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Interview
06/05/2021

Viggo Mortensen: „So bin ich nicht größenwahnsinnig geworden“

„Herr der Ringe“-Star Viggo Mortensen über sein Regie-Debüt, seinen strengen Vater - und warum es gar nicht so schlecht war, erst spät berühmt zu werden.

von Alexander Kern

Endlich Regisseur: Nicht, dass das künstlerische Portfolio von Viggo Mortensen bislang einen Mangel an interessanten Tätigkeiten aufgewiesen hätte. Maler und Fotograf sind auf seiner Visitenkarte vermerkt, in mehreren Bänden hat er Gedichte veröffentlicht. Nun läuft an, worauf er jahrelang hingearbeitet hat: In seinem Regie-Debüt „Falling“ nimmt ein Sohn trotz schmerzlicher Kindheitserinnerungen seinen verbitterten, demenzkranken Vater auf, der ihn für seine Homosexualität offen verachtet. Und damit Mortensen nicht langweilig wird, zeichnet er für die Produktion, das Drehbuch, die Musik verantwortlich – und spielt auch noch die Hauptrolle.

Die klassische Filmkarriere hat er keineswegs gemacht. Als Nebendarsteller lieferte er jahrelang Top-Leistungen in Filmen wie Sean Penns „Indian Runner“ oder „Die Akte Jane“ ab – für die großen Rollen als Hollywood-Held schien er zu zwiespältig. Doch dann kam „Der Herr der Ringe“. Und Mortensen wurde mit seiner Rolle als kämpferischer Aragorn mit über vierzig zum Star.

Beim Video-Interview sitzt er in einem Zimmer in Barcelona, trägt T-Shirt, hinter ihm hängt ein Filmposter vom Nouvelle-Vague-Klassiker „Außer Atem“ mit Jean Seberg und Jean-Paul Belmondo. Er wuzzelt sich eine Zigarette, die er während des Gesprächs genüsslich rauchen wird.

freizeit: Mr. Mortensen, Ihr Kinodebüt als Regisseur startet, Sie wollten den Film seit Langem verwirklichen. Was geht jetzt in Ihnen vor? 

Viggo Mortensen: Ich bin happy. Der Film ist besser geworden, als ich dachte. Für alle Beteiligten war der Dreh eine sehr persönliche, emotionale Reise, das kommt nicht oft vor. Die Crew teilte untereinander ihre eigenen Familiengeschichten. Das übertraf all meine Erwartungen.

Ihr Film ist sehr persönlich, Sie arbeiten darin Ihre Familiengeschichte mit auf.

Selbst wenn der Film großteils Fiktion ist, gibt es Momente und Worte, die auf meiner Kindheit basieren. Ich habe den Film gemacht, weil ich über meine Mutter und meinen Vater nachgedacht hatte. Darüber, was ich für sie empfinde und von ihnen gelernt habe. Es geht um zwischenmenschliche Kommunikation, die Probleme, die wir damit haben. Gibt es Menschen, mit denen wir nicht sprechen oder von denen wir denken, sie verdienen es nicht, dass wir mit ihnen sprechen? Ich finde nicht, dass das so sein sollte. Aber das entscheidet jeder für sich selbst. Die Kommunikation steckt ganz generell in der Krise. Bei den Menschen, den Politikern, der Gesellschaft.

Wie meinen Sie das?

Ignoranz und Angst sind der Grund für Nationalismus und Paranoia. Die meisten Leute beziehen ihre Informationen aus einer einzigen Nachrichtenquelle. Sie merken gar nicht, dass sie damit bloß die Meinung untermauern, die sie ohnehin bereits haben. Sie isolieren sich, dabei sollten sie ihr Bewusstsein öffnen. Misslungene Kommunikation greift wie eine Pandemie um sich und die einzige Heilung ist – Zuhören. Nicht zum Zwecke, daraus einen Gegenangriff abzuleiten. Sondern um Menschen, die sich auf den ersten Blick sehr von uns zu unterscheiden scheinen, wirklich verstehen zu lernen.

