Genuss
06.10.2017

Warum nicht? Salat im Luftschutzbunker züchten

Zwei Londoner Unternehmer haben ihre Stadtgärtnerei 33 Meter unter der Erde eingerichtet.

Tief unter einer kleinen Gasse im Süden Londons sprießt frisches Grün in zwei Tunneln. Zwei Unternehmer haben im Stadtteil Clapham ihre Stadtgärtnerei 33 Meter unter der Erde eingerichtet – in einem Luftschutzbunker, in dem im Zweiten Weltkrieg Tausende Menschen Zuflucht vor den deutschen Bomben suchten.

Urban Farming, Landwirtschaft in der Stadt, ist seit einigen Jahren im Kommen. Immer mehr Menschen züchten auf Dächern, Brachen oder in Hinterhöfen Gemüse.
Eigentlich sollte in Clapham irgendwann die U-Bahn fahren. Doch aus diesen Plänen wurde nichts, die Tunnel lagen 70 Jahre brach – bis Steven Dring und Richard Ballard beschlossen, dort in der Tiefe Brokkoli, Koriander, Fenchel und anderes Gemüse anzubauen. "Wir brauchen neue Räume für die Landwirtschaft", sagt Dring. Nur so könne die steigende Nachfrage der wachsenden Weltbevölkerung befriedigt werden.

Hydrokultur: Mikrogemüse wie Brokkoli fühlt sich wohl

"Growing Underground" haben die beiden Männer ihr Experiment genannt. In weißem Kittel und mit einem Kopfschutz betritt Dring das unterirdische Gewächshaus. Die Luft ist feucht und riecht stark nach Grünzeug. LED-Lampen tauchen den Tunnel in pinkes Licht, rechts und links des langen Ganges grünt es auf mehreren Etagen in Regalen.
In Hydrokultur werden dort keine großen Salatköpfe oder Fenchelknollen herangezogen, sondern sogenanntes Mikrogemüse – Keimpflanzen, die geerntet werden, sobald sich die ersten Blättchen zeigen. Beim Brokkoli ist das nach drei bis fünf Tagen der Fall. Viele Gourmetköche schwören auf das Minigrün und loben seinen intensiven Geschmack. Auf mehreren Londoner Märkten, aber auch in einigen Filialen der Supermarktkette Marks and Spencer, gibt es das Untergrund-Gemüse inzwischen zu kaufen.

"Wir wollen doch alle lokal angebaute Nahrungsmittel."

"Die Qualität ist fantastisch und der Geschmack ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher gegessen habe", sagt Charlie Curtis von Marks and Spencer. Außerdem schätzt sie den kurzen Weg von der Gärtnerei bis zum Supermarktregal: "Wir wollen doch alle lokal angebaute Nahrungsmittel." Der Anbau unter der Erde sei "hundert Mal billiger" als eine oberirdische Stadtfarm, sagt Dring. Um Energiekosten zu sparen, leuchten die LEDs nachts, wenn der Strom günstiger ist.
Experten sehen im Urban Farming ein Modell für die Zukunft. Die Universität Cambridge wertet die Daten zur Feuchtigkeit, Temperatur und Wachstumsgeschwindigkeit von "Growing Underground" aus und betreut das Projekt wissenschaftlich. "Die entwickeln für uns die idealen Bedingungen für jedes Produkt", sagt Dring.
In der unterirdischen Gärtnerei ist jeder Tag gleich, Sommer wie Winter. Ob Regen oder brütende Hitze, für das Gedeihen des Mikrogemüses unter der Erde spielt das keine Rolle. "Wir haben viel mehr Kontrolle als andere Gärtner", sagt Dring. "Es gibt keine großen Herausforderungen – mal abgesehen davon, eine Farm unter London zu bauen."