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freizeit
12/29/2019

Wild, verrückt, verspielt: Was bringen die neuen Zwanziger Jahre?

In den 1920ern prägten Charleston und Bubikopf den Style, Städte wurden zu Metropolen – und Frauen hauten auf den Putz. Und heute?

von Bernhard Praschl, Florentina Welley, Andreas Bovelino

Hereinspaziert, hereinspaziert, liebe Leserinnen und Leser, folgen Sie uns, schauen Sie sich um. Und wundern Sie sich, wie die Zeit verschwimmt und die Verhältnisse zu tanzen beginnen.

In der Schulerstraße beim Stephansdom ums Eck richtet der Autor Joseph Roth anno 1920 seine Augen auf die Auslagen eines Varietés: „Auf einem Bild klimmt ein feiner, durchbrochener Seidenstrumpf eine schlanke Beinform hinauf, bis ihn eine ungewisse Wolke aus Spitzen und Unterrock verschluckt.“

Ganz schön verrucht, oder? Aber kennt dieses Wort heute überhaupt noch jemand? Anders gefragt: Wäre eine Josephine Baker in Zeiten von „DSDS: Deutschland sucht den Superstar“ und „Sex an der Burg“ eine alle überragende Attraktion? Sind wir nicht schon viel zu viel Reizen ausgesetzt?

Blicken wir noch einmal zurück. Dort, wo es geht, wird alles freier, frecher und auch – lange vor der Selfie-Ära – selbstverliebter. Begleiten wir den Kaffeehausliteraten Alfred Polgar bei einem Spaziergang durch Wien. Ein wenig später, Mitte der Zwanziger Jahre, wird er in einer Seitengasse der Rotenturmstraße auf „Die Zweite von links“ aufmerksam. „Diese unbekannte, rätselhafte Schönheit, vollendet schön auch an Gestalt, die da im Theaterstück, eine unter vielen, ohne Lust noch Unlust an der Sache, getreulich vorspielte, was ihr vorzuspielen geheißen war, erledigte ihren Part mit einer Art selbstbewusster Tüchtigkeit. Sie trug den Kopf hoch. So, als erscheine es ihr selbstverständlich, dass sie gefallen, auffallen müsse.“

"Blauer Engel" in der Josefstadt

Wer war nun „Die Zweite von links“? Niemand Geringerer als Marlene Dietrich, späterer „Blauer Engel“ und Jahrhundertstar, bei ihrem ersten Auftritt in Wien: als „Broadway“-Girl in den Kammerspielen.

Zu diesem Zeitpunkt studiert der Frankfurter Philosoph Theodor W. Adorno in Wien bei Alban Berg Zwölftonmusik. Ernst Krenek arbeitet bereits an seiner Jazz-Oper „Jonny spielt auf“. Ludwig Wittgenstein, ebenfalls gebürtiger Wiener, hat mit seinem „Tractatus logico-philosophicus“ längst seine denkwürdige Schrift veröffentlicht – in England –, an der kluge Geister noch heute kiefeln. Und in Berlin erreicht der Industrielle Fritz von Opel in einem Raketenauto mit 238 km/h einen neuen Geschwindigkeitsrekord.

Der blaue Engel

Wo bleibt der große Wurf?

Wieder zurück in die Zukunft. Sie schreitet  mit vielen,  vielen kleinen Schritten voran. Autonomes Fahren, künstliche Intelligenz, virtuelle Realität. Ist ja okay, aber nach mehr als zehn Jahren Smartphone und fast zwanzig Jahren Tesla  Elektroauto warten Techno-Aficionados auf den nächsten wirklich großen Wurf. Noch ist er nicht in Sicht, aber vielleicht gelingt er 2020? Es muss ja nicht unbedingt die nächste groß angekündigte Reise ins Weltall sein. Denn, ehrlich gesagt, wem soll das was bringen beziehungsweise helfen?

„In den Zwanzigerjahren ist London die Hauptstadt des größten Weltreichs der Geschichte“, heißt es in dem  Buch „The Roaring Twenties. Die wilde Welt der 20er“ (wbg Theiss Verlag). Heute ist die Lage völlig anders. London hofft, im Brexit-Chaos nicht auf die Verliererstraße zu gelangen. 

