Gesund
03/26/2019

Prostatakrebs: Wie Früherkennung und bessere Therapien helfen

Nach der Erkrankung von Kardinal Christoph Schönborn: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

„Dass ein prominenter Mann in Österreich vor die Presse tritt und von sich aus bekannt gibt,  ,ich habe Prostatakrebs‘, daran kann ich mich nicht erinnern. Viele Männer verschweigen das.“  Große Anerkennung zollt Martina Löwe, eine der beide Krebshilfe-Geschäfsführerinnen, Kardinal Christoph Schönborn für seinen Schritt.

„Das Leben ist ein Geschenk, für das ich jeden Tag dankbar sein darf.“ Das schrieb Kardinal Christoph Schönborn nach Bekanntwerden seiner Prostatakrebs-Diagnose auf Twitter und bedankte sich „für alle guten Wünsche und Gebete“. So ernst eine Krebsdiagnose sei, „so dankbar bin ich, dass durch Früherkennung und die modernen Behandlungsmethoden meine Aussicht auf vollständige Genesung sehr gut ist“.

Eine positive Entwicklung zeigen auch Daten der Statistik Austria: Nimmt man eine Bevölkerungsgruppe mit theoretisch gleichbleibender (statt steigender) Altersstruktur, dann ging seit 2003 die jährliche Sterberate um 33 Prozent zurück (2016 waren was 1225). „Das hat, abgesehen von der längeren Lebenserwartung, mit verbesserter Früherkennung und Therapie zu tun“, sagt Urologe Stephan Madersbacher, Vorstand der Urologie und Andrologie im Kaiser-Franz-Josef-Spital in Wien. Er beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche sind die wichtigsten Risikofaktoren?

Dazu zählen das Altern, das männliche Sexualhormon Testosteron, erbliche Belastung sowie – in gewissem Umfang – auch die Ernährung. Ab dem 45. Lebensjahr steigt die Rate an Neuererkrankungen deutlich an, deshalb sollte man ab 45 an eine Vorsorgeuntersuchung beim Urologen denken, bei erblicher Belastung etwa fünf Jahre früher.

Welche Aussagekraft hat der PSA-Test?

Der PSA-Test ist derzeit die einzige Möglichkeit, um Prostatakrebs in einem frühen, noch heilbaren Stadium zu diagnostizieren. Das prostataspezifische Antigen (PSA) ist ein Eiweiß, das von Zellen der Prostata produziert wird und bei einer Krebserkrankung erhöht ist. Ein erhöhter PSA-Wert im Blut kann aber auch andere Ursachen haben (Harnwegsinfekte, gutartige Vergrößerung der Prostata, Radfahren, Geschlechtsverkehr). Ist der PSA-Wert im zeitlichen Abstand bei zwei Blutproben erhöht, sind weitere Untersuchungen angezeigt.

Der PSA-Test wurde lange kritisiert, weil durch ihn auch Erkrankungen entdeckt werden, die vermutlich keiner Behandlung bedurft hätten.

Das Grundproblem ist, dass die Aggressivität eines Tumors oft nicht eindeutig zu bestimmen ist. Aber mit modernen diagnostischen Methoden gelingt das zunehmend besser. Vor einer Biopsie sollte heute eine spezielle Magnetresonanztomographie (multiparametrische MRT) durchgeführt werden. Wir können so genauer als bisher aggressive von ,schlummernden‘ Tumoren unterscheiden. Dadurch können 30 Prozent der Biopsien eingespart werden. Eine weitere Strategie ist die aktive Überwachung von Tumoren mit niedrigem Risiko. Und wir halten uns bei solchen nicht aggressiven Tumoren mit aggressiven Therapien zurück.

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Wann ist diese aktive Überwachung möglich?

Bei Niedrig-Risiko-Tumoren mit einem speziellen Befund (PSA-Wert unter 10 ng/ml, Gleason Score 6). In Skandinavien werden 90 Prozent solcher Karzinome u. a. mit engmaschigen PSA-Tests überwacht – bei uns sind es ca. 10 bis 20 Prozent, mit steigendem Anteil. Bei diesen Patienten liegt – solange ihr Befund sich nicht verändert – auch ohne Therapie die Wahrscheinlichkeit, innerhalb der nächsten zehn Jahre an einem Prostatakrebs zu versterben, unter einem Prozent. Etwa die Hälfte der Patienten mit Niedrig-Risiko-Tumoren bricht die aktive Überwachung aber ab. Entweder, weil das Tumorwachstum doch voranschreitet oder weil sie das Abwarten psychisch nicht aushalten.

Und wenn eine Tumortherapie notwendig ist?

Dann gibt es zwei Standardtherapien, die gleichwertig sind: die Bestrahlung oder die Operation. Zunehmend etabliert sich die fokale Therapie. Dabei wird nicht mehr die gesamte Prostata entfernt oder bestrahlt, sondern nur mehr der Tumorbereich. Ermöglicht wird dies durch eine verbesserte Bildgebung. Damit lassen sich Tumore deutlich besser darstellen und gezielter bzw. lokalisierter behandeln. Ein hoher Prozentsatz der Patienten, die operiert oder bestrahlt werden, benötigen danach nie mehr eine Behandlung.

Steigt der PSA-Wert doch wieder an – ein Hinweis auf einen neuerlichen Tumorherd –, wird heute die etablierte Antihormontherapie mit zielgerichteter Hormontherapie und Chemotherapie kombiniert. Damit kann die Überlebensdauer auch im metastasierten Stadium deutlich verlängert werden. Durch neue Präparate wird Prostatakrebs bei vielen Patienten immer mehr zu einer chronischen Erkrankung.

KURIER Telefonstunde am Donnerstag

Prim. Stephan Madersbacher ist zum Thema Prostatakrebs am Donnerstag, 28.3. von 14:30 bis 15:30 Uhr am KURIER-Telefon erreichbar:  01 / 526 57 60.
Anfragen per eMail: gesundheitscoach@kurier.at

Kampagne der Krebshilfe: "Loose Tie"

Krebshilfe-Geschäftsführerin  auch Projektleiterin für die Krebshilfe-Kampagne „Loose Tie“ (lockere Krawatte), die kommende Woche startet.  Motto: Das Schweigen der Männer.  „Es ist – im Gegensatz etwa zu Brustkrebs bei Frauen – auch heute noch eine Ausnahme, wenn Männer offen über diese  Erkrankung reden.“ Der lockere Krawattenknopf soll ein Symbol dafür sein, den Alltagsstress einmal beiseite zu lassen und sich ab 45 Zeit für die Prostatakrebsvorsorge zu nehmen.

Löwe verweist auf eine Umfrage der Krebshilfe aus dem  Jahr 2015: „73 Prozent der Männer kennen die Vorsorgeuntersuchung, aber von dieser Gruppe macht sie trotzdem nur jeder Zweite.“
Wobei sich schon eine Änderung abzeichne: „Die jüngere Generation um die 45 hat schon einen anderen Zugang zu dem Thema. Aber gerade die 50- bis 60-Jährigen sind schwer zu erreichen.“

Deshalb tourt die Krebshilfe mit einer begehbaren Prostata durch Österreich und versucht Männer bei Veranstaltungen wie der Oldtimermesse in Tull gezielt anzusprechen.