Auch bei erwachsenen Schülern bringt Musizieren nachweislich positive Effekte.

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Gesund
10/12/2019

Warum Sie jetzt anfangen sollten, Klavier zu lernen

Musizieren hält das Gehirn nachweislich fit – und es ist nie zu spät, damit anzufangen.

von Marlene Patsalidis

Dieter Pichler putzt noch schnell seine Brillengläser. Dann setzt er sich auf den breiten Lederhocker. Mit einem gezielten Zupfen zieht er das rechte Hosenbein hoch, den Fuß platziert er auf dem Metallpedal. Dann legt er die Finger auf die glänzenden Tasten des Konzertflügels. Die Melodie von Beethoven erklingt.

Seit fünf Jahren spielt Dieter Pichler nun wieder Piano. Wieder deshalb, weil sich der gebürtige Tiroler bereits im Alter von sechs Jahren am Tasteninstrument versuchte. Damals durchaus mit Freude – aber auch auf Wunsch der Eltern.

Was ihm nun wieder Vergnügen bereitet, hat auch gesundheitliche Vorteile. "Das Besondere am Spielen eines Instruments ist, dass dabei viele verschiedene Gehirnregionen angesprochen werden, sowohl in der linken als auch in der rechten Hirnhälfte. Man verknüpft also Kognition und emotionales Erleben", erklärt Ulrike Anderwald, Klavierpädagogin in der Wiener Klavierschule des Traditionsherstellers Blüthner. Bei Erwachsenen beobachtet die Pianistin, dass diese "oft Hemmungen haben, ein Instrument zu erlernen". In herkömmlichen Musikschulen nicht zuletzt deshalb, weil sie den Vergleich mit Kindern scheuen. "Dabei spricht absolut nichts dagegen."

Bewegung im Gehirn

Im Gegenteil. In Studien konnte die US-amerikanische Neuropsychologin Brenda Hanna-Pladdy von der Emory University zeigen, dass Musiker, die zehn oder mehr Jahre musiziert hatten, die besten Ergebnisse in den Bereichen nonverbales und visuell-räumliches Gedächtnis erzielten. Auch das Benennen von Gegenständen sowie die Aufnahme und Verarbeitung neuer Informationen fiel Musikern im Vergleich zu Menschen ohne Musikerziehung leichter. Spannend: Die Musiker büßten den kognitiven Bonus nicht ein, wenn sie jahrzehntelang kein Instrument gespielt hatten.

So war es auch bei Dieter Pichler: Nach dem Umzug nach Wien und dem Abschluss des Studiums gab er das Musizieren auf. "Irgendwann war keine Zeit mehr dafür, und ein wenig hat mich auch die Konkurrenz mit meinem Bruder, der wahnsinnig begabt ist, frustriert", erinnert sich der 54-Jährige. Als ihm seine Schwiegermutter ein altes Klavier schenkte, "habe ich plötzlich wieder Lust verspürt, zu spielen". Den in die Jahre gekommenen Flügel ließ der Geschäftsmann restaurieren. Er selbst begann, das einst Erlernte wiederzubeleben. Von seinem Bruder bekam er den Rat, sich Unterstützung von einem Profi zu holen. So kam es, dass sich die Wege von Dieter Pichler und Ulrike Anderwald kreuzten.

Selbst wenn man erst später im Leben ein Instrument erlernt, ergeben sich förderliche Effekte. Die Musikwissenschafterin Jennifer Bugos von der University of South Florida untersuchte die Auswirkungen von Klavierunterricht auf Erwachsene zwischen 60 und 85 Jahren. Die Teilnehmer profitieren innerhalb weniger Monate – etwa bei der Gedächtnisleistung, Wortfindung und Informationsverarbeitung.

Generationenspiel

Heute gehen dem 54-Jährigen Beethovens Bagatellen leicht von der Hand. Doch das ist nicht alles. "Beim Musizieren geht es für mich viel um Emotion. Dadurch, dass ich fast täglich übe, beschäftige ich mich intensiver mit meinen Gefühlen und bemühe mich, sie im Alltag besser wahrzunehmen." Die Frustration und das Gefühl, üben zu müssen, das er aus Kindertagen kannte, sind "wie weggeblasen". "Die Fehler, die ich damals gemacht habe, halten sich aber hartnäckig", sagt er. "Der Rhythmus ist meine Schwäche geblieben."

Mit seiner neuen, alten Leidenschaft hat er seine Kinder angesteckt. "Der Jüngste macht es mit Begeisterung, da hat sich sogar ein kleiner Wettbewerb zwischen uns entwickelt", sagt der dreifache Vater. Bei seinem Sohn beobachtet er, "dass er sehr schnell Fortschritte macht, wenn er es will". "Allerdings spielt er auch öfter schlampig und nimmt das, was der Lehrer sagt, nicht so genau. Ich bin da disziplinierter", sagt der 54-Jährige und lacht.

Auch Ulrike Anderwald beobachtet Unterschiede zwischen ihren jüngeren und älteren Schützlingen: "Erwachsene wissen ganz genau, was sie wollen, das ist ein Vorteil im Lernprozess. Dafür lernen Kinder spielerischer, schauen sich vieles schneller ab und agieren allgemein unbekümmerter, intuitiver und spontaner."

Dieter Pichlers Traum: "Irgendwann möchte ich vierhändig spielen können, mit einem Partner am Klavier. Das ist für ein Soloinstrument etwas Besonderes – und mein großes Ziel."

Blüthner Musikschule für Erwachsene: Bräunerstraße 5,1010 Wien

MUSIK RAUM Coworking Musikschule: Henriettenplatz 1/2a, 1150 Wien

Musikinstitut Polyhymnia: Linzerstraße 146, 1140 Wien

Vienna Music School: Staudgasse 3, 1180 Wien & Semperstraße 58, 1180 Wien

Musikschule der Stadt Linz: Fabrikstraße 10, 4020 Linz

Musik lernen in Graz: Untere Teichstraße 3, 8010 Graz

Musikpunk Klagenfurt: Spatwiesenweg 4, 9020 Klagenfurt

Klavierhaus piano.art Tirol: Haller Straße 41, 6020 Innsbruck