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Gesund
09/09/2019

Migräne & Co.: Welche sanften Verfahren helfen können

Wie Häufigkeit und Intensität der Beschwerden mit nicht medikamentösen Maßnahmen gesenkt werden können.

von Ernst Mauritz

Es ist oft eine Routine, über die gar nicht mehr nachgedacht wird: Treten Kopfschmerzen auf, wird einfach eine Schmerztablette geschluckt. Geschieht das aber mehr als zehnmal im Monat – und das mehrere Monate hindurch –, können die Schmerzmittel selbst Kopfschmerz auslösen. „Man sollte deshalb gegen regelmäßig auftretende Kopfschmerzen – egal ob Spannungskopfschmerz oder Migräne – immer auch nichtmedikamentöse Verfahren einsetzen“, sagt der Neurologe Peter Berlit zum KURIER. Er ist Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). „Vielfach kann so die Häufigkeit und Intensität von Schmerzattacken um zumindest die Hälfte reduziert und die Medikamenmenge verringert werden.“

  • Eine Verhaltenstherapie mit einem Psychotherapeuten oder Psychologen soll helfen, ungünstige, Stress auslösende Lebenssituationen und Verhaltensmuster zu verändern.
  • Biofeedback Anspannung oder Entspannung von Muskulatur und Blutgefäßen werden dabei über Elektroden erfasst und in gut wahrnehmbare akustische oder visuelle Signale umgewandelt. Der Schmerzpatient erhält damit eine Rückmeldung über seinen Zustand und kann lernen, diesen zu verändern.
  • Entspannungstechniken wie die Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen: Nach der Reihe werden einzelne Muskelpartien kurzfristig angespannt und gelockert.
  • Physiotherapie Medizinisch kontrolliertes Training hilft, Fehlhaltungen zu korrigieren und muskuläre Verspannungen zu beeinflussen.
  • Ausdauersport „Ob man zügig geht, läuft, mit dem Rad fährt oder schwimmt ist egal“, sagt Berlit: „Wichtig ist, dass man mindestens drei Mal die Woche für idealerweise rund 40 Minuten den Puls auf zirka 130 Schläge beschleunigt. Das hat sowohl einen positiven Effekt bei der Migräne wie auch dem Spannungskopfschmerz.“
  • Akupunktur „Eindeutig erwiesen ist eine Wirkung bei chronischer Migräne, also bei 15 oder mehr Migränetagen pro Monat.“
  • Pfefferminzöl Großflächig auf Nacken und Schläfen aufgetragen, hilft es vielen bei Spannungskopfschmerzen in der Akutsituation.
  • Pestwurz Präparate mit den Wirkstoffen dieser Pflanze können bei einem Teil der Patienten die Zahl der Migräneattacken verhindern, betont Berlit: „Hier gibt es eine Studie, die alle wissenschaftlichen Kriterien erfüllt.“
  • Viel Wasser trinken Regelmäßig und ausreichend Wasser trinken kann ebenfalls positive Effekte auf Schmerzhäufigkeit und Schmerzintensität haben.

Manche Neurologen und auch Allgemeinmediziner empfehlen aber auch noch andere Nahrungsergänzungsmittel, etwa Riboflavin (Vitamin B12), Coenzym Q10 oder Magnesium. Für Berlit fehlen hier aber eindeutige Wirknachweise.

Bei einer jüngst publizieren kleinen texanischen Studie mit 42 Patientinnen und Patienten berichteten diese zwar eine Reduktion der Kopfschmerzintensität und -häufigkeit durch hoch dosiertes Riboflavin (200 bis 400 mg täglich) um zumindest 50 Prozent. Doch Berlit ist skeptisch: „Das ist eine reine Beobachtungsstudie, ohne Vergleichsgruppe mit einem Scheinpräparat, einem Placebo.“ Erst wenn es zwei (zufällig ausgewählte) Gruppen an Patienten gibt, wo weder Patient noch Arzt wissen, wer ein Medikament mit Wirkstoff und wer eines ohne bekommen hat, ist eine Studie aussagekräftig.

Nichtmedikamentöse Maßnahmen, deren Wirkung erwiesen ist, sollte man aber unbedingt ausprobieren, rät der Neurologe: „Die Kombination aus medikamentöser Therapie und sanften Maßnahmen ist erfolgreicher als die alleinige Einnahme von Medikamenten.“

Das Ziel einer Therapie

Das Ziel der Akuttherapie einer Attacke ist das Abklingen der Symptome innerhalb von zwei Stunden. Dies gelingt bei  70 Prozent der Patienten. Langfristig besteht das Therapieziel darin, die Häufigkeit der Anfälle um zumindest 50 % zu reduzieren. „Migräne tritt typischerweise nicht dann auf,  wenn man unter Stress steht, sondern dann, wenn der Stress vorbei ist, also zum Beispiel am Wochenende“, sagt Neurologe Berlit: „Dann kann es helfen, am Wochenende zur selben Zeit wie unter der Woche aufzustehen, um den üblichen Rhythmus beizubehalten.“

38 Prozent der erwachsenen Bevölkerung haben gelegentlich Spannungskopfschmerzen.

17 Prozent der Frauen leiden an Migräne.

6 Prozent der Männer leiden an Migräne.

10 bis 20 Jahre alt sind von Migräne Betroffene meist, wenn die Attacken beginnen.

40 bis 49 Jahre ist das Lebensalter, in dem Migräne am häufigsten vorkommt.