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Gesund
03/28/2019

Hochsensibiliät: Warum Reize zu viel werden können

Intensiver sehen, hören, fühlen – wenn Empfindungen schnell zu überwältigen drohen, ist man vielleicht hochsensibel.

von Magdalena Meergraf

Beeinträchtigen Lärm, Gerüche, helles Licht oder kratzige Stoffe Ihr Wohlbefinden? Spüren Sie Feinheiten in Ihrer Umgebung auf? Wirken sich die Launen anderer besonders stark auf Sie aus? Wenn Sie diese und noch mehr Fragen mit „Ja“ beantworten, sind Sie vielleicht hochsensibel.

Schon der berühmte Psychiater Carl Gustav Jung, ein Schüler von Sigmund Freud, war davon überzeugt, dass der fundamentale Unterschied zwischen Menschen durch eine Sensibilität zustande kommt. Die US-amerikanische Psychologin Elaine N. Aron hat diesen Ansatz aufgegriffen und in den 90er-Jahren zum ersten Mal das Phänomen der „Highly Sensitive Person“ (HSP) beschrieben.

Die Grundthese lautet: 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung sind hochsensibel. Ihr Nervensystem ist so konstruiert, dass es einerseits auf unterschwellige Dinge reagiert und dass es andererseits nach der Konfrontation mit heftigen Reizen einer längeren Erholung bedarf.

Nervensystem gefordert

Ein Reiz kann alles sein, was das Nervensystem wachrüttelt, seine Aufmerksamkeit fordert und die Nerven dazu bewegt, elektrische Signale zu senden. Üblicherweise denkt man dabei an etwas, das von außen kommt, aber ein Reiz entsteht auch von innen heraus – etwa durch Muskelverspannungen oder Hunger. Genauso kann er auch durch Erinnerungen oder Vorstellungen ausgelöst werden.

Ein Reiz kann sehr intensiv sein, wenn er überraschend erfolgt, zum Beispiel, wenn man sich wegen einer lauten Hupe erschreckt. Sehr komplex ist er beispielsweise auf einer Party, wenn man vielen Gesprächen gleichzeitig zuhört und nebenher noch Musik läuft. Was der Großteil der Menschen gar nicht bemerkt oder mit einem Augenzucken abtut, kann Hochsensible sprichwörtlich den letzten Nerv kosten und erschöpfend wirken.

„Selbst ein mittelmäßiger oder bekannter Reiz wie etwa ein Arbeitstag kann für Hochsensible Ruhe am Abend erfordern. Ich kenne unsere Eigenschaft ganz persönlich, einschließlich ihrer Vorzüge und Herausforderungen“, schreibt Aron in ihrem Buch mit dem Titel „Sind Sie hochsensibel?“, das als wichtigstes Werk zu diesem Thema gilt. Es enthält Erklärungsversuche, Ratschläge und einen Selbsttest mit 27 Fragen.

Kritik und Zustimmung

Seit der Veröffentlichung dieses Buches wurden einige kleine Studien veröffentlicht, die einen genetischen Zusammenhang von Hochsensibilität nahelegen. Auch im MRT (Magnetresonanztomogramm) zeigte sich bei Betroffenen in bestimmten Situationen ausgeprägte Hirnaktivität. Dennoch oder gerade deshalb stößt Arons Konzept nicht nur auf Zustimmung in der Fachwelt. Die Kritikpunkte: Es gibt zu wenig evidenzbasierte Studien. Der Fragebogen stehe auf einer wackeligen Basis. Und: Hochsensibilität ist keine anerkannte Krankheit und daher gibt es auch keine offizielle Diagnose.

Keine Krankheit

„Der Begriff beschreibt einen Wesenszug, keine Krankheit“, betont Robert Wechsberg, Facharzt für Psychiatrie: „Es werden nur häufig die Nachteile gesehen, weil es in unserer Gesellschaft nicht so hoch angesehen ist, sensibel zu sein.“

Dabei handle es sich um eine Ressource, die man nutzen kann. Hochsensible erfassen Feinheiten und Nuancen, viele sind besonders kreativ und intuitiv. Sie können gut zuhören, sind loyal und gewissenhaft. Einige setzen sich für idealistische Ziele ein und kämpfen für eine bessere Welt.

Schattenseiten

Diese Vorteile haben aber durchaus auch ihre Schattenseiten: „Hochsensible sind stressanfälliger, fühlen sich schnell überfordert. Bei Menschen mit psychischen Erkrankungen können diese Eigenschaften verstärkend wirken.“ Je besser Betroffene ihre Bedürfnisse kennen, desto eher können sie das Beste aus sich herausholen.

Das sieht auch der Klinische Psychologe und Psychotherapeut Johann Lehrner so, der in seiner Praxis immer häufiger auf das Phänomen angesprochen wird. „Man muss die Fragen ernst nehmen und abklären, ob eine erhöhte Sensibilität vorliegt oder nicht.“

Wo die Grenze liegt

Wo die Grenze zur Empfindsamkeit im normalen oder erhöhten Rahmen liegt und wo sie überschritten wird, sei aber schwierig zu sagen. „Momentan fehlen noch klare Definitionen und standardisierte Tests“, so Lehrner. „Hochsensibilität ist unter der Kollegenschaft noch ein Randthema, es wird zwar als interessant, aber exotisch angesehen. Unbestritten ist die Tatsache, dass manche Menschen überdurchschnittlich sensibel sind.“

Rückzug und Ruhe

Für sie ist es wichtig, Strategien für den Umgang mit ihrer Besonderheit zu entwickeln. Abgesehen von genügend Schlaf sind Auszeiten wichtig, um Erlebtes Revue passieren zu lassen. „Meditation wirkt gut gegen Stress. In akuten Situationen, zum Beispiel im Job, rate ich dazu, sich kurz auf die Toilette zurückziehen. Ein simpler, aber effektiver Tipp“, so Wechsberg. Die Augen zu schließen kann ebenfalls helfen. Denn etwa 80 Prozent der Informationen über die Umwelt werden über diese aufgenommen.

Die permanente Reizüberflutung kann dazu führen, dass Hochsensible ein ausgeprägtes Verlangen nach Rückzug und Ruhe entwickeln. Manche isolieren sich, sagen immer wieder Einladungen ab, verschieben Termine und nutzen die Freizeit, um sich zu erholen – was Außenstehende irritiert.

Ein offener Umgang kann hilfreich sein, wie Laura Karasinski im Interview erzählt: „Viele Freunde und Freundinnen verstehen nun vergangene Situationen besser und geben mir auch verständnisvoller den Raum, den ich brauche. Kunden verstehen, wenn ich Termine wegen Schlafstörungen absage. Ich wünsche mir, dass HSP in Zukunft weit verbreitet angenommen wird und nicht mehr lächerlich gemacht oder als Erfindung der Neuzeit eingestuft wird.“

Dieser Artikel ist im KURIER-Magazin Medico erschienen.

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