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freizeit
07/11/2021

Was die Kleider der Buhlschaft über Rolle und Schauspiel erzählen

Der Salzburger „Jedermann“ feiert 101. Geburtstag. Sind die Roben zeitgemäß? Was Kostümbildnerin Renate Martin über ihren Wandel sagt.

von Florentina Welley

Buuuh, tönte es am Domplatz, als Buhlschaft Sophie von Kessel 2008 in einem blitzblauen Kleid auf der Bühne erschien. Das Publikum reagierte damals entrüstet auf den Tabubruch, denn erstmals war die Farbe der Buhlschaft nicht das gewohnte Rot. „Rot ist  Ikone für Liebe, Lust und Leidenschaft, und hat vor allem am Domplatz eine lange Tradition“, sagt Renate Martin.

„Wenn man das Kleid der Buhlschaft neu entwirft, begibt man sich auf gefährliches Terrain. Aber nach 100 Jahren Buhlschaft ist es an der Zeit, mit Rollentraditionen zu brechen.“

Martin ist gemeinsam mit ihrem Kollegen Andreas Donhauser heuer bereits zum fünften Mal als Kostüm- und Bühnenbildnerin für den „Jedermann“ verantwortlich. So lässt sie nicht nur  gerade das Kleid für die neue Buhlschaft Verena Altenberger anfertigen, das mit großer Spannung  in einer Woche  der Presse vorgestellt wird, sie stattet auch gleichzeitig Puccinis „Tosca“ aus und entwirft für Anna Netrebko drei neue Kostüme, eines davon in klassischem „Tosca-Rot“.

Heuer verlagert sich die traditionelle Aufregung um das Buhlschaftskleid eher zur Frage der Buhlschaftsfrisur. Denn seitdem Fotos von Altenberger mit Kurzhaarschnitt veröffentlicht wurden, wird die Kostümbildnerin mit der Frage nach einer Perücke konfrontiert. „Der Entwurf des Kostüms ist eng mit der Schauspielerin verbunden. Im Fall von Verena Altenberger ist das zweifelsfrei eine selbstbewusste Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts.“ Bis auf den blauen Ausreißer traten Buhlschaften in den vergangenen 100 Jedermann-Jahren  in Kleidern auf, die alle Varianten von Rot-Tönen widerspiegelten. 

Ist jetzt doch alles gleich geblieben bei den Kleidern und der Rolle der Buhlschaft? „Die Tatsache, dass ich 2019 für die Buhlschaft der Valerie Tscheplanowa erstmals Hosen entworfen habe, hat damals ein mediales Echo losgetreten, wie ich es wirklich nicht erwartet hatte“, lässt Martin die Kostüme Revue passieren. Und weil die Buhlschaft seit 2013 in zwei unterschiedlichen Kleidern spielt, steckte Martin auch vergangenes Jahr Caroline Peters in Hosen.

Die große Robe war ein roter, mit Pailletten übersäter Overall, umwickelt mit einem fliegenden Rock, und in einem weißen, mit Perlen bestickten Kleid ironisierte Peters Marilyn Monroes berühmten Auftritt vor Präsident Kennedy,

indem sie auf der Geburtstagstorte zu 100 Jahren Salzburger Festspiele für Tobias Moretti das Lied „Happy Birthday, Mr. Jedermann“ sang.

Kleider im Rollenwechsel

„Es kann ja nicht sein, dass Frauen heute die Rolle der Buhlschaft genauso spielen wie vor 100 Jahren. Das Selbstbild der Frauen hat sich geändert, die Zeit, in der sich Frauen damit begnügen mussten, als Statussymbol die schöne Gespielin des reichen Mannes zu verkörpern, ist vorbei. Heute wollen Frauen sich auch selbst vergnügen“, so Martin. Auch deshalb entwarf sie 2018 für Stefanie Reinsperger ein Kleid, das nur als Attrappe mitspielte und um 30  Prozent größer geschneidert wurde. Das überbordende Kleid aus rotem Seidensatin, mit Faltenwürfen und Drapierungen, war eine Referenz auf das üppige historische Brokat-Samtkleid, das Senta Berger 1974 trug.

Reinsperger sagte ihre ersten Sätze hinter diesem „traditionellen Rollen-Kleid“, um im nächsten Augenblick dann im „Kleinen Schwarzen“ hervorzutreten, quasi als Hommage an Feministin Coco Chanel, die bereits 1920 Hosen trug.  Damit wollte sich Martin endgültig von der Idee lösen, dass das Kleid der Frau nur als Schmuck des Mannes dient, wie  noch 1974. Damals kam Berger, dem alten Rollenbild verhaftet, mit tiefem Dekolleté und Korsett auf die Bühne.

„Ich versuche bei den Buhlschaftskleidern immer ein Zitat umzusetzen. Ob wir wollen oder nicht, das Buhlschaftskleid ist ein künstlerisches Statement, weil es von der Öffentlichkeit dazu gemacht wird. Heuer geht es nicht so sehr um das tolle Kleid, sondern um die Liebesbeziehung zwischen Mann und Frau im allegorischen Sinn. Lars Eidinger und Verena Altenberger spielen ein Liebespaar, wie es das beim „Jedermann“ vielleicht noch nicht gegeben hat, soviel kann ich verraten, Liebe gibt es nur auf Augenhöhe“, so Martin. Wir warten gespannt auf die Farben und Rollenverteilung beim diesjährigen  „Jedermann“. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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