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freizeit
12/16/2019

Nicole Wesner: "Ich habe mit gebrochener Hand zu Ende geboxt"

Nur ein Handbruch konnte Boxweltmeisterin Nicole Wesner stoppen. Doch die Ex-Managerin hat immer einen Plan und steht als erster Dancing-Star vor einem Tanz-Turnier.

von Barbara Reiter

Tanzsport-Verein Schwarz-Weiß, Wien Favoriten. Das Paradies für Tänzer verbirgt sich hinter einer schlichten Tür. Hier hat auch Nicole Wesner ihre tänzerische Heimat gefunden. Seit dem Dancing-Stars-Finale am 10. Mai und ihrem dritten Platz sind viele Monate vergangen. Trotzdem ist sie dem Tanzsport treu geblieben und tanzt jetzt ihr erstes Profi-Turnier. Ehe sie im ORF übers Tanzparkett fegte, war die gebürtige Kölnerin vor allem Sportfans bekannt – als sechsfache Boxweltmeisterin, die den Titel 2020 zum siebten Mal holen will. Stoppen könnte sie nur ein Bruch des rechten Mittelhandknochens, an dem sie derzeit laboriert. Wesners Optimismus ist allerdings ein starker Gegner.   

Nicole, die lange Narbe da auf dem Handrücken, ist ein Relikt Ihres letzten Kampfes. Sie haben sich bei Ihrem 6. Weltmeisterschaftskampf die Hand gebrochen. Tut’s noch weh?

Nicole Wesner: Wenn man sich die Hand bricht, kann man eigentlich schnell wieder trainieren. Bei mir war es aber so, dass ich mir die Hand in den ersten Runden gebrochen und trotzdem zu Ende geboxt habe. Es hat sich dadurch alles verschoben und ich musste operiert werden. Es wird also noch etwas dauern.

Mit gebrochener Hand zu boxen, kennt man eigentlich nur aus Rocky.

Der Mensch ist ein Phänomen. Es gibt das „Fight-or-Flight-Syndrom“, bei dem sich der Mensch in Gefahrensituationen körperlich und seelisch anpasst. Da werden sehr viele Hormone ausgeschüttet, es ist also kein Normalzustand. Deshalb habe ich die gebrochene Hand Gott sei Dank erst später bemerkt.

Was macht eine Boxerin ohne boxen?

Ich bin ein optimistischer Mensch. Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach’ Limo draus. Deshalb dachte ich mir: Jetzt hast du endlich mehr Zeit zum Tanzen!  

Dancings-Stars ist längst vorbei und Sie tanzen immer noch?    

 Es ist seither kaum ein Tag vergangen, an dem ich nicht tanze. Ich mache Turniertanz, aber auch Hip-Hop und Ballett, weil mir Profitänzer gesagt haben, dass das die Grundlage des Tanzens ist. Ich möchte es richtig machen und tanze seither mindestens zehn Stunden pro Woche.   

Jetzt tanzen Sie gleich ein Turnier. Es ist offenbar wichtig für Sie, sich zu messen?

Ich möchte, dass mein Tanzpartner Danilo und ich gut abschneiden. Motivation hole ich mir aus verschiedenen Dingen, zum Beispiel dem Trainingsprozess, wenn ich sehe, dass es gut geklappt hat. Der Wettkampf ist ein neuer Meilenstein.

Viele Menschen kennen Sie seit Dancing Stars, wieder andere vom Boxen. Dabei haben Sie ursprünglich BWL studiert und waren Managerin ...

Ja, ich war in diversen Marketing- und Vertriebsfunktionen tätig und habe auch im Online-Bereich gearbeitet. Wenn man meine Studienzeit dazurechnet, waren das elf Jahre. Dann ist vor zehn Jahren das Boxen in mein Leben getreten.

Als Sie Profi wurden, waren Sie bereits 32 Jahre alt. Ist das nicht viel zu spät?

Auf jeden Fall, andere hören in dem Alter schon wieder auf.

Trotzdem haben Sie riskiert und Ihren Management-Job aufgegeben.

Es ist schwer zu erklären, aber ich denke, ich habe die Gabe, für jede Situation eine gute Lösung zu finden. So war das auch beim Sport. Mir war damals noch nicht klar, wie ich Profi werden sollte. Aber ich hatte ein bisschen was auf die Seite gelegt und  als Trainerin, später auch als Keynote-Speakerin gearbeitet. So habe ich mir meinen Sport finanziert. Wenn man etwas unbedingt will, findet man Wege, um es zu ermöglichen.

Warum trauen sich das so wenige Menschen zu?

Manche Menschen sehen nur die Türen, die sich schließen und haben den Blick nicht auf die gerichtet, die sich auftun. Das kann man aber trainieren, indem man sich mehr auf die Dinge konzentriert, die klappen. Ich glaube an das Gesetz der Anziehung, es ist der Schüssel zum Erfolg. Ich kenne keinen einzigen erfolgreichen Menschen, der ein Pessimist ist. Die Bedenkenträger, die immer erzählen, warum etwas nicht funktioniert, sind oft nicht sehr erfolgreich.

Das wäre ein  Vorsatz fürs neue Jahr: Positiv denken üben! Sind Sie als Sportlerin jemand, der sich Sachen vornimmt?

