© Kurier/Jeff Mangione

Reportage
06/28/2021

Trendsport Hickory-Golf: Wie vor 100 Jahren darf der Gin Tonic nie fehlen

Beim Hickory-Golf setzt man auf Schläger aus Holz, Gefühl statt Gewinnen und den Whisky danach. Was beim Trendsport noch dazu gehört: die eleganten Styles am Green wie damals.

von Alexander Kern

Die platinblonde Dame rückt ihren neckisch über die Schulter geschwungenen Sonnenschirm zurecht und lächelt entzückt. Mit der Rechten prostet sie mit einem Glas Champagner entspannt dem Herrn ihr gegenüber zu, auch er eine hochelegante Erscheinung: trotz flirrender 30 Grad trägt er lange Hosen, Schiebermütze und Hemd. An seiner Weste baumelt eine silberne Taschenuhr.

Der Herr neben ihnen nuckelt an einem Zigarillo und beeindruckt mit einem nicht minder aus der Zeit gefallenen Outfit: karierte Knickerbocker, blau-türkise Socken im Rautenmuster, dazu Hosenträger und weißes Jackett. Mit Kennerblick prüft er die Flugbahn des Golfballs, den die Dame mit Glockenhut eben mit Verve aufs Green abgeschlagen hat. Die Luft schmeckt nach Gin Tonic, ein elitärer Hauch umschwebt die Szenerie. Eine feine, englische Gesellschaft, die in den Goldenen Zwanzigerjahren auf ihrem Landsitz in einer Mußestunde dem noblen Golfsport nachgeht?

Nicht ganz. Wir befinden uns in Güttenbach, Bezirk Güssing, Burgenland. Und hier steht dann und wann die Zeit still. Zumindest für die Spanne einiger Putts. Und selbstverständlich ein paar Drinks.

Entschleunigtes Naturerlebnis

Es ist ein Grüppchen alter Freunde, die hier ihrem durchaus extravaganten Hobby frönen: Hickory-Golf, das ist Golf wie vor hundert Jahren. Als Könner ihre Birdies mit Schlägern, gemacht aus dem harten, aber elastischen Holz des Hickorybaums, beheimatet in Nordamerika oder China, schlugen. Und bevor 1929 die Stahlschäfte zugelassen wurden.

Die Hickory-Hölzer verlangen eine besonders große Hingabe ans Spiel. Es ist herausfordernder – dafür ist der Genuss des Gelingens umso schöner. Der Sweet Spot, das ist jener Punkt am Schlägerkopf, an dem man den Ball perfekt trifft und die maximale Energie auf diesen übertragen wird, ist hier besonders klein. „Der Schwung muss langsamer und gemäßigt sein“, erklärt Giunto Schalkenberg, „es muss kein Schlag, sondern darf ein Schwung sein.“

Schalkenberg ist Präsident des Hickory Golf Burgenland Clubs. Er hat uns zu einer Runde auf sein privates Green eingeladen. „Für mich ist Hickory eine Rückkehr zu den Wurzeln des Sports“, sagt er. „Viele betreiben Golf heute mit tierischem Ernst. Bei uns dagegen steht der Genuss der Natur beim Spaziergang über die schönen Plätze und das pure Spiel an sich im Vordergrund, sowie der gesellschaftliche Aspekt. Hickory hat eine entschleunigende Wirkung. Das Erlebnis steht über dem Ergebnis.“

Und zu diesem Erlebnis trägt eben auch der authentische Dresscode bei, der jedes Spiel zu einer gediegenen Modenschau avancieren lässt: vorgeschrieben ist traditionelle Kleidung wie zur Kolonialzeit Britanniens oder hierzulande zur Kaiserzeit. Denn Hickory-Golf ist auch und vor allem eine Stilfrage. Gertraud Hofer etwa, die heute mitspielt, ist Rechtsanwältin, ihre Freizeit bestimmt die Leidenschaft für Hickory. „Es ist eine sehr ansehnliche Mode“, erläutert sie, „ich mag es, mich darin zu kleiden. Die Männer schauen sehr fesch aus, und als Frau fühlt man sich am Golfplatz wie eine Prinzessin.“