Wie war Ihr Vater?

Mein Vater war typisch für seine Generation: heterosexuell, Familienoberhaupt, Vaterfigur. Er wurde erzogen, wie Buben damals eben erzogen wurden: Du durftest deine Gefühle nicht zeigen, nicht weinen; ihm wurde das Selbstverständnis eingeprägt, dass er die Verantwortung trage, in der Familie das letzte Wort habe und die Leute sich nach ihm zu richten haben – und nicht umgekehrt. Sich in einer Beziehung weiterzuentwickeln, war ihm fremd.

Empfanden Sie ihn als unnahbar?

Er legte Wert darauf, unabhängig zu sein, bis zu einem gewissen Grad war er auch unflexibel. Und er hatte früh gelernt, die Dinge mit großer Entschlossenheit anzugehen. Er hat es nicht akzeptiert, wenn ihm gesagt wurde, er könne etwas Bestimmtes aus diesen oder jenen Gründen nicht tun. Wenn er es wirklich wollte, hat er es trotzdem versucht. Ich denke, was ich von meinem Vater habe, ist eine gewisse Sturheit. Dazu kommt die Liebe zur Natur. Ich bin auf einer Farm in Dänemark aufgewachsen, war immer am Fischen, Jagen und Campen. Diese Verbindung zur Natur wurde meinen zwei Brüdern und mir früh beigebracht. Dafür bin ich dankbar.

Er war auch eine Art Abenteurer?

Er machte zum Beispiel einen Trip durch Argentinien und die Provinz Tierra del Fuego. Dabei erreichten sie auch Gegenden, in denen niemals zuvor eine Menschenseele war. Und er setzte sich für die Umwelt ein. Mit Freunden engagierte er sich etwa für das Naturreservat auf der Halbinsel Valdés. Sie ist bekannt für ihre einzigartige Tierwelt, die Leute kommen hierher, um Wale zu beobachten. Damals konnte man noch einfach herkommen und Seelöwen und See-Elefanten schießen.

Haben Sie viele Konflikte mit Ihrem Vater ausgetragen?

Nicht mehr als jeder normale Mensch. Mein Vater war ein Kind seiner Zeit. Männer wie er hatten ihre eigene Sicht auf Familie und Gesellschaft – und waren nicht erpicht darauf, das zu ändern.

Was werden unsere Kinder einmal nicht verstehen, wenn sie auf die Generation davor blicken?

Ich glaube, die nächste Generation wird zurückschauen und sich fragen, wie wir so fahrlässig und fürchterlich mit der Umwelt umgehen und zudem die ernsthaften Signale des Klimawandels ignorieren konnten. Sie werden sich fragen, warum wir so viel Angst vor anderen hatten und so misogyn, rassistisch und gespalten sein konnten. Wir verfügen heute über so viele technische Möglichkeiten, miteinander zu kommunizieren und die Welt und ihre Geschichte zu verstehen. Dennoch weigern wir uns, zusammenzuarbeiten, obwohl es so offensichtlich ist, dass es besser wäre, diesen Weg einzuschlagen. Wir ignorieren konsequent die offensichtlichen Warnungen und guten Ideen. Dabei geht es gar nicht darum, ob man politisch links oder rechts eingestellt ist – das sagt einem einfach der gesunde Menschenverstand.

Ihre Biografie liest sich spannend. Sie haben in Venezuela gelebt, in Argentinien, Dänemark, den USA, jetzt in Spanien ...

Ich bin mein ganzes Leben lang auf Reisen. Immer in Bewegung, immer unterwegs. Nur das vergangene Jahr habe ich mich aufgrund der Pandemie nicht von der Stelle bewegt. Noch nie, seit ich ein Teenager war und an einen Ort gebunden, weil ich die Schule besuchte, war ich so wenig auf Reisen. Die einzige Ausnahme waren ein paar Roadtrips, um meinen Film vorzustellen. Dennoch hat mir der Stillstand gutgetan. Dadurch bot sich mir die Möglichkeit, mir Zeit für mich zu nehmen, die Verbindung zu alten Freunden wieder aufzugreifen oder endlich Bücher zu lesen, die ich mir schon lange vorgenommen hatte. Außerdem habe ich die Zeit genutzt, um zwei neue Drehbücher zu schreiben.

