Gesund
03.12.2018

Antibiotika: "Das sind keine Hustenzuckerln“

Patienten erhoffen sich auch bei Virusinfekten eine raschere Heilung – was aber nicht möglich ist.

"Ich bin Manager und kann es mir nicht leisten, in Krankenstand zu gehen. Ich brauche schnell ein Antibiotikum, damit es mir rasch wieder gut geht.“ Solche Sätze hört Alireza Nouri, Allgemeinmediziner in Wiener Neudorf, NÖ, oft, wenn Patienten mit Halsschmerzen, Husten, Schnupfen in seine Ordination kommen: "Viele Patienten wollen sich keine Zeit für ihre Erkrankung nehmen, damit sich der Organismus erholen kann. Aber gegen solche grippalen Infekte helfen keine Antibiotika.“

"Infektionskrankheiten benötigen ihre Zeit. Und sie können die Heilung eines Virusinfekts nicht damit beschleunigen, indem sie ein Antibiotikum verabreichen“, betont Heinz Burgmann, Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der MedUni Wien: "Gerade bei Virus-Infekten ist es wichtig, sich zu schonen, ausreichend zu schlafen und zu trinken und das Immunsystem arbeiten zu lassen.“

Die beiden Mediziner diskutierten beim letzten Gesundheitstalk von KURIER, MedUni Wien und Novartis in diesem Jahr mit dem Publikum zum Thema "Antibiotika: Segen oder Fluch?“.

Sehen Sie hier die Videoaufzeichnung des Gesundheitstalks in voller Länge:

Mächtige Medikamente

"Antibiotika sind keine Hustenzuckerln, sondern mächtige Medikamente“, betonte Burgmann. "Sie dürfen nicht nach dem Motto ,Nützt‘s nichts, so schadet‘s nichts‘ eingesetzt werden. Ein Einsatz gegen virale Infekte schadet sehr wohl und bringt nichts.“

Ob nicht das Immunsystem auch alleine mit Infektionen fertig werden könne, lautet eine Publikumsfrage.

"Bei vielen Infekten braucht es einfach Unterstützung“, betonte Burgmann. „Denken Sie an Gustav Mahler.“ Die letzten zwei Jahre seines Lebens litt er massiv an einer Endokarditis, einer Entzündung der Herzinnenhaut, verursacht durch Bakterien (Streptokokken). Mahler starb 1911 – eine Heilung einer solche Infektion wurde erst durch Penicillin (1928 von Alexander Fleming entdeckt) möglich.

"Antibiotika sind ein Segen und eine der wichtigsten Entdeckungen des 20. Jahrhunderts“, betonte Burgmann. "Vieles in der modernen Medizin wurde erst durch sie möglich.“ Der Trend gehe heute dahin, mit einem Antibiotika-Einsatz zuzuwarten – und hoch konzentriert, aber kürzer zu therapieren.

Nouri macht das so in seiner Praxis. Vieles hänge vom klinischen Gesamteindruck ab, den er von einem Patienten habe. "Bei einem hoch fiebernden Kind – 39 Grad Celsius – versuche ich zuerst, mit einem entzündungshemmenden Medikament das Fieber zu senken. Wenn sich nach zwei, drei Tagen sein Zustand trotzdem verschlechtert, gehe ich davon aus, dass der Infekt bakteriell ist.“ Dann sei ein Antibiotikum gerechtfertigt. Was sich die Ärzte von ihren Patienten wünschen? Nouri: "Dass sie mehr Verständnis für ihre Erkrankungen haben und sich Zeit für den Heilungsprozess nehmen.“

Anwendungen genau überlegen

Österreich liegt beim Antibiotika-Verbrauch im europaweiten Vergleich zwar im unteren Drittel: "Trotzdem gibt es eine Tendenz, dass viel zu viel verabreicht wird“, sagte Burgmann. „Wir vertrauen viel zu sehr darauf, so nach dem Motto, ,wir haben doch immer noch eine Therapie gefunden‘.“ Aber dem sei nicht so: "In den vergangenen 30 Jahren ist kein Antibiotikum mit einem neuen Wirkmechanismus auf den Markt gekommen. Und es gibt auch nicht viel in der Pipeline der Pharmaunternehmen.“

Deshalb  sei es notwendig, bei jeder Anwendung genau zu überlegen, ob sie wirklich notwendig ist – um so die Entstehung unempfindlicher Bakterien nicht weiter zu fördern.

Grundsätzlich sei die Entstehung resistenter, widerstandsfähiger Keime ein natürlicher Vorgang, den es immer schon gegeben habe: „Aber durch häufigen und unsachgemäßen Einsatz von Antibiotika entstehen Resistenzen rascher und öfter.“

Nächster Gesundheitstalk 2019

Der nächste Gesundheitstalk von KURIER, MedUni Wien und Novartis findet bereits Ende Jänner /  Anfang Februar zum Thema „Vom Laster zur Sucht“ statt. Der genaue Zeitpunkt wird Anfang Jänner noch rechtzeitig im KURIER sowie auf der Facebook-Seite „KURIER Gesundheitstalk“ bekanntgegeben.

Veranstaltungsort ist wieder der Van-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Str.), 1090 Wien