Genussgolf statt Fun-Sport

In Österreich ist Hickory Golf derzeit in vier Clubs organisiert, der erste wurde in Bad Ischl gegründet. Ungefähr 60 Spieler gehen dem extravaganten Sport hierzulande nach. Ein exklusiver Zirkel, doch der Trend zum Vintage-Golf nimmt Fahrt auf. Immer mehr Menschen fühlen sich von Auswüchsen wie bei den Profis, bei denen derzeit zwei Super Leagues (eine britische, die andere von Saudi-Arabien finanziert) geplant sind und bei denen pro Turnier 40 Millionen Dollar ausgespielt werden sollen, zunehmend genervt. In den Clubs wirft übertriebener Ehrgeiz zur Top-Performance einen Schatten auf die Schönheit des Spiels.

Zugleich machen irrwitzige Spielarten von sich reden: Beim Speedgolf ist schnelles Laufen gefragt (es kommt nicht nur auf die gespielten Schläge an, sondern geht auch auf Zeit), eine eisige Variante ist Schneegolf (statt Greens gibt es Whites), Crossgolf (gespielt wird überall, ob urban oder in wilder Natur) oder Heligolf (auf Golf-Safari mit dem Hubschrauber). Wen mag es da wundern, wenn sich immer mehr Spieler dem Gegenstück dieser Entwicklung zum Fun-Sport zuwenden und auf Golf für Genießer setzen?

Amerika misst die höchste Zahl an Hickory-Golfern. Viele Fans hat das Vintage-Golf selbstverständlich im Vereinigten Königreich, aber auch in Dänemark und Schweden, wo es 2.000 begeisterte Hickory-Spieler gibt, sogar eine eigene Tour stattfindet. Und auch in vielen andern Ländern wie der Schweiz, Deutschland, Polen oder Tschechien gibt es Clubs und wächst die Community.

In Musselburgh, Schottland (der Wiege des Spiels) liegt der älteste Golfplatz der Welt. Im nahe gelegenen St. Andrews werden jährlich die Weltmeisterschaften ausgetragen, selbst aus China reisen Teilnehmer an. Die Bahnen sind kürzer als auf gewöhnlichen Plätzen, um die fehlende Länge in den Schlägen auszugleichen, dazu wird mit Replika-Bällen gegolft.

In guter Gesellschaft

Dass der gesellschaftliche Aspekt dabei genauso wichtig ist wie der spielerische, demonstriert jede Golfrunde – danach sitzt man gern zusammen, philosophiert, genießt Speis und Trank. Aber auch jedes Turnier. Manche Spieler reisen stilbewusst in Oldtimern an, die Wettbewerbe dauern mehrere Tage, schließen Events wie die Players Party ein, finden in edlen Palais’ oder Ballsälen statt, manchmal auch in Verbindung mit musealen Ausstellungen über die Historie des Sports. John W. Fischer Jr. hieß der Mann, der als letzter Sieger eines Major-Turniers mit Hickoryschlägern (den US Amateur Championships) 1936 in die Annalen einging.

Willkommen ist jedenfalls alt wie jung. Was alle eint, ist ohnehin der Reiz am Verspielten. „Es ist ein bisschen verrückt, aber es ist lustig“, sagt Giunto Schalkenberg. Für ihn, einen ehemaligen Künstler und Interior-Designer, ist bereits der Anblick der von Hand gefertigten Holzschläger (restauriert oder nachgebaut) ein ästhetischer Hochgenuss.

Nummern, wie heute üblich, tragen sie keine. Stattdessen Namen wie Spoon, Mashie oder Niblick, versehen sind sie mit allerlei Emblems, umspannt sind ihre Griffe von Leder. Gut restauriert bekommt man sie für 120 bis 150 Euro. Einmal in der Woche spielen die Clubmitglieder damit ihre Runde in ihrem Heimatclub in Bad Tatzmannsdorf. Ein spielerisches Schlendern. Das Motto ist wie immer: „Enjoy the Walk“. „Die Aufmerksamkeit ist dabei stets äußerst groß“, grinst Schalkenberg verschmitzt. „Die einen staunen, andere belächeln uns, fasziniert sind alle.“

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