© Wildnisgebiet Dürrenstein/Hans/Wildnisgebiet Dürrenstein/Hans Glader

freizeit
04/19/2021

Unheimlich schön: Wer hat Angst vorm Wald?

Diese Wälder sind legendär. Weil sie Kulissen für Feen, Gespenster oder Tafelritter sind, aber vor allem für echte Wunder.

von Annemarie Josef

Der Wald kann vieles sein. Ein Ort für Waldgeister, Trolle und Feen. Die Märchenkulisse für das liebe Rotkäppchen und den bösen Wolf. Der Schauplatz für Heldensagen und der Sitz für Götter und Göttinnen. Schaurig, schön, gespenstisch, zauberhaft – viele Legenden, Mythen und Geschichten ranken sich um die Waldlandschaften dieser Welt.

Dabei könnten die Bäume mehr über den Menschen erzählen als umgekehrt. Ihre Entstehungsgeschichte geht mehrere hundert Millionen Jahre zurück, 2019 wurden die bisher ältesten fossilen Wald-Reste entdeckt: sie sind 386 Millionen Jahre alt. Das ist, als hätte man den Heiligen Gral gefunden – und es datiert die Ankunft der ersten Wälder auf der Erde. Zum Vergleich: Dinosaurier gab es rund 140 Millionen Jahre später, die ersten Entwicklungsspuren des Menschen begannen somit gefühlt erst gestern – vor sieben Millionen Jahren.

„In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“ (Franz Kafka)

So alt die Geschichte der Wälder, so unterschiedlich ihr Aussehen. In einem Buchenwald haben wir schnell das Gefühl, es könnte hinter dem nächsten Baum eine Elfe hervortanzen. Bei den Kelten galt die Buche als Wunschbaum, für die Römer und Griechen war sie heilig, bis heute gilt sie als „Mutter der Erde“.

Der deutsche Förster Peter Wohlleben hat das soziale Wesen der Buchen 2015 begreifbar gemacht. Er erklärte den Baum zum sozialen Wesen, das kommuniziert, vernetzt ist und fühlen kann. Mit seinem Bestseller „Das geheime Leben der Bäume“ schuf er ein neues Bewusstsein der Menschen für den Wald. Heute, im Zeitalter des Waldbadens und dem neuen Hobby Spazierengehen, hat der Städter die Wälder für sich entdeckt.

In Belgien ist es der märchenhafte Hallerbos, der Menschen bewegt. Seine Wege führen durch ein blau-violett leuchtendes Blumenmeer. Ein Zauber, der nur wenige Tage im Frühjahr anhält. Es sind die Waldhyazinthen, auch Hasenglöckchen genannt, die für dieses Naturschauspiel sorgen. Und weil das so schön ist, wurde der Wald noch vor Corona zum Insta-gram-Hotspot. Nirgends soll der Blütenteppich so dicht, so leuchtend sein.

Dabei kommen die Hyazinthen, „Blue Bells“, in Großbritanniens Wäldern weit häufiger vor. Dort gelten sie als Symbol für Dankbarkeit und Bescheidenheit. Und eine alte englische Volksweisheit besagt: Wer die Blüte von innen nach außen stülpen kann, ohne sie zu beschädigen, wird die Liebe seines Lebens finden. Aber besser die Finger davon lassen, die Blume steht unter Naturschutz, auch die böse Fee sieht das gar nicht gern. Ja, die soll es auch geben.

Ancient Forest - Rothwald

Woran liegt es, dass Wälder voller Magie und Mythen stecken und ambivalente Gefühle wecken? Schon ein Rascheln oder Knacken kann einen das Fürchten lehren, einmal fühlt man sich ängstlich, ein anderes Mal völlig entspannt. Die fragte bei Wildbiologin Nina Schönemann nach. Die Wienerin arbeitet im letzten Urwald Mitteleuropas, der zum Wildnisgebiet Dürrenstein in Niederösterreich gehört: im Rothwald, das sind 4 km² Natur – wild und geheimnisvoll.

Die Angst vor dem Wald

„Ich kenne das Gefühl, Angst vor dem Wald zu haben“, sagt Nina Schönemann, die sich selbst als „nüchterne“ Biologin bezeichnet. Es sind Kindheitserinnerungen an Wanderungen, die sie erst einschätzen gelernt hat, seitdem sie im Wildnisgebiet arbeitet. Oft fühlte sie sich im Wald unwohl. In Österreichs Urwald war es dann, als sei sie angekommen. „Hier vergisst man auf die Uhr zu schauen und kommt zur Ruhe.“ Der Urwald hat Schönemanns Wahrnehmung verändert, was andere Wälder betrifft. Sie ist davon überzeugt, dass der Körper fühlen kann, wie es dem Wald geht. „Hier dürfen Bäume alt werden. Es gibt keinen Leistungsdruck, das spürt man“, sagt die Wildbiologin. „Und wirkt sich auch auf uns aus.“

Geheimnisvolle Waldwesen sind hier Luchs, Habichtskauz und Alpenbock, aber auch Pilzschwämme an Bäumen und Korallenpilze auf dem Erdboden. Es fühlt sich unter den Füßen an, als gäbe die Welt bei jedem Schritt ein wenig nach.

Tafelritter und Riesen

Der Rothwald ist 12.000 Jahre alt, er gehört zum Wildnisgebiet Dürrenstein, in dem eine 1.000-jährige Eibe steht. Jahrtausendealte Eiben sind auch im französischen Wald Brocéliande zu finden. Durch die Wälder der Bretagne streifte Artus mit den Tafelrittern auf der Suche nach dem Heiligen Gral, zur Artus-Grotte führt ein Weg, auf dem auch Tristan und Isolde wandelten. Und Maria, die Mutter Gottes, war auch hier – sowie Riesen, die mit Felsen gespielt haben sollen.

Je älter der Wald, geheimnisvoller der Baumwuchs, die Wurzeln und Steine, desto eher werden seine Geschichten weitergetragen. So gilt etwa Wistman’s Wood im Dartmoor, England, wegen seiner bizarr wachsenden alten Eichen und smaragdgrün glänzender Moose als „Märchenwald“, in dem – natürlich – ein Höllenhund haust.

Der Gespensterwald im Ostseebad Nienhagen hat seinen Namen aufgrund der Winde, welche die Bäume gespenstisch verformt haben. Altholzbuchen ragen hier mit ihren Wurzeln über die Kliffkante der Ostseesteilküste hinaus. Der Nebelwald Garajonay auf der Kanarischen Insel La Gomera wurde nach Prinzessin Gara und dem Bauernbub Jonay benannt.

Eine klassische Romeo-und-Julia-Geschichte, in der die Liebenden glaubten, nur im Tod zueinander finden zu können. Lorbeerbäume, Palmen, Moose und Flechten bewahren die Legende bis heute. Wie sagte schon Kafka: „In den Wäldern sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte.“

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