Gesund
23.11.2018

Antibiotika: Warum der Druck der Patienten so gefährlich ist

Der oft vorschnelle Einsatz von Antibiotika lässt immer mehr Keime widerstandsfähig werden. Was Experten raten.

Halsweh, Husten, rinnende und verstopfte Nasen: „Derzeit gibt es viele grippale Infekte“, sagt Alireza Nouri, Allgemeinmediziner in Wiener Neudorf, NÖ. Viele Patienten verlangen dann ein Antibiotikum: „Es ist ihnen nicht bewusst, dass die Auslöser von grippalen Infekten Viren sind – und Antibiotika nur bei Infektionen durch Bakterien wirken.“

Vielen Patienten fehle die Geduld: „Die Medikamente sollen über Nacht Wunder wirken. Da ist der Druck gewaltig. Aber dem darf sich ein Arzt nicht beugen. Er muss den Patienten erklären, wann ein Antibiotikum wirkt und wann nicht. Das akzeptieren sie auch.“

Antibiotika: Segen oder Fluch?“ lautet das Thema des nächsten KURIER-Gesundheitstalks kommenden Mittwoch (siehe nachstehenden Teaser). In mehreren in den vergangenen Wochen veröffentlichten Studien warnten die Autoren vor einer starken Zunahme von Bakterien, die gegen Antibiotika resistent – also unempfindlich – sind.

Schnelltests

Viele Maßnahmen seien notwendig, um dem entgegenzuwirken, heißt es in einem OECD-Bericht ( Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) – etwa mehr Augenmerk auf die Krankenhaushygiene, die Förderung des Händewaschens, eine zurückhaltende Verschreibung der Medikamente und Blut-Schnelltests zur Abklärung, ob es sich um Bakterien oder Viren als Erreger handelt.

Mediziner Nouri macht solche Schnelltests, speziell bei Kindern, oft: Sind Entzündungswerte und die Zahl der weißen Blutkörperchen erhöht, ist das ein Zeichen für eine bakterielle Infektion.

„Natürlich kann zu einem viralen Infekt aufgrund der Schwächung des Immunsystems ein bakterieller hinzukommen“, sagt Nouri. „Wenn man mindestens über drei Tag hindurch hohes Fieber hat – über 38,5 Grad –, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass mehr dahintersteckt als eine banale Erkältung.“

„Bei vielen Infekten kann man mit der Gabe von Antibiotika durchaus zuwarten“, sagt auch Univ.-Prof. Heinz Burgmann, Leiter der Klinischen Abteilung für Infektionen und Tropenmedizin der MedUni Wien.

Symptome lindern

Oft würden andere Maßnahmen ausreichen: Eine neue Leitlinie der Initiative „Arznei und Vernunft“ empfiehlt etwa bei grippalen Infekten abschwellende Nasentropfen, Schmerzmittel bei Bedarf, eine lokale Therapie bei Halsschmerzen oder Gurgeln mit Salbeitee. Aber auch bei einer Mittelohrentzündung (bei einem Erguss sind laut der Leitlinie in 50 bis 90 % der Fälle auch bakterielle Erreger nachweisbar) könne man in vielen (aber nicht allen) Fällen sich zunächst auf das Lindern der Symptome beschränken. „Das hängt immer auch vom Gesamtzustand eines Kindes ab.“

„Der Trend geht heute auch zu kürzeren Antibiotikatherapien“, sagt Burgmann: Nicht immer müsse eine Packung komplett aufgebraucht werden – „das hängt immer von der Verordnung des Arztes ab.“ Umgekehrt solle man auch nicht selbstständig die Medikamente vorzeitig absetzen. „Und auf keinen Fall darf man auch vom letzten Mal übrig gebliebene Antibiotika selbstständig einnehmen.“

Burgmann betont, „dass wir der Zunahme von Resistenzen unbedingt Einhalt gebieten müssen – sonst gehen wir auf eine Zeit ohne wirksame Antibiotika zu“. Zumal sich auch viele Firmen aus der Forschung in diesem Gebiet verabschiedet hätten. „Aber vieles in der modernen Medizin – von Chemotherapien über Hüftoperationen bis hin zu Herzschrittmachern oder Transplantationen – ist nur dank wirksamer Antibiotika möglich.“

Alles über Antibiotika

Gesundheitstalk„Antibiotika: Segen oder Fluch?“  ist das Thema des Gesundheitstalks am Mittwoch, 28. 11., 18.30 Uhr.

Am Podium: Univ.-Prof. Dr. Heinz Burgmann (Infektionsspezialist, MedUni Wien) und Dr. Alireza Nouri (Allgemeinmediziner). Moderation: Gabriele Kuhn, KURIER. Fragen zu der Veranstaltung: gesundheitstalk@kurier.at

VeranstaltungsortVan-Swieten-Saal der Medizinischen Universität Wien, Van-Swieten-Gasse 1a (Ecke Währinger Str.), 1090 Wien.  Veranstalter: KURIER, MedUni Wien und Novartis