© Getty Images/iStockphoto/Kutsuks/istockphoto.com

Wissen Gesundheit
08/13/2019

Insektengift-Allergie: Betroffene unterschätzen oft die Gefahr

Heuer könnte die Belastung hoch werden. Insektengiftallergiker sind sich häufig der Risiken nicht bewusst. Worauf jetzt jeder achten sollte.

von Ernst Mauritz, Katrin Solomon

Im Spätsommer erreicht die Wespenpopulation ihren Höhepunkt: „Die Larven benötigen jetzt besonders viel Nahrung, wobei speziell das Eiweiß wichtig ist“, sagt Carl Crailsheim vom Institut für Biologie der Universität Graz. „Das Wespenjahr heuer scheint leicht überdurchschnittlich zu sein.“

Wespen und auch Hornissen sind für den Großteil der Bevölkerung zwar lästig, aber harmlos. Gefährlich können sie aber für Menschen werden, die auf das Gift dieser Insekten allergisch reagieren: „Viele der Betroffenen unterschätzen das Risiko“, sagt Wolfgang Hemmer vom Allergiezentrum Floridsdorf in Wien. Häufig wird eine erste schwere Reaktion auf einen Stich „nicht ganz ernst genommen“. Nur rund 20 Prozent lassen sich danach testen und eine allergen-spezifische Immuntherapie durchführen.

„Eine schwere allergische Reaktion ist durch eine spezifische Immuntherapie vermeidbar“, sagt der Lungenfacharzt Georg-Christian Funk, Vorstand der 2. Medizinischen Abteilung im Wiener Wilhelminenspital. „Wir sehen dann jene allergischen Patienten, die eine solche Therapie nicht gemacht haben, mit schweren allergischen Reaktionen in der Notaufnahme unseres Spitals.“ Jedes Jahr gibt es mehrere Todesfälle.

Wie kann man eine normale von einer allergischen Reaktion unterscheiden?

„Alle Symptome direkt an der Stichstelle sind in der Regel nur Lokalreaktionen“, sagt Hemmer. „Kommt es aber zu einem größeren Ausschlag, zu Schwellungen oder Atemnot, ist eine ärztliche allergologische Abklärung erforderlich“, betont Hemmer. Diese sollte in den Wochen nach dem Stich erfolgen.

Was aber ist bei einer nicht so eindeutigen stärkeren Lokalreaktion?

„Es ist oft schwer einzuschätzen, ob eine verstärkte Lokalreaktion bei einem neuerlichen Stich eine verstärkte Lokalreaktion bleibt oder der Patient doch stärker reagiert“, sagt die HNO-Fachärztin und Allergologin Petra Zieglmayer aus Klosterneuburg im Interview für die SchauTV-Sendereihe „Warum eigentlich?“. „Derzeit geht die Vorgangsweise in die Richtung, dass man in solchen Fällen großzügiger zur Durchführung einer Immuntherapie rät. Voraussetzung ist natürlich, dass der Patient vorher positiv auf das Insekt getestet wurde“, erläutert die Ärztin. Bleibt ein Allergietest ohne Ergebnis, handelt es sich lediglich um eine normale Reaktion auf das Insektengift.

Wie soll man handeln, wenn starke Reaktionen auf einen Insektenstich beobachtet werden?

„Bekommt jemand Quaddeln und Rötungen auf der ganzen Haut, Atemnot oder gar einen Kollaps, sollte man unbedingt an einen allergischen Schock denken“, sagt Wolfgang Schreiber, Chefarzt des Österreichischen Roten Kreuzes. „Dann muss sofort die Rettung gerufen werden.“ Ein besonders hohes Risiko für einen tödlichen Verlauf haben laut Hemmer ältere Männer mit schweren Herzgefäßerkrankungen: „Bei ihnen kann der Kreislauf die Folgen des allergischen Schocks nur schwer kompensieren.“

Wie lange dauert die Therapie – und wie wirksam ist sie?

