Kathrin Schwarzenbacher hat sich von den Strapazen der Chemotherapie erholt: „Mir geht es wieder gut“.

© Kurier/Jeff Mangione

Gesund
10/14/2019

Falsche Diagnose: Der Krebs, der keiner war

Ein medizinischer Irrtum brachte Kathrin Schwarzenbachers Leben ins Wanken. Das Vertrauen in Ärzte hat sie dadurch nicht verloren.

von Julia Pfligl

Geburtstag feiert Kathrin Schwarzenbacher zwei Mal im Jahr: Einmal an dem Tag, an dem sie geboren wurde, einmal an dem Tag, an dem ihr persönlicher, monatelanger Albtraum ein Ende nahm. Im September vor fünf Jahren erfuhr die damals 28-Jährige, dass der bösartige Tumor, mit dem sie ein Jahr zuvor diagnostiziert wurde, keiner war.

Ein Freudentag, dem fast unmenschliche Strapazen vorausgegangen waren: Auf die Diagnose T-Zell-Lymphom, eine seltene und äußerst aggressive Form von Lymphdrüsenkrebs, folgten für die junge Salzburgerin sechs Zyklen Chemotherapie mit schweren Fieberschüben und Haarausfall, eine Stammzellenentnahme sowie monatelanges Zittern und Todesangst.

„Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als dreißig Jahre alt zu werden“, erinnert sich Schwarzenbacher an die schlimmste Zeit ihres Lebens.

Jetzt hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben: „Tod auf Bewährung“ heißt das Buch, ein persönlicher Bericht, der kein Rachefeldzug gegen die Schulmedizin sein soll, wie die Autorin im Gespräch mit dem KURIER mehrfach betont: „Mein Vertrauen in die Schulmedizin ist immer noch da. Aber ich wollte aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, um vielleicht andere vor meinem Schicksal zu bewahren.“

Nachwirkungen

Fehlerhafte Diagnosen sind selten, aber sie passieren: Eine im British Medical Journal veröffentlichte, schwedische Studie etwa legt nahe, dass zehn Prozent der durch Mammografie entdeckten Tumore bei Frauen zwischen 55 und 69 Jahren kein Brustkrebs sind. „Das System krankt an sich selbst“, sagt Schwarzenbacher: „Einsparungen, Zeitnot, hohe Fluktuation. Das ist ja nicht nur in der Medizin ein Problem.“

Über Folgeschäden durch die aggressive Behandlung vor sechs Jahren möchte die 33-Jährige nicht sprechen. Ihre langen Haare sind vollständig nachgewachsen, sie wirkt sehr zierlich, aber nicht krank. „Mir geht es gut“ ist alles, was sie heute zu ihrem Gesundheitszustand sagt.

Als sie die Krebsdiagnose erhielt, jettete sie als private Flugbegleiterin um die Welt – eine junge, lebensfrohe Frau. Der pathologische Befund schockierte alle: Bei dem Knoten, den sie selbst in ihrem Bauch ertastet hatte, handle es sich um ein malignes Lymphom, eine bösartige Erkrankung des Lymphsystems, die sofort behandelt werden müsse. Heilungschancen: 70 Prozent. Für die Patientin war klar, dass sie sterben würde.

Ihrem Vater kam die Diagnose seltsam vor: Seine bis dato kerngesunde Tochter zeigte keine Symptome, ihre Stammzellen waren von der Chemotherapie unbeeinträchtigt geblieben. Als Schwarzenbacher in ihrer Verzweiflung einen Heiler aufsuchte, war auch der felsenfest überzeugt, dass dieser Patientin nichts fehlte.

Schutzengel

„Hätte ich nicht gekämpft und mich in das verordnete Schicksal ergeben, wäre die Geschichte anders ausgegangen. Ich wäre heute mit ziemlicher Sicherheit tot“, schreibt Schwarzenbacher. Die Diagnose veränderte nicht nur ihren Körper. „Von einem Tag auf den anderen verschieben sich die Prioritäten. Früher habe ich mich über Kleinigkeiten aufgeregt, nach so einer Diagnose achtet man nur noch auf die relevanten Dinge. Meine Familie war in der Zeit das Allerwichtigste.“

Ihr Weiterleben verdankt sie einem jungen, engagierten Arzt, den sie auf der Reha kennen- und lieben lernte. Ihm fiel auf, dass die Diagnose nicht zum Krankheitsbild passte – er überredete seine Freundin, Befunde und Gewebeprobe in eine Spezialklinik nach Deutschland zu schicken. Am 23. September, kurz vor einer geplanten Hochdosistherapie, die wohl ihr Knochenmark vollständig zerstört hätte, stand fest: Schwarzenbacher hatte nie Krebs, die vergrößerten Lymphknoten waren Folge einer Infektionskrankheit.

Mit der Klinik – deren Namen sie aus rechtlichen Gründen nicht nennt – einigte sie sich außergerichtlich auf eine Zahlung von 70.000 Euro. Eine Entschuldigung der Ärzte blieb aus, Groll hegt Schwarzenbacher heute keinen. Nach ihrem „zweiten Geburtstag“ studierte sie Gesundheitswissenschaften, gerade hat sie die Magisterthesis abgegeben: „Ich möchte gerne die Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft fördern.“ Erfahrungen hat sie nun genug gesammelt.

Mit dem jungen Arzt, der weit über den Tellerrand blickte, ist Kathrin Schwarzenbacher nicht mehr zusammen. „Aber er wird für immer mein Schutzengel bleiben.“

Johannes Drach ist Ärztlicher Direktor der Confraternität  und  Lymphom-Spezialist. Den Fall Schwarzenbacher kennt er nicht – dem KURIER erklärte er aber, wie es zu Fehl- bzw- Überdiagnosen kommen kann. „Das Lymphom als bösartige Krebserkrankung hat viele Unterformen, darunter das Hodgkin- und Non-Hodgkin-Lymphom. Letzteres kann von B-Lymphozyten oder, in seltenen Fällen, von T-Lymphozyten stammen, die schwer zu diagnostizieren sind.  Nun gibt es  Viruserkrankungen – typisch ist das Pfeiffersche Drüsenfieber –, die zu Lymphdrüsenschwellungen und einem veränderten Blutbild führen. Das Krankheitsbild ähnelt dem eines T-Zell-Lymphoms.“

Eine heikle Situation, die, vor allem bei Jungen, mehrfacher Untersuchungen verschiedener Spezialisten bedarf. Von häufigen Fehldiagnosen möchte Drach nicht sprechen. „Aber wenn man mit mangelnden Ressourcen konfrontiert ist und  unter Zeitdruck steht, können natürlich Fehler passieren.“

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