Rund 350.000 Blutkonserven werden in Österreich jährlich benötigt.

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Gesund
03/22/2019

Malaria durch Blutkonserven: Wie ein Experte das Risiko beurteilt

Tropenmediziner Herwig Kollaritsch: "Ein ganz kleines Restrisiko lässt sich nicht vermeiden." Infektion in Europa unwahrscheinlich.

von Ernst Mauritz

Malaria durch eine Blutkonserve: "So tragisch der eine Fall ist, darf man aber nicht die Relationen aus den Augen verlieren: Das ist eine absolute Seltenheit", betonte Freitag der Tropenmediziner Herwig Kollaritsch von der MedUni Wien und dem Zentrum für Reisemedizin in Wien im Gespräch mit dem KURIER. "In meiner 40-jährigen Tätigkeit als Tropenmediziner ist das der erste derartige Fall in Österreich, den ich mitverfolge. Und es ist auch aus der Zeit davor kein Fall bekannt."

Laut einer US-Studie liege die Wahrscheinlichkeit einer solchen Übertragung deutlich unter 1:1.000.000 - also eine Infektion auf rund eine Million Blutkonserven. Zum Vergleich: In Österreich werden jährlich bis zu 350.000 Blutkonserven verabreicht.

Laut einer kürzlich erschienenen italienischen Übersichtsarbeit habe es in ganz Europa in den vergangenen 30 Jahren nur 100 dokumentierte Fälle solcher Übertragungen gegeben: "Und da muss man noch berücksichtigen, dass die Blutspendesysteme in vielen Ländern vor 30 Jahren noch nicht so entwickelt waren wie heute - etwa, was die Kühlung der Konserven betrifft." So wisse man heute auch, dass alleine durch diese Kühlung (die Konserven werden maximal 42 Tage bei vier Grad Celsius gelagert) bei einer etwaiigen Infektion eines Spenders die Parasiten in der Regel abgetötet werden. "In der Schweiz etwa geht man davon aus, dass alleine die Kühlung einen ausreichenden Schutz bedeutet."

Aus seiner Sicht sei das ein Fall, "wo man sagen muss, es gibt - auch beim allerhöchsten Aufwand - keine hundertprozentige Sicherheit. Ein ganz ganz kleines Restrisiko lässt sich nicht vermeiden", betont Kollaritsch. "Denn auch eine durchgehende Testung auf die Malaria-Parasiten würde nicht garantieren, dass jede Infektion entdeckt wird." In einer US-Studie zeigte sich, dass ein Drittel der Infektionen trotz eines Tests auf die Malaria-Parasiten (Plasmodien) unentdeckt blieb.

Es müsse auch nicht sein, dass der Blutspender falsche Angaben vor der Spende gemacht hat (wer in einem Malariagebiet war, ist sechs Monate von der Blutspende ausgeschlossen, egal, ob er ein Prophylaxemedikament genommen hat oder nicht).

Die gefährlichste Malaria-Form ist die Malaria tropica, die immer akut und mit eher schwerem Verlauf auftritt. Es gibt aber auch andere Erkrankungsformen (Malaria tertiana und quartana). Welche Form nachgewiesen wurde, wird vom Roten Kreuz nicht bekannt gegeben: "Die genaue Diagnose fällt unter die ärztliche Schweigepflicht und darf nicht kommuniziert werden", sagt Johanna Scholz vom Österreichischen Roten Kreuz.

Deshalb sagt Kollaritsch, könnte es zum Beispiel durchaus sein, dass der Blutspender schon seit vielen Jahren mit einer meist eher gutartig verlaufenden Malariaform (Malaria quartana) infiziert ist, ohne dies zu wissen: "Diese kann so mild verlaufen, dass bei nach der Infektion auftretenden Symptomen wie leichtem Fieber der Patient  keine Notwendigkeit sieht, zum Arzt zu gehen, weil er gar nicht an Malaria denkt. Eine solche Infektion kann auch lange ohne Symptome überhaupt verlaufen.Und erst nach vielen Jahren treten dann milde Beschwerden wie leichtes Fieber auf."

Eine Malaria tertiana und eine Malaria quartana verlaufen deutlich milder als eine Malaria tropica.

Infektion in Europa unwahrscheinlich

Rein theoretisch könnte es auch in einem europäischen Land zu einer Infektion des Blutspenders gekommen sein. "Es gab vereinzelte Infektionen mit Malaria tertiana in Griechenland, auch aus Frankreich und Italien ist je ein Fall bekannt", sagt Kollaritsch. Eine solche Infektion beim Blutspender hält er aber für extrem unwahrscheinlich: "Blutkonserven können mehrere Wochen lang gelagert werden. Gleichzeitig dauert die Inkubationszeit - also die Zeit zwischen der Infektion und dem Auftreten der ersten Symptome - bei einer Transfusionsmaleria im Schnitt vier Wochen. Die Infektion müsste also im Winter stattgefunden haben, und das macht es sehr unwahrscheinlich."

"Infektion in Österreich schließe ich komplett aus"

Eine Infektion in Österreich schließt Kollaritsch komplett aus. "Wir hatten in den 40er Jahren zwar Fälle von Malaria tertiana in Österreich, etwa in der Lobau, in der Steiermark und in Lagern von Kriegsheimkehrern..Damals aber kamen viele Menschen aus Kriegsgebieten zurück, in denen Malaria heimisch war." Da es in Österreich Anopheles-Mücken gibt, die die Malaria tertiana übertragen können (nicht die Malaria tropica), kam es zu Infektionen: "Heute aber gibt es diese große Zahl an Infizierten nicht." Deshalb handle es sich auch bei allen in Österreich diagnostizierten Infektion um solche, die im Ausland erworben werden. Das sind gleichbleibend zirka rund 100 Fälle im Jahr.

Und auch die immer wieder genannte Airport-Malaria - infizierte Mücke kommt mit dem Flugzeug z.B. nach Österreich und löst  hier eine Infektion aus - sei mehr ein Mythos als tatsächliche Bedrohung: "Im Gegensatz zur Berichterstattung darüber sind diese Fälle extrem selten."

Kühlung reduziert Infektionsrisiko

Christoph Jungbauer, medizinischer Leiter der Rot-Kreuz-Blutspendezentrale für Wien, NÖ und Burgenland, sagte im KURIER-Gespräch, dass ein Konzentrat an roten Blutkörperchen (Erythrozyten-Konzentrat, dieses wird umgangssprachlich als Blutkonserve bezeichnet), zumindest eine Woche gekühlt gelagert wird, im Durchschnitt sogar zwei bis drei Wochen. "Sollten Malariaparasiten tatsächlich vorhanden sein - was schon sehr sehr unwahrscheinlich ist, aber sehr selten vorkommen kann -, werden sie in der Regel durch die Kühlung auf ein Niveau reduziert, dass es zu keiner Infektion mehr kommt."

Und: Man dürfe die Malaria-Testung nicht vergleichen mit einem Test auf Viren, wo mit einer Sicherheit von eins zu einer bis vier Millionen Erreger erkannt werden - also maximal in einer Blutkonserve von einer bis vier Millionen Konserven ein Nachweis nicht möglich ist. "Die Testung auf die Malaria-Parasiten ist viel schwieriger und viel weniger effizient." Vor allem bei milderen oder selteneren Verlaufsformen von Malaria sein ein Nachweis schwierig. Deshalb sei es in Ländern ohne Malaria-Vorkommen auch nicht üblich, derartige Tests routinemäßig durchzuführen.