„Für die Immuntherapie wird ein Zeitraum von drei bis fünf Jahren empfohlen“, sagt Hemmer. Durch Injektionen des Insektengifts in steigender Dosierung gewöhnt sich der Körper langsam an den Allergie-Auslöser. Zwar ist die Therapie aufwendig – die ersten Injektionen sind wöchentlich, dann vergrößern sich die Abstände auf vier bis sechs Wochen: „Aber die Erfolgsrate ist sehr hoch. Bei der Wespengiftallergie liegt sie bei rund 95 Prozent.“

Sind Hornissenstiche gefährlicher?

Nein. „Eine Hornisse wirkt bedrohlich, da sie mit rund drei Zentimeter Länge bedeutend größer ist als die meisten anderen Insekten“, sagt Crailsheim. „Ihr Stich ist schmerzhafter als der einer Wespe oder Biene, da der Stachel dicker und länger ist und damit tiefer in die Haut eindringt. All das macht die Hornisse jedoch nicht gefährlicher als ihre Artgenossen.“ Im Gegenteil: „Hornissen gelten als friedfertig und stechen nicht leicht“, sagt Hemmer. „Sie werden wahrscheinlich auch immer wieder mit anderen Insekten verwechselt und häufiger als stechende Insekten angegeben als sie es tatsächlich sind.“

Haben Wespen und Hornissen überhaupt einen Nutzen?

Auf jeden Fall. Wespen und Hornissen füttern ihre Larven vor allem mit Insekten, wie z. B. Insektenraupen, Fliegen, Mücken, Motten und Spinnen. „Sie sind somit nützlich und erfüllen als Schädlingsbekämpfer eine wichtige Funktion“, sagt Crailsheim.

Welche Funktion hat das Insektengift?

Bei Wespen und Bienen dient es einerseits zur Verteidigung. „Bei den Wespen aber in erster Linie für die Jagd“, sagt Hemmer. „Die Beutetiere, die als Futter der Larven dienen, werden damit gelähmt.“

Vorbeugung ist der beste Schutz:  Sabine Seidl  von der Umweltberatung Wien  empfiehlt, bei der Begegnung mit den Insekten Ruhe zu bewahren. ‚‚Auf keinen Fall sollte man versuchen, Wespen wegzublasen“, erklärt sie. Denn das Kohlendioxid in der Atemluft würde die Tiere aggressiv  machen.  ‚‚Besser ist es, sie abzuschütteln.‘‘ Auch Parfüms und stark riechende Körperlotionen würden anziehend wirken. Ein weiterer Tipp ist, Fallobst im Garten zu vermeiden und in der Nähe von Obstbäumen nie mit nackten Füßen unterwegs zu sein.

Siedeln sich Wespen im Garten oder auf der Terrasse an, treffen sie häufig auf verängstigte Bewohner. Laut Harald Brugger, Chemiker und Ökotoxikologe bei der Umweltberatung Wien, sollten Wespennester  auf keinem Fall eigenhändig entfernt werden. Er rät, sich an Profis wie  Schädlingsbekämpfer zu wenden. Gibt es keine unmittelbare Gefahr für Kinder oder Allergiker und hat man keine Angst, „kann man mit dem Spuk aber auch bis zum Spätherbst leben, denn dann sind die Wespen wieder fort‘‘, erklärt Brugger. Die Nester würden nämlich nur eine Saison lang besiedelt.

Um die Ansiedelung von Wespenvölkern  im Vorhinein zu verhindern, empfiehlt sich eine Nestattrappe. Den sogenannten ‚‚Waspinator‘‘ kann man im Internet bestellen oder über den Gartenfachhandel beziehen.  Alternativ kann ein braunes Papier zu einem nestgroßen Ball zusammengeknüllt und aufgehängt werden. „Wenn es nicht klappt, hat es zumindest nicht geschadet.‘‘

Wenn es  doch zu einem Stich kommt, gilt vor allem eines: nicht kratzen. „Gegen die Schwellung helfen Eis sowie Essig- oder Topfenwickel, Zwiebelsaft und Wärme lindern den Juckreiz‘‘, rät der Experte. Sofortige ärztliche Hilfe sei bei Stichen im Mund- und Rachenraum, sowie bei Allergikern notwendig.

Claudia Lepuch

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.