Metropolen sind zwar nach wie vor gefragte Labore der Moderne. Doch um Gehör zu finden, muss man nicht länger an die großen Zentren gebunden oder ein Mann der Macht sein. Siehe Greta Thunberg. Der Teenager hat mit der „Fridays for Future“-Bewegung  von Stockholm aus fast im Alleingang einen Nerv getroffen, der die Welt seit  Monaten in Atem hält.
Apropos Freitag. Als die Börsen Ende Oktober 1929 den „Black Friday“ erlitten, kam die Welt aus dem Tritt. Wollen wir hoffen, dass den Globus hundert Jahre später kein ähnliches Schicksal ereilt. Bis dahin hat die Suche nach einer schönen Zukunft keinen freien Tag.

Helene Fischer - Comedian Harmonists

Hit mach mit: SCHLAGERSTARS liefern Lieder zum Mitsingen – heute und gestern.

Wenn Helene Fischer (geb. 1984 in Krasnojarsk) in schmachtendem Tonfall deutsche Schlager singt, musikalisch begleitet vom Chor der Wiener Sängerknaben und dem „Royal Philharmonic Orchestra“, dann ist das ganz große Bühne. Auch sonst steht die quirlige Sängerin in Sachen deutsche Volkslieder und Publikumsmagnet der berühmten Band der 1920er-Jahre, den Comedian Harmonists, um nichts nach.

Das Berliner Vokalensemble trat anfangs nur als Teil eines Revueprogramms auf, ehe das erfolgreiche Sextett sogar in der Berliner Philharmonie seine oft  frivolen Lieder zum besten gab und unzählige Platten produzierte. Wenn  heute  das Lied der schönen Schlagersängerin „Atemlos durch die Nacht“ aus dem Äther schallt, kennt das jedes Kind und singt mit. Ihre Schlager sind weltbekannt. Und noch immer steht auch der ewige Klassiker der A-Capella-Gruppe „Veronika, der Lenz ist da“ auf so mancher Hit-Wunschliste, wenn als Partymotto die goldenen 1920er-Jahre angesagt sind. Nur eines ist bei Fischer anders: frivole Texte gibt es bei ihr nicht, dafür aber eine sexy Bühnenshow.

Conchita Wurst - Josephine Baker

Eine Frau mit Bart, eine im Bananenrock – geniale PROVOKATEURINNEN

Bürgerliche Empörung, Kritik, Aufregung. Aber auch: grenzenlose Neugier und – zumindest heimliche – Bewunderung. Als die Amerikanerin Josephine Baker 1925  erstmals im Théâtre des Champs-Élysées in Paris auf der Bühne stand, wurde ihre  „Freizügigkeit“ augenblicklich zum Stadtgespräch. Schwarz UND selbstbewusst. Ja, darf die denn das?!  

„Nur Bananen ...“, wurde getuschelt, „sonst nichts! Ja, um die Hüfte!“ Baudelaire wurde ihr Fan, genauso wie Hemingway, Max ReinhardtAdolf Loos, Picasso war hin und weg, Le Corbusier baute die von ihr inspirierte „Villa Savoye“ in Paris

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Aber Ms Baker setzte sich nicht nur über Konventionen hinweg – im 2. Weltkrieg war sie in der Resistance aktiv, später kämpfte sie gegen Rassismus, adoptierte zwölf Kinder unterschiedlicher Hautfarben. Vor fünf Jahren sorgte eine österreichische „Diva mit Vollbart“ beim Song Contest für Empörung – und einen unüberbietbaren Triumph. Heute gilt der Auftritt Conchita Wursts als bahnbrechendes Signal, Menschen so zu akzeptieren, wie sie sind. Elton John, Cher und Jean Paul Gaultier zählen zu ihren Fans. Und ja, sie dürfen das!

Greta Thunberg - Sophie Lazarsfeld

Engagement zahlt sich aus – die AKTIVISTINNEN  für eine bessere Welt sind gemeinsam stärker. Heute wie damals.

So jung und schon so einflussreich: Mit Slogans wie „Ich will, dass ihr in Panik geratet“ sammelt Greta Thunberg, das Mädchen, das auf einmal da war, seit Monaten eine riesige Anhängerschaft um sich. Eher „Persönchen“ als „Person des Jahres“ hat sie dem Jahr 2019 mit den „Fridays for Future“-Schülerdemos  frühzeitig – und nachhaltig –  einen Stempel aufgedrückt.

