind wir!“). Gemeinsam ist allen, dass ihre Familien eine Migrationsgeschichte haben – Herkunft: Tschetschenien.
„Ich weiß nicht genau, was sich Tschetschen_innen oder Österreicher, die nicht aus Tschetschenien kommen, darunter vorstellen, wie ich ausschauen sollte. Aber ich glaube es sieht anders aus als es ihnen präsentiert wird …“ heißt es bald nach den ersten filmischen Blicken aus dem Fenster über die Wohnhausanlage in der morgendlichen Dunkelheit.

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Lange und kurze, einmal auch verdeckte Haare

Manche der Mädchen nahmen sich auch selbst auf oder ließen sich von Kolleginnen aufnehmen – schwarze längere oder kurze, lange blonde Haare, einmal ein Kopftuch – also bunt gemischt präsentieren sich die jungen Filmerinnen. Eine erinnert sich an den Start im Kindergarten und erzählt, dass die Zeichen, die die Kinder für die Garderobe bekommen haben, Fahnen waren. „Es war toll, ich hab die österreichische Fahne gehabt und mich wie eine echte Österreicherin gefühlt, später spricht sie von den beiden Ländern, denen sie sich verbunden fühlt“. Viele in der tschetschenischen Community wachsen übrigens gleich dreisprachig auf: Neben Deutsch und Tschetschenisch wird in den Familien oft auch Russisch gesprochen, weil das für viele der Eltern in der Heimat die Unterrichtsprache war.

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HTLerin und breite, hohe Berufsziele

Die Kamera gleitet über Konstruktionszeichnungen – aus dem Off kommt der Ton: „Wir machen gerade Wände und Decken“. Diese Jugendliche besucht die HTL und wundert sich über so manche Menschen, die sie fragen, weshalb sie als Mädchen eine HTL besuche. Ihre Antwort: „Weil es mir gefällt.  … Mir ist es egal, was andere Leute sagen.“Ärztin, Designerin oder Architektin, Marketingmanagerin oder Flugbegleiterin, keine Pläne, Medizin studieren und Kinderpädagogin sind andere berufliche Perspektiven und Wünsche der jungen Filmerinnen. Eine meint: „Mein größter Wunsch ist es, die Matura zu schaffen.“

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Interview mit zwei der Filmerinnen

Der Kinder-KURIER traf zwei der jungen Filmerinnen, Amina und Rayana. Sie erzählten darüber, wie sie und ihre Kolleginnen das Video konzipiert, gedreht, Passagen ausgewählt und besprochen haben, was aus den einzelnen Teilen in den gesamten Kurzfilm rein soll. Das Video, bzw. die einzelnen Filme entstanden im Rahmen des Projekts „Wir: Workshops zur Integration und Radikalisierungsprävention“ der Internationale Organisation für Migration (IOM). (Mehr dazu weiter unten). Einerseits soll(te) es Jugendliche dabei begleiten sich und ihre Rolle in der österreichischen Gesellschaft zu reflektieren. Und andererseits gerade durch die Produktion der Videos sie zu ermutigen und stärken, ihre eigene Perspektive auf Alltag und Zukunftsperspektiven darzustellen bzw. zu zeigen. Und „nebenbei“ Medienkompetenz durch eigenes Tun zu erwerben bzw. auszubauen.Die beiden Jungfilmerinnen erklären dem Reporter manches, was sich aus dem Video nicht ganz von selbst ergibt. Dass der Anfang ein wenig verwackelt ist, „soll auch das Aufstehen, das Gefühl am Morgen authentisch rüberbringen“, interpretiert Rayana die Idee hinter genau dieser Art des Starts einer ihrer Kolleginnen.

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Einen Tag mit der Kamera

Sie und Rayana schildern, „jede von uns hatte die Kamera einen Tag und hat gefilmt, was sie wollte, was ihr wichtig war“. Zuvor gab es einen Workshop, wo die Jugendlichen die technische Handhabung ebenso ausprobierten wie erfuhren, bei welchem Licht welche Einstellung(en) am besten sind. „Und wir haben auch Licht und Ton gelernt und ausgetestet, weil wir uns dann oft gegenseitig unterstützt haben“. Das heißt, hat die eine ihren Tag gefilmt, haben in manchen Szenen andere für die richtige Beleuchtung gesorgt oder das Mikro optimal positioniert.Rayana fotografiert schon lange sehr gerne und fand das Erlernen des Filmens als Ergänzung und Erweiterung in Richtung Professionalisierung. Sie besucht ein Gymnasium in Wien-Floridsdorf und ihre Berufswünsche pendeln zwischen Rechtsanwältin und Wirtschaft, „vielleicht spezialisiere ich mich dann auf Wirtschaftsrecht“, entwickelt sie im Gespräch mit dem Kinder-KURIER spontan eine Kombinations-Idee.

