Wissen und Gesundheit
06.09.2017

"Wir haben gelernt mit dem PSA-Test umzugehen"

Eine neue Studie zeigt: Bis zu 30 Prozent weniger Todesfälle. Weniger Nebeneffekte wie zu viele Untersuchungen und Operationen durch "Smart Screening".

"Der PSA-Test für Prostata-Krebs kann also doch Leben retten", schreibt die Los Angeles Times in ihrer Online-Ausgabe. Und in der New York Times lautet die Schlagzeile: "Neue Studie liefert Rückhalt für den Prostata-Test". Eine neuerliche Analyse von Daten zweier älterer Studien ergab: Der Prozentsatz der durch Prostatakrebs verursachen Todesfälle kann mit dem PSA-Test um 25 bis 32 Prozent gesenkt werden.

Die zwei Studien aus dem Jahr 2009 kamen zu unterschiedlichen Ergebnissen: Eine (aus den USA) zeigte damals keinen Rückgang der Todesfälle durch regelmäßige PSA-Tests, die andere (aus Europa) hingegen eine Reduktion um 20 Prozent.

Das Problem der US-Studie: Auch in der Kontrollgruppe, die eigentlich keine PSA-Tests hätten durchführen lassen sollen, gingen 90 Prozent zum Test – deshalb zeigte sich kein Unterschied in der Sterblichkeit.

Für eine neue Studie wurden jetzt die Daten der beiden älteren Untersuchungen neu ausgewertet – und da war das Ergebnis eindeutig.

"Für die Fachwelt war das keine Überraschung", sagt Univ.-Prof. Shahrokh F. Shariat, Leiter der Uni-Klinik für Urologie der MedUni Wien / AKH Wien: "Wir sind uns mittlerweile einig, dass der PSA-Test die Zahl der Todesfälle senken kann. Jetzt geht es um den sinnvollen Einsatz des Tests." Allerdings: Aus den USA weiß man, dass die Diskussionen um den PSA-Test zumindest dort zu einer Verunsicherung der Bevölkerung geführt haben: "Die Zahl der Tests ging zurück, jene der spät entdeckten Karzinome nahm zu."

Worum es jetzt gehe, sei das Verhältnis von Schaden und Nutzen des PSA-Tests zu optimieren, also die Zahl der Überdiagnosen zu reduzieren. Gemeint sind damit jene Männer, deren Krebs ohne Test nicht aufgefallen wäre und die vermutlich keiner Behandlung bedurft hätten – aber dennoch behandelt wurden. "Um das zu verhindern, gibt es mehrere Regeln", betont Shariat.

"Es geht nicht darum, jeden Tumor zu behandeln – sondern jene zu finden, die man behandeln muss", sagt Univ.-Doz. Michael Rauchenwald, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Urologie.

Verlauf ist wichtig

Ein wesentlicher Punkt dabei: Nicht gleich nach dem ersten erhöhten PSA-Wert eine Biopsie (Gewebeprobe) durchführen. "Wichtiger als der Einzelwert ist der Verlauf", betonen die Urologen. "Steigt ein niedriger Wert rasch an, muss man hellhörig werden " Der PSA-Wert sei nur ein Mosaikstein in der Diagnostik: "Es sind letztlich mehrere Steinchen, die ein klares Bild ergeben."

Und auch wenn Krebs nachgewiesen ist, heißt das nicht, dass gleich operiert wird: "Das hängt vom Biopsie-Ergebnis ab – wie viel Krebsgewebe wird gefunden, wie ist es beschaffen." Bei nicht aggressiven Tumoren kann das Prinzip der "Active Surveillance" – der engmaschigen Kontrollen und Überwachung – eingesetzt werden. "Damit kann man den Patienten viele Therapien ersparen", betont Shariat. "Wenn eine Therapie notwendig ist, sollte sie nur an einem spezialisierten Zentrum durchgeführt werden."

Rauchenwald: "Wir sehen immer noch zu viele Männer Mitte 50 mit so stark fortgeschrittenen Prostatakarzinomen, dass man sie nicht mehr heilen kann. Diese Fälle wären vermeidbar. Wir haben gelernt, mit dem PSA-Test umzugehen."

Und Shariat ergänzt: "Es geht nicht mehr um PSA-Screening ja oder nein. Es geht um Smart Screening – ein intelligentes Vorgehen nach Vorliegen des Testergebnisses." Sinnvolles wäre ein strukturiertes Testprogramm mit klaren Richtlinien, vergleichbar mit dem Mammografie-Screening: "Wir brauchen ein Vorsorgeprogramm auch für Männer."