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freizeit
03/27/2021

Warum böse Gartenzwerge Gerichte beschäftigen

Im Frühling haben die kleinen Männchen wieder Hochsaison. Die einen lieben sie, für die anderen sind sie ein rotes Tuch.

von Daniel Voglhuber

Man muss Prioritäten setzen. „Andere fahren auf Urlaub, ich hab mir halt Zwergerl gekauft“, sagt Helga Eidenhammer. Die „Zwergerl-Helga“, wie sie genannt wird, wohnt mit Mann und tausenden Gartenmännlein im „Zwergerlhaus“ in Pfaffstätt im oberösterreichischen Innviertel.

„Mit Stand heute sind es genau 5.110. Aber das ändert sich täglich“, sagt sie, als die Freizeit sie erreicht. Am Tag zuvor waren es noch neun weniger (und mittlerweile sind es wohl wieder einige mehr). So viel hat angeblich niemand sonst mehr auf der Welt.

Warum eigentlich? „Das war ein Kindheitstraum von mir. Ich hab dann aber spät angefangen“, meint die Pensionistin lapidar.

Den ersten Zwerg hat sie sich Anfang der 90er in den Garten geholt und dann zigtausende Euro investiert, damit er Gesellschaft hat. Kaufen muss sie die freundlichen Herren heute aber nicht mehr, sie finden aus anderen Gefilden Unterschlupf beii ihr. „Glücklicherweise geben sie die Menschen her.“ Und sie bleiben auch. Das war aber nicht immer so. „Während des Mittagessens haben auf einmal ein paar Füße bekommen. Die sind nie wieder aufgetaucht.“ Seitdem wachen Kameras über das Zwergenreich.

Schöne Zipfelmütze, reißer Rauschebart

Im Frühling dauert es ein paar Wochen, bis wieder alle Zwerge aus dem Winterquartier geholt, geputzt und farblich aufgehübscht sind. Einen Liebling oder favorisiertes Motiv hat sie nicht. Ich mag alle gleich gern.“ Hauptsache sie haben eine schöne Mütze, einen weißen Rauschebart und einen freundlichen Gesichtsausdruck. Nur unanständig dürfen sie nicht aussehen. „Davon halte ich überhaupt nichts“, sagt Eidenhammer.

Gut, das sind dann aber keine Gartenzwerge mehr, sondern Frustzwerge. In den 90ern war es bei den biederen Gesellen vorbei mit der Lieblichkeit, sie mutierten. Da fehlt zwar nicht die Mütze, sondern die Hose. Die Gnome präsentieren ihr Gemächt in Exhibitionistenmanier oder sind mit Fetisch-Outfits ausgestattet. Andere tragen Tarngewand und sind mit Maschinengewehren aufmunitioniert. Wieder andere sind gleich tot und liegen mit Messer im Rücken am Boden.

Böser Zwerg verletzt die Ehre

Das muss nicht unbedingt allen gefallen. Und Nachbarn müssen sich das auch nicht gefallen lassen – zumindest in Deutschland. Da urteilte das Amtsgericht Grünstadt 1994: „Werden Frustzwerge (z. B. Zwerge mit ‚Stinkefinger‘ oder entblößtem Hinterteil) in der Absicht aufgestellt, den Nachbarfrieden nachhaltig zu stören, so stellt dies eine Ehrverletzung dar und der Nachbar kann die Entfernung der Zwerge verlangen.“

Vorausgegangen ist ein Streit um laute Musik. Und der hat einen Kontrahenten so sehr in Rage versetzt, dass er dem anderen mit 30 Figuren zu verstehen gab, was er von ihm hielt. Übrigens können Gartenzwerge laut Gerichtsentscheid in Deutschland das historische Erscheinungsbild denkmalgeschützter Gebäude schädigen. Und das ausgerechnet in dem Land, aus dem die standardisierten Männchen stammen. Als Wiege gilt Thüringen, wo Ende des 19. Jahrhunderts die Rotzipfler in Serie gingen.

Aber zurück zu den weniger kulturaffinen Ungustl-Figuren. Die haben sich den Unmut von Zwergenfreunden zugezogen. Die Fans haben sich so geärgert, dass sie vor 15 Jahren die Internationale Zwergenpartei (IZP) mit Sitz in – no na – Thüringen gegründet haben. Seitdem rücken sie aus, wenn mit dem braven Gesellen Schindluder getrieben wird. Um die IZP nicht zu verärgern, muss die Figur etwas spießig sein. „Ein ordentlich dargestellter Gartenzwerg trägt ordentliche Kleidung, festes Schuhwerk. Er hat Arbeitswerkzeug dabei. Er feiert keine Exzesse. Maximal trinkt er mit seinen anderen Zwergen mal einen Krug Bier“, sagte Zwergenschützer Frank Ullrich einmal der Bild. Und außerdem: „Ein Gartenzwerg hat auch keinen Sex.“

Stinkefinger und Hitlergruß

Keinen Spaß haben einige bei den deutschen Nachbarn auch mit dem Künstler Ottmar Hörl und seinen Kunststoffzwergen. Die Sponti-Zwerge zeigen den Stinkefinger. Andere sind wie die drei Affen; sie sehen nichts, hören nichts, sagen nichts. Und die „Poisoned“-Heinzelmänner, die vergiftete Ideologien darstellen sollen, zeigen den Hitlergruß. Hierfür werden er und die ausstellenden Galerien immer wieder angezeigt. Hörl selbst versteht die Zwerge als „Persiflage auf das Herrenmenschentum der Nazis“. Und er meint: „Nazis sehen sich doch selbst als groß, blond und heldenhaft. Diese Eigenschaften hat doch kein Gartenzwerg.“

Deswegen hat er es auch schon groß in die New York Times geschafft. Was ihn aber ganz und gar nicht zu stören scheint. „Wissen Sie, was eine Doppelseite Werbung in der New York Times kosten würde?“, fragte er in der Heilbronner Stimme. Mehrere Staatsanwaltschaften haben von der Einleitung eines Ermittlungsverfahrens abgesehen.

Zumindest mit einem Fuß im Kriminal stehen die Mitglieder der „Front zur Befreiung der Gartenzwerge“. Sie trat 1996 erstmals in Frankreich in Erscheinung. Die Anhänger der „nicht kommerziellen Vereinigung“ holen die Figuren aus den Gärten und setzen sie in der freien Natur, „dem natürlichen Lebensraum des Gartenzwergs“, aus. Und auch hier gab es schon Urteile in Deutschland: wegen Diebstahls.

Zum Ursprung  der Gartenzwerge gibt es mehrere Theorien. Eine besagt, dass sie  im 13. Jahrhundert in Anatolien auftauchten. Dort mussten kleinwüchsige Sklaven als Bergarbeiter schuften. Um sich vor den offenbar  übernatürlichen Kräften der Bergmänner zu schützen, stellten die Bewohner kleine Tonfiguren mit Zipfelmützen auf. Über italienische Kaufleute kamen die im 15. Jahrhundert nach Europa.

Andere glauben, dass die Römer die Ersten waren, die sich spitzbübische Skulpturen in den Garten gestellt haben. Aber ab dem 17. Jahrhundert gab es sie bei uns.  Die ältesten erhaltenen barocken Figuren stehen im Zwergerlgarten des Salzburger Schloss Mirabell.

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