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Medizin und viel Ehrenamt

Ihre Kollegin hat schon maturiert und weiß fix, dass sie Medizin studieren will, „als Kind wollte ich lange Zeit Köchin werden, dann wieder Rechtsanwältin, wie das halt bei Kindern so ist, wechseln die Wünsche oft. Medizin ist aber immer wieder als Wunsch aufgetaucht, manchmal auch Psychologie.“ Während der Vorbereitung auf den Aufnahmetest „arbeite ich ehrenamtlich bei der „Dokumentationsstelle Islamfeindlichkeit und antimuslimischer Rassismus“ (https://dokustelle.at/). Ich hab aber auch schon in der Schulzeit ehrenamtlich gearbeitete, unter anderem beim „Roten Kreuz“ bei „Frauen ohne Grenzen“ und anderen Vereinen und Einrichtungen.“

Sie selbst sei noch nicht oft und intensiv mit Rassismus konfrontiert gewesen, sagt Amina, führt das aber nicht zuletzt auch auf ihr Äußeres zurück: Lange blonde Haare, leichter deutscher Akzent. Und trotzdem sei sie hin und wieder schon mit blöden, abwertenden Bemerkungen – von Mitschüler_innen aber auch von Lehrer_innen - konfrontiert gewesen. „So ungefähr, was machst du denn hier… aber es ist nie eskaliert.“Für sie war Filmen ziemlich neu, „ich schreibe lieber, oft und gern meine Gedanken eher nur für mich selbst, so in der Art von Tagebüchern“, verneint sie die Frage, ob sie Texte schon einmal für einen Bewerb eingereicht hätte. „Ich liebe den Geruch von Papier und die Nähe von Worten, die ich aufs Papier bringe“, sagt sie im Video.

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Essen

Unterschiedlichste Stadtansichten, hin und wieder eines der Mädchen im Porträt, aber auch eine flauschige Katze oder das Schneiden von Karotten sind im Video zu sehen. An letzteres schließt sich die Aufzählung von Lieblingsspeisen an. Obwohl das nicht reihum passierte, sondern eingebettet war in den jeweiligen Tag der Filmerin, fällt gut ein Dutzend Mal „Mantysch“. Ein Manko des Videos: Es wird nicht erklärt, worum es sich dabei handelt – und selbst die Recherche im Internet brachte keine Aufklärung. Hier ist sie nun, wie Amina und Rayana dem KiKu schildern: „Das sind mit Fleisch gefüllte Teigaschen, die aber ganz speziell über Dampf gekocht werden.“

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Kämpfer?

In einer Szene spielen und rangeln zwei sehr junge Buben auf einem Bett. Die entsprechende Filmerin fragt – mit einem ironischen Unterton die Jungs: „Sind alle Tschetschener Kämpfer?“
„Fast alle, aber manche sind faul“, meint der Größere.

Auf die Frage nach Berufswünschen antwortet ein Dritter hinzugekommener Bub verschmitzt: „Polizei, die sind cool!“

Irgendwie irritiert das in der Gesamtschau – die strebsamen, wiss- und lernbegierigen Mädchen und die einzigen Buben die vorkommen, als Kämpfer?Auch dafür liefern die KiKu-Gesprächspartnerinnen eine Erklärung: „Das sind die Brüder einer der Filmerinnen und der älteste Bruder betreibt Kampfsport. Der ist für die Kleinen eine Art Vorbild.“

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Akzeptanz

Mehrere Filmerinnen äußern im Video wirkliche Herzenswünsche. Das reicht von Gesundheit für alle in der Familie und unter den Freund_innen über „glücklich leben“ und „Liebe“ bis zu „so akzeptiert werden wie ich bin“. Eine andere, eine der wenigen mit verhüllten Haaren, meint, „dass ich aufgrund meines Kopftuchs nicht ausgegrenzt werde“ und vielleicht zum Schluss der so einfache und gleichzeitig so große Satz: „Vielfalt und den Mut einzelner, Vielfalt willkommen zu heißen.“

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Hintergrund

Die Workshops, ja die ganze Aktion, lief/läuft unter „Wir: Workshops zur Integration und Radikalisierungsprävention“ der Internationale Organisation für Migration, Landesbüro für Österreich IOM), kofinanziert vom Außenministerium, das damals auch für Integration zuständig war. Schon im Vorjahr hatten Burschen in Wien und Mädchen in Linz dazu Videos gedreht. Bei der Fortsetzung entstand neben dem hier genannten Video in Wien auch eines in Linz – unter demselben Titel wie das das erste: „Nicht über uns ohne uns“.

„Das Projekt soll tschetschenische Jugendliche bei der Entwicklung ihrer Identität und der Integration in Österreich unterstützen, indem sie auf wertschätzende Art ihre Wurzeln reflektieren lernen und Strategien sowie Kompetenzen erwerben, um potentielle Radikalisierungstendenzen zu erkennen und kritisch hinterfragen zu können. Radikalisierung präventiv entgegenzuwirken ist somit das übergeordnete Ziel“, heißt es in der Beschreibung von IOM.

In diesem nun abgeschlossenen zweiten Durchgang des Projekts wurden einige der Teilnehmer_innen auch zu Multiplikator_innen ausgebildet. Sie können nun selbständig Konzepte für Mini-Workshops in Schulen entwickeln und durchzuführen.

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