Wenn ich etwas möchte, mache ich es sofort. Da warte ich nicht, bis das Kalenderjahr wechselt. Seit zwei drei Jahren nehme ich mir aber Kleinigkeiten vor, die aber nichts mit mir selbst zu tun haben. Vor zwei Jahren habe ich mir vorgenommen, keine Plastiksackerl zu verwenden. Vergangenes Jahr habe ich beschlossen, beim Coffe-to-go den Plastikdeckel wegzulassen. Kleinigkeiten lassen sich leicht umsetzen, die großen Vorhaben brechen meistens zusammen.

Werden Sie 2020 in den Boxring zurückkehren?

Seit drei Wochen darf ich meine Hand wieder zu achtzig Prozent belasten. Das heißt, ich kann wieder Sandsack-Training machen, weil  man das sehr gut dosieren kann. Ab 2020 werde ich wieder komplett im Einsatz sein und ungefähr im April wieder einen Kampf bestreiten können.

Können Sie denn nach so einer langen Pause und schweren Verletzung  Ihren Titel 2020 überhaupt verteidigen?

Das ist mein Ziel. So viel zum Thema Optimismus. Wenn mich jemand fragt, was mein Plan ist, wenn ich nicht gewinne, sag ich, es gibt nur Plan A. Ich bin immer mit Sieg verbunden. Die Leute bermerken dann oft, dass mit dieser Einstellung die Fallhöhe tiefer ist. Darüber mache ich mir erst Gedanken, wenn es so weit ist. Man kann nicht in den Ring steigen und sagen "ich probier’s“. Der Gedanke muss lauten „ich gewinne“. Kommt es anders, ist es eben dumm gelaufen.

Heuer sind mehrere junge Profiboxer nach Kämpfen verstorben. Bekommen Sie es da nicht mit der Angst zu tun?

Das kommt immer wieder vor, wobei man sich anschauen muss, woran es gelegen sein könnte. Meist liegt die Ursache schon im Trainingsprozess, wo ein Boxer vielleicht zu viele harte Sparrings absolviert hat. Oder er ist beim Sparring sogar K. O. gegangen und nachher trotzdem zum Kampf angetreten – was man nicht machen sollte. Es gibt aber immer die Möglichkeit, einen Kampf abzubrechen. Das unterscheidet einen guten vom schlechten Trainer. Wenn ein Schützling zu viele Schläge einstecken muss und eigentlich keine Chance hat, wirft man das Handtuch. Das wird aber leider zu wenig gemacht.

Im Sport wird so oft von mentaler Stärke gesprochen. Warum ist sie so wichtig?

Boxer auf Weltspitzen-Niveau trainieren alle zwei- bis dreimal pro Tag. Technisch ist das Niveau daher ausgeglichen. Es gewinnt dann eben der, der am Tag eines Kampfes die bessere mentale Stärke hat.

Wissen Sie, was interessant ist? Dass es auch bei Boxern oft heißt, sie tänzeln. Insofern ist Ihre neue Leidenschaft von der alten nicht weit entfernt.

Dazu gibt es eine schöne Geschichte von Wassyl Lomatschenko, einem sehr berühmten Boxer, der noch boxt (amtierender Weltmeister im Fliegengewicht). Sein Vater war auch sein Trainer und hat ihn mit neun Jahren aus dem Boxtraining genommen. Stattdessen musste er vier Jahre tanzen lernen, weil sein Vater das wirklich als Mittel zum Boxen gesehen hat. Mit 13 hat Lomatschenko dann wieder mit dem Boxtraining begonnen.

Bei vielen Männern gilt Tanzen als unmännlich. Dabei hat es früher zur militärischen Ausbildung gehört.

Es gibt zum Glück Kulturen, wo Tanzen bei Männern hoch angesehen ist, in Italien zum Beispiel. Bei uns stehen die Männer aber oft lieber mit einem Bier an der Bar und schauen nur auf die Tanzfläche. Ich sag’ Männern immer: Wenn ihr tanzen könnt’, kommt ihr ins Gespräch mit Frauen, die froh über Tänzer sind. Da ist man plötzlich heiß begehrt.

 

Nicole, Sie sprechen Deutsch mit österreichischer Färbung. Geboren wurden Sie in Köln, gelebt haben Sie in Manheim, seit 2006 sind Sie durchgehend in Wien. Sind Sie gekommen, um zu bleiben?

Ein paar Monate, nachdem ich nach Österreich gezogen bin, musste ich für ein paar Tage geschäftlich zurück nach Deutschland. Als es wieder zurück nach Österreich ging, dachte ich mir, jetzt fahr ich wieder heim. Ich habe mich wahnsinnig schnell eingelebt und möchte hier auch nicht mehr weg.

Ihr 3. Platz bei Dancing-Stars zeigt auch, dass Sie die Zuseher mehr als akzeptiert haben. Normalerweise hat man es als „Zug’reiste“ in der Öffentlichkeit nicht so leicht.

Viele Leute haben gesagt: Du wirst es als Deutsche hier schwer haben. Aber gemäß dem Gesetz der Anziehung und des Optimismus, habe ich das nicht an mich rangelassen. Ich musste ja auch gut tanzen und konnte mich mit so etwas nicht beschäftigen. Ich dachte einfach, die Leute werden mich schon kennenlernen. Das hat schließlich geklappt und ich bin bis ins Finale gekommen.

Wir sind jetzt auch im Finale: Was ist Ihre Botschaft zum Schluss?

Leute, geht’s tanzen! Das ist gut für Körper, Geist und Seele, verbindet die Menschen und macht so viel Freude. Es ist auch nie zu spät und wäre doch ein Abenteuer für 2020! 

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