Legen Sie jetzt gleich nach und führen beim nächsten Film Regie?

Würde ich sofort. Allerdings habe ich seit mehreren Jahren kein Geld verdient. (schmunzelt) Also mache ich erstmal einige Schauspieljobs. Und nächstes Jahr wieder einen Film als Regisseur.

Sie waren um die 40 Jahre alt, als Sie mit „Herr der Ringe“ zum Star wurden. Glauben Sie, es war ein Vorteil, erst so spät berühmt zu werden?

Vielleicht. So bin ich nicht größenwahnsinnig geworden und habe zu glauben begonnen, ich wäre der Allergrößte. Ich hatte Glück. Diese Dinge können sich genauso schnell wieder von einem abwenden, wie sie einem zugeflogen sind. Die Hauptsache ist, dass du nicht aufhörst, etwas dazu zu lernen. Und das ist etwas, das ich stets getan habe. Selbst als ich „Der Herr der Ringe“ gedreht habe.

Die „Herr der Ringe“-Filme waren ein gigantischer Erfolg. Was konnten Sie aus der Arbeit daran mitnehmen?

Schon als wir drehten und lange bevor wir ahnen konnten, wie erfolgreich wir damit sein würden, war mir bewusst welch außergewöhnliche Erfahrung diese Filme bedeuten. Der gesamte kreative Prozess, sowie dass wir alle drei Filme in einem Aufwasch drehten – all das war eine einzigartige Gelegenheit, die man nur einmal im Leben geboten bekommt. Für mich war es zudem wie der Besuch einer Filmhochschule.

Von dem Sie heute noch beim Filmemachen profitieren?

Es war unglaublich, Regisseur Peter Jackson und seinem Team bei der Arbeit zuzusehen. Viele aus der Crew hatten nur wenig, manche sogar gar keine Erfahrung mit dem Drehen von Filmen. Mit Sicherheit keine, so eine riesige Produktion zu bewältigen. Jeden Tag fanden sie neue, kreative Wege, um kleine wie auch große Probleme zu lösen, die sich ihnen in den Weg stellten. Fantastisch.

Wollten Sie schon als Kind Schauspieler werden?

Nein, aber ich mochte Filme. Meine Mutter hat mich bereits früh regelmäßig ins Kino mitgenommen. Beim ersten Mal war ich drei Jahre alt. Ich kann mich noch ganz genau an diese aufregende Erfahrung erinnern. Es war „Lawrence von Arabien“. Anschließend unterhielten wir uns ausführlich darüber. So haben wir das immer gemacht.

Können Sie sich an den Inhalt dieser Gespräche mit Ihrer Mutter noch erinnern?

In einer typischen Unterhaltung mit ihr ging es um die Dinge, die im Film zu sehen waren, aber auch jene, die einem bewusst vorenthalten wurden. Darüber, was die Charaktere sagten – aber auch darüber, wozu man sich entschlossen hatte, es ungesagt zu lassen. Das fand ich interessant. Ich dachte, solche Gespräche zu führen, wäre normal, ich kannte ja nichts anderes. Ich dachte, alle Mütter wären so. Erst später entdeckte ich, wie ungewöhnlich das war. Es ging bei uns zu, als wären Drehbuchautoren zum Essen verabredet. Anfangs waren unsere Debatten recht simpel, später wurden sie zunehmend komplexer. Sie hat alle Filme analysiert, die wir gesehen haben, was ich großartig fand.

Sie sind ein Mann vieler Talente und arbeiten auch als Maler, Fotograf, Musiker und Poet. Was treibt Sie an?

