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Gesund
08/01/2019

Magensäureblocker: Warum man sie auf keinen Fall verharmlosen darf

Die Präparate können Allergien fördern. Ein weiterer Grund, warum Ärzte vor unkritischer Einnahme warnen.

von Ernst Mauritz

Zu oft verschrieben, zu leichtfertig eingenommen: Seit Jahren kritisieren Experten einen zu lockeren Umgang mit Magensäureblockern – umgangssprachlich als „Magenschutz“ bezeichnet. Diese zählen laut Marktanalyse (IQVIA-Institut) zu den Top 20 der umsatzstärksten Medikamentengruppen. Und das, obwohl die Preise pro Packung unter der Rezeptgebühr liegen.

Von den rund 115 Millionen Verordnungen, die 2018  auf Kosten der sozialen Krankenversicherung abgegeben wurden, entfielen rund 3,5 Prozent  (rund 4 Millionen) auf Protonenpumpenhemmer. Wobei diese Zahl nur bedingt aussagekräftig ist:  Arzneispezialitäten mit einem Kassenverkaufspreis unter der jeweiligen Rezeptgebühr werden nur dann eingerechnet, wenn die betroffene Person gebührenbefreit war, heißt es in der Beantwortung einer KURIER-Anfrage beim Hauptverband.

Eine neue Studie im Fachmagazin Nature Communications gibt kritischen Stimmen, die vor einer Verharmlosung und unkritischer Einnahme warnen, Auftrieb: Demnach können solche Präparate Allergien fördern.

Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Umgang mit Magensäureblockern:

Was steht in der neuen Studie?

„Wer magenschonende Mittel wie Protonenpumpenhemmer einnimmt, erhöht sein Risiko für behandlungsbedürftige allergische Symptome um das Zwei- bis Dreifache“, sagt Erstautorin Galateja Jordakieva von der MedUni Wien. Bei 60-Jährigen verfünffacht sich das Risiko sogar. Die Forscher analysierten anonymisierte Sozialversicherungsdaten von 2009 bis 2013 (bis dahin waren die Medikamente generell rezeptpflichtig): Wer Rezepte für Säureblocker erhalten hatte, hatte ein deutlich höheres Risiko, auch Allergiemedikamente verschrieben zu bekommen.

Wie erklärt sich dieser Zusammenhang?

Wird die Magensäureproduktion reduziert, können Allergene leichter in den Darm vordringen – was die Entstehung von Nahrungsmittelallergien begünstigt. Gleichzeitig werden bestimmte Abwehrzellen empfindlicher und lösen rascher Prozesse im Immunsystem aus, die zu Allergien führen, sagt Studienleiterin Erika Jensen-Jarolim von der MedUni Wien. Sie sieht einen Einsatz in der Schwangerschaft besonders kritisch: „Eine US-Studie hat in der nächsten Generation ein erhöhtes Allergierisiko gezeigt.“

Wer benötigt die Medikamente wirklich?

Es gibt ganz klar umrissene Einsatzgebiete“, sagt die Gastroenterologin Vanessa Stadlbauer–Köllner vom LKH-Universitätsklinikum Graz. Etwa eine Entzündung der Magenschleimhaut (Gastritis) und ein Magengeschwür, wenn diese mit zu hoher Magensäureproduktion in Verbindung stehen. „Hier ist die Einnahme auf einige Wochen begrenzt.“ Ebenso kann eine zeitweise Anwendung bei starkem Reflux (Sodbrennen) gerechtfertigt sein, wenn andere Maßnahmen (etwa Gewichtsabnahme, Ernährungsumstellung, schlafen mit erhöhtem Oberkörper) wirkungslos blieben.

Auch bei bestimmten Medikamentenkombinationen – etwa Cortison und hoch dosierte Schmerzmittel – sind Säureblocker vorübergehend notwendig. Jensen-Jarolim: „Heute werden die Präparate aber oft auch etwa bei kurzfristigem Einsatz von Schmerzmitteln gegen Kopfschmerz verschrieben. Dafür besteht kein Grund.“

Was rechtfertigt eine Dauertherapie?

„Wenn durch das Sodbrennen bereits Veränderungen an der Schleimhaut der Speiseröhre aufgetreten sind, die das Risiko für Speiseröhrenkrebs erhöhen“, sagt Stadlbauer-Köllner. „Und wenn ältere Menschen nach Schlaganfall oder Herzinfarkt dauerhaft mehrere blutverdünnende Medikamente einnehmen müssen. Hier besteht ohne Säureblocker ein erhöhtes Risiko einer lebensgefährlichen Magenblutung.“ Eine Dauertherapie mit  niedrig dosierter Acetylsalicylsäure (Thrombo ASS) sei aber kein Grund für einen Magensäurehemmer.

Braucht man zu Antibiotika Säurehemmer?

„Dafür gibt es überhaupt keine wissenschaftliche Grundlage“, betonen die Medizinerinnen. Ganz im Gegenteil: Eine Kombination kann das Risiko von Darminfektionen mit gefährlichen Keimen wie Clostridium difficile erhöhen (wenn andere Bakterien abgetötet werden, aber diese hartnäckigen Krankheitserreger überleben).

Eine andere Studie zeigte, dass diese Präparate möglicherweise das Sterberisiko erhöhen. Was bedeutet das?

„Für die Studie wurden die Versicherungsdaten von Millionen US-Patienten analysiert“, sagt Stadlbauer-Köllner. Auch wenn der Einfluss von Krankheiten statistisch berücksichtigt wurde, zeigte sich ein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko unter Magenschutz-Einnahme. Ein Beweis ist das aber noch nicht. „Allerdings unterstreichen solche Ergebnisse zusätzlich, dass eine unkritische Dauereinnahme ohne eindeutige Notwendigkeit abzulehnen ist.“

Welche Nebenwirkungen gibt es noch?

Diskutiert werden negative Auswirkungen auf das Gedächtnis – manche Patienten berichten eine Besserung der Gedächtnisleistung nach dem Absetzen: „Aber hier fehlt es an Daten.“ Auch die Mineralstoffaufnahme (Magnesium, Kalzium) kann beeinträchtigt sein. Stadlbauer-Köllner: „Jedes Medikament hat Nebenwirkungen, und grundsätzlich sind diese Säureblocker – bei vernünftigem Einsatz – sichere und wichtige Medikamente, die auch Leben retten, weil sie das Risiko von Magenblutungen deutlich senken.“

Allerdings: „Es sind keine Lifestyle-Produkte, die man einfach so regelmäßig nimmt, nur um beim Fortgehen ungebremst Essen und Trinken zu können und dann am nächsten Morgen nicht sauer aufstoßen zu müssen.“

Protonenpumpen-Inhibitoren: Diese sind die am meisten verwendete Gruppe zum Blockieren der Magensäureproduktion. 2013 wurde in Österreich an 1.540.505 Personen zumindest eine Packung eines solchen PPI verschrieben.

So wird die Säure reduziert: Protonenpumpen sind Proteine (Eiweiße) in den Magenzellen, die Wasserstoffionen auffangen und aus den Magenzellen in das Mageninnere transportieren. Dort verbinden sich diese Ionen mit Chlorid – und (Salz-)Säure entsteht. Die Medikamentengruppe der PPIs „inhibiert“ (blockiert) diesen Ionentransport – weniger Magensäure kann gebildet werden, der Magen kann sich beruhigen. Daneben gibt es auch ältere, schwächere säurehemmende Präparate wie etwa H2-Blocker.