Als Aktivistin ist sie dabei beispiellos, schon alleine, weil es vor hundert Jahren gestandener Frauen bedurfte, um für die Rechte der Kinder einzustehen – Frauen wie Sophie Lazarsfeld (1881-1976). Die österreichische Psychologin machte sich mit Schriften und Vorträgen zu Ehe, Familie, Erziehung und Sexualität einen Namen. Und gab ihre Bestimmung an ihren Sohn weiter: Soziologe Paul Lazarsfeld.

Banksy - Salvador Dali

Erkannt oder unerkannt?  KUNSTREBELL ist ein Beruf. Oder zumindest Berufung. Zwei Talente, die mit Malen und Aktionismus die Welt aufrütteln.

Sie sind unverwechselbar und extravagant. Surrealistisch und exhibitionistisch der eine, unsichtbar und anonym der andere. Dalí malte Träume, Banksy sprayt die Wirklichkeit. Trotzdem vereint Salvador Dalí und Banksy ihre rebellische Einstellung zu Kunst, die sich in konterrevolutionären Aktionen zeigt. Herrschende Kunstströmungen waren und sind beiden verhasst, sie schufen ikonische  Werke und rüttelten den festgefahrenen Kunstmarkt ordentlich wach.

„Ich  bin dazu bestimmt, die Malerei vor der Leere der modernen Kunst zu retten“, sagte Dalí. Mit dem „Gelben Manifest“ trat er gegen die klassizistische, akademische Kultur für eine neue Modernität auf. Banksy verkauft mit seinen Graffitis und Aktionen wiederum immaterielle Werte und sorgt für heiße Diskussionen am Kunstmarkt. Um beide ranken sich Legenden. So soll Graffiti-Künstler und Streetart-Profi Banksy in Wirklichkeit  Mitglied der britischen Band Massive Attack, Robert Del Naja, sein. Oder doch nicht? Denn die Eigentümer einer Hauswand in Jordanien, an die Banksy die berühmte weiße Friedenstaube zuletzt sprayte, widersprechen dem vehement. Alles genau wie bei Dalí, täuschen und fragen: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Elon Musk - Robert Goddard

VISIONÄRE: Pioniergeist überwindet Grenzen - gegen jeden Widerstand

Beleidigend, unberechenbar, beinhart: Wer mit Elon Musk zu tun hat, kann etwas erzählen. Dabei hat der gebürtige Südafrikaner auch seine Qualitäten: Wenn er sich auf eine Idee festlegt – etwa die Besiedelung des Mars – fährt die Eisenbahn drüber.

 

Mit seinen Ambitionen in Sachen Elektroauto bewies er oft genug Kampf- wie auch Erfindergeist. Dass ihm mitunter – wie bei der Präsentation des Cybertrucks – Pannen unterlaufen, kostet ihn nur einen Lacher. Denn er weiß um die schwierige Rolle der Pioniere.

Schon der US-amerikanische Physiker Robert Goddard wurde höhnisch belächelt, als er Anfang der 1920er-Jahre davon schrieb, eine Rakete bis zum Mond schießen zu wollen. Weit kam sie  wirklich nicht. Beim ersten Einsatz hüpfte sie bloß 12,5 Meter hoch. Heute wirkt eine Mission zum Mond fast wie ein Spaziergang. Denn das ultimative Ziel ist der Mars.

Stella McCartney – Coco Chanel

Die MODE-REVOLUTIONÄRINNEN schufen unvergessliche Mode-Imperien und  stehen für „female empowerment“

Konventionen sind ihnen verhasst, starke Frauen lieben sie. So sehr, dass sie sie befreien wollen. Die eine, Coco Chanel, aus ihren steifen Korsetts, indem sie die Damen der Jahrhundertwende in elastischen Jersey hüllte und ihnen mit einem Kurzhaarschnitt und knielangen Röcken zu einem neuen Image verhalf. Gabrielle „Coco“ Chanel (1883 - 1971) gab den Frauen so schon in den 1920er-Jahren einen selbstbewussten Modeauftritt. Bis heute ist ihr „Kleines Schwarzes“ ein Klassiker.