Ich bin mir bewusst darüber, dass das Leben kurz ist. Sich zu vergegenwärtigen, dass es jederzeit enden kann, halte ich auf gewisse Weise für gesund. Bei Menschen, die nicht wie ich ohnehin ständig ans Leben und an den Tod denken, hat die Pandemie das sicher noch mal verstärkt. Du hast dann die Wahl: entweder das meiste aus jedem Tag zu machen – oder dich deprimiert in eine Ecke zu verziehen. Ich war ein Kind, als ich das erste Mal realisiert habe, dass das Leben zeitlich limitiert ist. Und meine Reaktion war, mich aktiv zu beschäftigen und etwas mit meinem Leben anzustellen.

Ihr Tatendrang bündelt sich gleich in mehreren Kunstrichtungen. Was bedeutet Kunst für Sie?

Ich unterscheide nicht zwischen Künstler und Nichtkünstler. Was ich als Künstler mache, tun wir alle auf die eine oder andere Art: wahrnehmen, was rund um einen passiert, es interpretieren und ausdrücken. Das ist Kunst für mich. Ich bediene mich dafür verschiedener Werkzeuge. Doch ob einem diese nun zur Verfügung stehen oder nicht, wichtig sind stets deine Augen, deine Stimme, deine Ohren.

Als Schauspieler drehten Sie in Wien den Film „A Dangerous Method“, in dem Sie Sigmund Freud darstellen. Wie erinnern Sie sich daran?

Ich bin mehrmals und lange vor Drehbeginn nach Wien gereist, um mich auf den Film vorzubereiten. Es war eine schöne Erfahrung, über Sigmund Freud zu recherchieren und ihm als jungen Mann nachzuspüren und nicht nur dem Klischee-Bild vom alten Mann mit weißem Haar und Bart, das wir alle von ihm kennen.

Welche Erkenntnisse konnten Sie über Freud gewinnen?

Freud war eine faszinierende Persönlichkeit. Einerseits war er ein großartiger Redner, der sein Publikum frei sprechend zu fesseln vermochte. Dabei verzichtete er auf griechische oder lateinische Fachvokabel. Das war ungewöhnlich für einen Akademiker, doch Freud wollte, dass die Leute verstehen, was er zu sagen hat. Andererseits war, was er schrieb so großartig, dass er sogar für den Nobelpreis für Literatur vorgeschlagen wurde. Ich war neugierig, was er neben wissenschaftlichen Werken zu seinem eigenen Vergnügen gelesen hat. Als ich das herausgefunden hatte, machte ich mich auf die Suche und stöberte in Wien in Antiquariaten nach diesen Büchern.

Mit Erfolg?

Ich fand tatsächlich Ausgaben, die er zu seiner Zeit besessen haben könnte. Zu den Dreharbeiten habe ich die dann alle mitgebracht und bin mit vielen Koffern voll mit Büchern angereist. Im fertigen Film sind sie zu sehen: Viele der Bücher, die in der Bibliothek in den Regalen stehen, habe ich selbst aufgetrieben. Das hat mir Vergnügen bereitet. Und Wien ist natürlich wundervoll. Durch die Stadt zu spazieren war herrlich und ich habe es genossen.

ZUM FILM: „Falling“ - das Regie-Debüt (ab 11.6. im Kino) von Viggo Mortensen ist eine berührende Vater-Sohn-Geschichte. Witwer Willis, der zunehmend an Demenz leidet, zieht darin nach L.A., um bei seinem homosexuellen Sohn zu leben. Das reißt  alte Wunden auf.

ZUR PERSON: Viggo Mortensen, geb. 1958 in New York, Vater Däne, Mutter Amerikanerin. Die Familie (zwei Brüder) lebte in Venezuela, Dänemark und Argentinien, nach der Scheidung in den USA. Mit „Herr der Ringe“ wurde er zum Star. Dreimal für den Oscar nominiert, u.a. für „Eastern Promises“ und „Green Book“. Liiert mit der Schauspielerin Ariadna Gil. Sie leben in Spanien.

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