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Gesund
08/21/2019

Fluorid: Kann es eine Gefahr für die Gesundheit sein?

Die in manchen Ländern übliche Wasseranreicherung soll Auswirkungen auf die Intelligenz haben. In Österreich ist das verboten. Alle Fragen und Antworten.

von Ernst Mauritz

"Eine Studie wirft Fragen zum Thema Fluorid und dem Intelligenzquotienten von Kindern auf“, titelt die Washington Post: Quer durch die USA sorgt eine kanadische Studie für Aufsehen, die einen Zusammenhang zwischen einer hohen Fluorid-Aufnahme durch fluoridiertes Trinkwasser bei Schwangeren und einem leicht reduzierten Intelligenzquotienten (IQ) männlicher Nachkommen nicht ausschließt. Heimische Zahnmediziner betonen, dass diese Diskussion nichts mit Fluorid in (Kinder-)Zahnpasten zu tun hat. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was wurde in Kanada genau festgestellt?

In weiten Teilen der USA und Kanadas wird Trinkwasser fluoridiert, also künstlich mit Fluorid angereichert, um Kariesfälle zu reduzieren. Für die im Fachjournal JAMA Pediatrics erschienene Studie wurden 600 Schwangere und drei bis vier Jahre nach der Geburt deren Kinder untersucht. 40 Prozent der Frauen lebten in Städten mit fluoridiertem Trinkwasser, was sich auch an einem rund drei Milligramm höheren Fluorid-Spiegel in ihrem Urin zeigte. IQ-Tests bei den Kindern zeigten: Pro ein Milligramm höherer Fluorid-Spiegel im Urin fiel bei den Buben der IQ-Wert um rund 4,5 Punkte.

Wie ist die gesetzliche Lage in Österreich?

„Ein Zusatz von Fluorid in das Trinkwasser ist in Österreich nicht erlaubt“, sagt Manfred Eisenhut von der Interessengemeinschaft der Wasserversorgungsunternehmen (Österreichische Vereinigung für das Gas- und Wasserfach). Der Fluorid-Grenzwert der EU-Trinkwasserrichtlinie bzw. der österreichischen Trinkwasserverordnung (1,5 mg/l) werde nirgendwo überschritten, in der Regel liege der Wert deutlich darunter. Der Fluoridgehalt wird durch die Geologie bestimmt.

Ist jetzt erwiesen, dass mehr Fluorid einen Einfluss auf den IQ hat?

„Ich bin da sehr skeptisch“, sagt Jürgen König, Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften der Uni Wien. „Einerseits sind IQ-Messungen grundsätzlich umstritten. Und ob die niedrigeren Werte wirklich mit Fluorid zu tun haben, ist derzeit schwierig zu sagen. Nicht geklärt ist auch, warum nur Buben betroffen sein sollen.“ Exakte Daten zur Fluorid-Aufnahme in Österreich durch Wasser und Lebensmittel gebe es zwar keine: „Ich gehe aber weder von einer Über- noch von einer Unterversorgung aus.“ Allerdings: Liegt im Trinkwasser der Fluorid-Gehalt über 0,7 mg/l, sollte man auf einen Konsum mit Fluorid angereicherter Produkte wie Speisesalz verzichten.

Welche Fluorid-Empfehlungen gibt es für Kinderzahnpasten?

Bereits ab dem Durchbruch des ersten Milchzahns sollen Kinder bis zum zweiten Geburtstag entweder zweimal täglich mit einer erbsengroßen Menge einer Zahnpasta mit 500 ppm Fluorid putzen oder mit einer nur reiskorngroßen Menge einer Zahnpasta mit 1000 ppm. Vom zweiten bis zum sechsten Geburtstag sollen Kinder zweimal täglich ihre Zähne mit einer erbsengroßen Menge einer Zahnpasta mit 1000 ppm Fluorid putzen, empfehlen die zahnärztlichen Fachgesellschaften.

Die empfohlenen Fluorid-Konzentrationen wurden erhöht. Warum?

Bis 2018 wurden bis zum sechsten Geburtstag Zahnpasten mit reduzierter Fluoridkonzentration (500 ppm, parts per million) angeraten. Allerdings haben neuere Analysen von Studien gezeigt, dass ein überzeugender Nachweis für die Wirksamkeit von Zahnpasten mit dieser reduzierten Fluoridkonzentration fehlt. Und der Kariesrückgang fiel im Milchgebiss im Vergleich zu den bleibenden Zähnen bisher deutlich geringer aus.

Petra Drabo, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde, empfiehlt sogar, dass Kinder bereits ab dem Alter, ab dem sie ausspucken können (in der Regel zwischen dem 3. und 4. Geburtstag), auf „Junior-Zahnpasten“ – oder auf Erwachsenenzahnpasten mit rund 1400 ppm Fluorid umsteigen. Spätestens werden Erwachsenenpasten ab dem 6. Geburtstag empfohlen, Fluoridtabletten hingegen sind keine generelle Vorsorgemaßnahme mehr: „Heute sind die Zahnpasten deutlich besser, sie sind nicht mehr notwendig.“

Kann die sachgemäße Anwendung von fluoridhältiger Zahnpasta gesundheitsschädlich sein?

Nein. Bei Kindern bis zu einem Alter von etwa acht Jahren kann das regelmäßige Verschlucken von fluoridhaltiger Zahnpasta zu einer milden dentalen Fluorose führen – leichte Zahnverfärbungen, feine weißliche Flecken. Diese sind aber nicht gesundheitsschädlich. „Langfristige Gesundheitsprobleme sind bisher nicht bekannt“, schreibt die Plattform medizin-transparent.at.

Demgegenüber ist die Senkung des Kariesrisikos durch fluoridhaltige Zahnpasta gut belegt. Kariesbakterien im Belag (Plaque) an den Zähnen spalten die Kohlenhydrate aus der Nahrung in Säuren auf. Diese lösen Mineralien wie Kalzium und Phosphat aus dem Zahnschmelz heraus. Zahnärztin Irene Zifko: „Fluorid hilft, die Mineralien wieder in den Zahnschmelz einzubauen. Einerseits härtet Fluorid die Zähne und macht sie resistenter gegen Säuren, andererseits hemmt Fluorid das Bakterienwachstum.“

Manche behaupten, Fluorid sei giftig?

„Nicht in den Mengen, die wir üblicherweise aufnehmen“, schreibt die Stiftung Warentest. „Es wird immer Fluor mit Fluorid verwechselt“, erklärt Zifko: „Fluor ist ein giftiges Gas.“ Fluoride sind die Salze des Fluors und kommen überall in der Natur vor. Lebensgefährlich kann es für ein einjähriges Kind werden, wenn es rund 45 Gramm einer Erwachsenen-Zahnpasta essen würde, so medizin-transparent.

Wirken Zahnpasten ohne Fluorid?

Bei einem Test der Stiftung Warentest sind drei Zahnpasten durchgefallen – jene, die kein Fluorid enthielten. Die Hersteller setzen stattdessen auf pflanzliche Substanzen. „Deren Schutzwirkung vor Karies ist nicht ausreichend nachgewiesen“, schreibt die Stiftung Warentest.