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Interview
03/21/2021

„Bridgerton“-Autorin Julia Quinn: Warum sie Genugtuung empfindet

Die Serie „Bridgerton“ bricht auf Netflix alle Rekorde. Julia Quinn hat die Romanvorlagen geschrieben. Im Interview spricht sie über das Schreiben von Sexzenen und wie ihr erster Roman sie nach Harvard brachte.

von Alexander Kern

Jeder Tag, erzählt Julia Quinn, hält derzeit eine neue Überraschung für sie bereit. Jüngst entdeckte sie, dass ihre Bücher nun ins Georgische übertragen werden. „Georgien!“, verkündet sie uns aufgeregt im Zoom-Interview und lacht, „Georgien, das Land, und nicht etwa Georgia, der US-Bundesstaat!“

Die Buchreihe „Bridgerton“, die die 51-Jährige geschrieben hat, ist als verfilmte Serie gerade enorm populär. 82 Millionen Menschen haben sie gesehen – Rekord. Es ist die erfolgreichste Serie, die Netflix je produziert hat. 

Liebeswirren in der Regency-Ära

Acht Geschwister der Familie Bridgerton suchen in der Londoner Society des 19. Jahrhunderts darin die Liebe. Die smarte wie unschuldige Daphne findet sie in Gestalt des heißen Herzogs von Hastings. Natürlich hat der ein dunkles Geheimnis. Ganz nach dem Geschmack von Serienmacherin Shonda Rhimes, die schon für „Grey’s Anatomy“ verantwortlich zeichnete. Für Quinn ist die Verfilmung jedenfalls der Jackpot: Schon zuvor erfolgreich, stürmen ihre Romane nun weltweit die Bestseller-Listen.

freizeit: Mrs. Quinn, warum trifft „Bridgerton“ gerade so den Nerv der Zeit?

Julia Quinn: Der Grund, warum historische – und Liebesromane generell – im Moment so populär sind, liegt am Glücksgefühl, das sie uns schenken. Sie haben ein Happy End. Für gewöhnlich werden wir darauf konditioniert, ein Happy End sei nicht so viel wert wie keines. Sobald etwas tragisch oder düster ist, muss es besser sein.

Sie sind gegenteiliger Meinung?

Ich möchte das nicht schlechtreden. Ich mag das ebenfalls. Aber diese Enden sind nicht notwendigerweise besser. Dazu kommt: Die Welt ist gerade ein Chaos. Wir sitzen zu Hause fest, unser Leben ist ein heilloses Durcheinander. Wir alle brauchten etwas, das uns das Gefühl gibt, dass alles gut ausgeht.

Hat das Happy End eine ungerechtfertigt schlechte Reputation?

Es bekommt weniger Respekt. Ich bevorzuge dennoch ein Happy End. Es ist ähnlich wie mit Filmkomödien, die gewinnen auch kaum Preise. Ich glaube außerdem, dass Sexismus eine Rolle spielt. Liebesromane werden primär von Frauen geschrieben, von Frauen gelesen, von Frauen herausgegeben. Auf dieselbe Art, auf welche die Gesellschaft uns sagt, dass Happy Ends weniger wertvoll sind, sagt sie uns, dass alles, was feminin ist, weniger Wert hat. Es ist eine Möglichkeit, auf Frauen herabzusehen.

Fühlen Sie Genugtuung durch den Erfolg?

Yeesss (schmunzelt), absolut. Wir werden damit zwar nicht jedermanns Meinung ändern. Auf der anderen Seite haben 82 Millionen Haushalte auf der ganzen Welt die Serie gesehen. Das ist verrückt. Den kulturellen Zeitgeist einzufangen, ist noch einmal eine ganz andere Sache. Letztens hat Stephen Colbert in der „Late Show“ Witze über Charaktere gemacht, die ich erfunden habe. Das ist unreal. Und ziemlich cool.

Viele Rollen sind divers besetzt, man spricht von „farbenblindem Casting“. Wie finden Sie die Idee?

Ich finde das wundervoll. Die diverse Besetzung erlaubt es mehr Menschen, sich in der Story wiederzufinden. Und das Happy End mitzuerleben.

Auch die englische Königin ist schwarz.

Viele Historiker nehmen an, dass Queen Sophie Charlotte gemischter Herkunft war, das wird intensiv diskutiert. Was wäre, wenn auch andere Adelige nicht weiß gewesen wären? Wir spielen ein bisschen mit der Realität. Aber die Serie ist auch historisch akkurat. In Liebesromanen laufen für gewöhnlich dutzende Herzoge herum. Aber ehrlich, nicht alle werden in Wirklichkeit umwerfend gewesen sein – und manche von ihnen hatten sicher die Syphilis.

Das bringt uns zu den berühmten Sexszenen in „Bridgerton“. Wie schwierig ist es, eine gute zu schreiben?

Sind es meine Lieblingsszenen? Nein. Witzige Konversationen zu schreiben, liegt mir mehr. Am wichtigsten ist mir, dass eine intime Szene ein Motiv hat, die Handlung vorantreibt oder sich auf die Charakterisierung der Figuren auswirkt. Dann ist sie auch nicht schwierig zu schreiben.

Stimmt es, dass Ihr Vater Ihnen einst das Lesen von Liebesromanen verboten hat?

Er war skeptisch, meinte, ich solle besser Dostojewski lesen. Aber mit 16, im Urlaub? Ich gab an, ich lese diese Bücher aus Recherche-Gründen, denn ich wolle selbst so einen Roman schreiben. Also setzte er mich vor den Computer, rechnete damit, ich würde schnell aufgeben. Aber in zwei Sommern schrieb ich diesen Liebesroman für Teenager. Er wurde zwar nicht veröffentlicht. Aber half mir, in Harvard aufgenommen zu werden.

Wie kam es dazu?

Bei der Bewerbung sollte man über ein Buch schreiben, das einem wichtig sei. Ich schrieb über den Roman, den ich mit 16 verfasst hatte. Ich bin überzeugt, deshalb haben sie mich aufgenommen. Alle anderen schrieben über „Wer die Nachtigall stört“.

Wie erzählt sich eigentlich Ihre persönliche Liebesgeschichte?

Ich habe meinen Mann am dritten Tag in Harvard kennengelernt. Könnte ich meine eigene Liebesgeschichte schreiben, würde ich ihn mich erst ein paar Jahre später treffen lassen. So habe ich einige typische Uni-Sachen verpasst. Aber es ist gut, wie es ist. Es war ein verrücktes Jahr für uns. Mein Mann ist Infektiologe an einer Klinik in Seattle. Unsere Stadt hatte die ersten Covid-Todesfälle. Seit einem Jahr ist er mittendrin in all dem. Er ist erschöpft auf jede erdenkliche Weise, die ein Mensch nur erschöpft sein kann.

ZUR PERSON:

Julia Quinn wuchs als Julie Cotler in New York auf. In Harvard schloss sie ihr Studium der Kunstgeschichte ab. In Yale studierte sie Medizin, brach jedoch zugunsten ihrer Schriftsteller-Karriere nach wenigen Monaten ab. Ihre Liebesromane sind Bestseller und in 29 Sprachen übersetzt. Mit ihrem Mann lebt sie in Seattle. 

DAS BUCH:

Daphne und der heiratsunwillige Herzog: Julia Quinns Roman „Bridgerton  – Der Duke und ich“ (HarperCollins) – romantische und witzige Unterhaltung.  

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