Die andere, Stella McCartney, Designerin, Wissenschafterin, Tech-Unternehmerin und Landwirtin, aus einer Modeindustrie voll mit Plastik-Produktion und Massen-Konsum. Sie setzt bereits seit der Gründung ihres Modeunternehmens im Jahr 2001 auf vegane Materialien. Ihre Taschen aus Kunstleder waren von Beginn an begehrte It-Pieces.

Die überzeugte Umwelt-Aktivistin sagt: „Ich möchte Frauen zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen und sie ermutigen, die eigene Persönlichkeit mit ihrem Modestil auszudrücken“ – das könnte auch Coco Chanel gesagt haben. Weiteres Statement beider: sich den Erfolg selbst zu erarbeiten und als Frau finanziell unabhängig zu sein. Chapeau!

Melissa Broder – Ernest Hemingway

TABUBRECHER. Autoren mit Gespür für den richtigen Satz zur richtigen Zeit. Und keiner Angst vor Sex.

Bissige Beschreibungen, markante Statements, treffende Beobachtungen – ganz viel Sex. Und immer dort, wo’s abgeht. In den 1920ern war das Paris. Wer war dort: Ein junger, cooler und gutaussehender Ernest Hemingway, der für die kanadische Zeitung „Toronto Star“ Nachrichten aus dem exotischen Europa schrieb. Der große Ernest Hemingway lieferte Nachrichten aus Europa nach Übersee – und scheute nicht vor literarischen Tabubrüchen zurück.

In der Stadt der Liebe war er binnen kürzester Zeit mit der gesamten Hipsteria befreundet: Gertrude Stein, Pablo Picasso, James Joyce, F. Scott Fitzgerald, Ezra Pound und alle anderen. Bevor er mit Short Stories und seinem ersten großen Roman „Fiesta“ (1926) für Aufregung sorgte:  Ehebruch, Sex, Betrug. So genial wie skandalös.

Die Kalifornierin Melissa Broder wurde ursprünglich für ihre Tweets berühmt. So treffsicher, so am Puls der Zeit wie sie war sonst niemand. Bevor sie  mit ihrem sexuell aufgeladenen und von der Kritik euphorisch gefeierten Debüt-Roman „Fische“ (2018) für eine literarische Sensation sorgte. Angst vor sexuellen Grenzgängen kennt sie nicht.

Cara Delevingne – Marlene Dietrich

Ganz. Schön. Anders. Manchmal werden Eigenheiten zu MARKENZEICHEN. 

Schönheitsideale sind schön und gut, aber wer sich sklavisch daran hält, ist selbst schuld.  Marlene Dietrich schaffte den Sprung vom Revue-Girl  zum  Megastar gerade WEIL sie andere Pläne hatte, als brav zu funktionieren und sich an gängige Rollenmuster zu halten. Hosenanzüge, Zigaretten – sie eignete sich Männersymbole an, als wären sie extra für sie gemacht worden. "... ja dafür kann ich nichts“- So anders und so unwiderstehlich: Mit Zylinder und Zigarette wurde Marlene Dietrich Ende der 1920er zum Star. Und nicht nur Professor Unrat verliebte sich unglücklich in sie. Und dann diese Augenbrauen! Filigrane, schwindelerregend hohe Bögen, die plötzlich alle haben wollten.

Die starke Frau hechelt Trends nicht hinterher, sie setzt sie und macht sie zu ihrem Markenzeichen. So wie Cara Delevingne, die auch als  Newcomerin keinen Stylisten mit Pinzette an ihre Balken ließ. Und buschigen Wildwuchs oberhalb der Augen zum absoluten Must-have machte. Dass beide Damen mit einer Überfülle an Talent gesegnet sind, hilft natürlich ebenfalls – so wie die Lässigkeit, mit der sie sich auch sexuell nicht Geschlechterrollen fügen.

„Und wenn sie verbrennen …“ Model und Schauspielerin Cara Delevingne verdankt ihre Anziehungskraft keinen klassischen Attributen. Ihre Ex, die US-Gitarristin Saint Vincent, widmete ihr gleich mehrere Songs.

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