Thomas Brezina

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Leben
08/31/2019

Thomas Brezina: "Viele vergessen das Kind in sich"

Der Kinderbuchautor Thomas Brezina wünscht sich, dass Eltern sich selbst weniger ernst und ihre Kinder ernster nehmen.

von Daniela Davidovits

Im Buch "Blödsinn gibts nicht" verrät Bestseller-Autor Thomas Brezina Eltern, wie sie "Kinder für das Leben begeistern."

KURIER: Sie schreiben, dass Eltern die Fähigkeiten ihrer Kinder erkennen und unterstützen sollten. Das finden viele gar nicht so einfach.

Thomas Brezina: Ich sage ihnen: "Bitte fragt euch, wer ihr als Kind wart und fühlt zurück. Was hat euch Freude gemacht? Was hat euch geärgert?" Daraus lernt man aus meiner Sicht das meiste für die eigenen Kinder. Im Buch habe ich Fragebögen und Brief-Ideen, um wieder einen Zugang dazu zu finden. Das zweite Thema ist: Wie wollen wir ein Kind sehen? Michelangelo hat gesagt, er sieht in jedem Marmorblock schon die Statue. Er muss rundherum nur alles wegschlagen und schon steht sie da. Wenn man das auf Kinder überträgt, wäre das eine große Respektlosigkeit. Man muss als Elternteil auch akzeptieren können, wenn das Kind etwa kein Instrument lernen will.

Bleiben wir bei dem Klavierbeispiel. Wie ist die Gratwanderung zwischen „laufen lassen“ und dem Gegenpol der Tigermom, die ihre Kinder drillt? Sportler wie Tennisspielerin Steffi Graf oder Geiger David Garrett sagen, dass sie es ohne den Druck ihrer Eltern nie geschafft hätten.

Die Trennlinie liegt zwischen einer Erwartung der Eltern oder einem Talent des Kindes, bei dem es die Unterstützung der Eltern braucht, damit es auf seinem Weg bleibt. Kindern soll man begeistern für möglichst vieles rundherum. Ein befreundeter Musiker hat mir gesagt, dass er nie so weit gekommen wäre, wenn seine Eltern ihn zum Üben gezwungen hätten.

Die Erwartungshaltung ist ein großes Thema unserer Zeit. Viele Eltern haben einfach Angst, dass aus ihrem Kind später nichts wird.

Ich beobachte viele Familien und Kinder. Im Buch schreibe ich über einen Freund, einen Koch. Er hat früher immer gesagt, dass sein Sohn nicht ernsthaft genug sei. Der Sohn hingegen war der Meinung, sein Vater würde alles aburteilen, was er sagt. Ich habe dem Vater geraten, mit den berühmten W-Fragen (wer, wann, wo, Warum, wie, Anm.d.Red.) offen ins Gespräch zu gehen und ihm wirklich zuzuhören. Sein Sohn ist jetzt 30 Jahre alt und wirklich erfolgreich. Was ich auch oft beobachte, ist, dass die "einfachen Kinder", bei denen alles gut läuft und die immer strebsam sind, manchmal im späteren Leben eher etwas verloren wirken.

Wie schafft man Begeisterung?

Man sollte Kinder viele Erlebnisse mitgeben und nicht davor bewahren, Spaß zu haben. Angezogen ins Wasser fallen, mit den Händen in der Erde wühlen, durch den Regen laufen. Liebe und Achtung für ein Kind ist die Sonne, die es braucht. Und immer Respekt vor der Persönlichkeit.

Da gibt es auch eine Gratwanderung: Wie viel Kind soll man selbst mit den eigenen Kindern sein, wie sehr sein Freund?

Eltern dürfen sich nie anbiedern. Sie sind Respektspersonen. Der Respekt muss daher kommen, dass das Kind merkt, ich habe hier jemanden an meiner Seite, auf den ich mich verlassen kann, der sein Bestes probiert. Das wird ein Kind aus seiner Position manchmal nicht erkennen. Dann kann ich es wie ein guter Coach dazu bringen, das zu machen, was es machen soll. Nur wenn sich Eltern auf ein Podest stellen und die Kinder als dumm und unfähig ansehen, dann haben wir ein Problem. Beim Essen mit den Freunden habe ich neulich der Tochter gesagt: "Eltern sind nie so toll, wie man als Kind glaubt, und nie so schrecklich, wie sie einem als Teenager erscheinen."

Das Thema „Anbiedern“ ist ein ganz wichtiges, bei Eltern und bei Lehrern. Mein 13-jähriger Sohn hat mir jetzt gesagt, was ihm früher an den Tom-Turbo-Folgen so gefallen hat: "Thomas Brezina hat die Kinder unterstützt, aber sie machen lassen."

Ich habe immer Respekt vor Kindern gehabt. Ich glaube an Kinder. Mag ich jedes Kind? Nein. Ist mir jeder Erwachsene sympathisch? Nein. Als junger Präsentator habe ich eine Kinder-Diskussionssendung live im Fernsehen moderiert. Wir gehen hinein und ein 12-jähriger Bursche sagt zu mir: "Ich finde du bist ein Trottel". Ich habe ihm in die Augen geschaut und ihm gesagt "Ich sag’s dir ganz ehrlich, ich weiß nicht, ob du mir sympathisch bist, aber wir machen jetzt da drinnen in zehn Minuten eine Diskussionssendung. Die können wir professionell miteinander machen, wenn du das gerne möchtest. Wenn nicht, dann warte bitte draußen." Er hat mich angeschaut und gesagt "ok". Er war der beste Teilnehmer von 50 Sendungen und hat wirklich gescheite Sachen gesagt. Und beim Hinausgehen hat er gesagt: "Du bist gar nicht so blöd".