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03/27/2021

Codes und Signale: Wie Gewaltopfer im Lockdown um Hilfe rufen können

Häusliche Gewalt nimmt seit der Pandemie zu – wie Betroffene im Lockdown auf ihre Situation aufmerksam machen können.

von Julia Pfligl

Ein Polizist entführt die Britin Sarah Everard auf ihrem Nachhauseweg und tötet sie. Ein Wiener zündet seine Ex-Partnerin in ihrer Trafik an. Ein 26-Jähriger ersticht in einer Salzburger Wohnung seine Frau, während nebenan seine kleinen Kinder schlafen.

All diese Verbrechen ereigneten sich innerhalb eines Monats. Es sind besonders tragische Fälle, die – teilweise weltweit – große Aufmerksamkeit erregten. Im privaten Bereich bleibt physische und sexualisierte Gewalt aber oft unentdeckt. Jede fünfte Frau ist im Laufe ihres Lebens betroffen, die Dunkelziffer ist in Pandemie-Zeiten höher denn je. Das zeigt auch die eben veröffentlichte Kriminalstatistik: Insgesamt musste die Polizei im Vorjahr 9.689 Gefährder wegweisen, ca. 1.400 mehr als im Jahr 2019.

Flucht ins Frauenhaus

Bei der Frauenhelpline (0800 222 555 bzw. www.haltdergewalt.at) verzeichnete man 40 Prozent mehr Anrufe von gewaltbetroffenen Frauen, berichtet Leiterin Maria Rösslhumer. Noch dramatischer sei der Anstieg bei Kindern. „Die Barrieren, sich Hilfe zu holen, sind durch Lockdown und Homeschooling größer geworden. Man kann nicht so einfach die Koffer packen und ins Frauenhaus flüchten.“ Viele würden heimlich anrufen, wenn ihre Männer schlafen oder kurz draußen sind.

Weil dies nicht immer möglich ist, haben sich im vergangenen Jahr verschiedene Hilfsangebote und Codes für Gewaltopfer etabliert. Hier ein Überblick: 

Notruf als Webshop-Bestellung getarnt

Als die 19-jährige polnische Schülerin Krystyna Paszko erfuhr, wie stark häusliche Gewalt in ihrem Heimatland während der Pandemie ansteigt, beschloss sie, aktiv zu werden. Das Problem: Viele Gewaltopfer, die mit ihrem Misshandler zu Hause eingeschlossen sind, haben Angst, eine Notrufnummer zu wählen oder Hilfe zu ergoogeln, weil jeder Schritt vom Mann kontrolliert wird.

Ein Web-Shop für Kosmetik ist im Suchverlauf unverdächtig. Also gründete Paszko „Rumianki I bratki“, übersetzt „Kamille und Stiefmütterchen“. Wer dort bestellt, erhält jedoch keine Hautcremen, sondern Hilfe von geschulten Psychologinnen und Juristinnen. Der Bedarf ist groß, wie das SZ Magazin berichtete: Fast 500 Frauen wurde im vermeintlichen Shop bereits geholfen, 20 wurden aus ihren Wohnungen geholt und in Frauenhäuser gebracht.

Handzeichen in Videocalls

Einen ähnlichen Ansatz verfolgt die kanadische Organisation Canadian Women’s Foundation mit einem Handzeichen, das zu Beginn der Pandemie initiiert und weltweit verbreitet wurde. Es soll Frauen in der Isolation die Möglichkeit geben, während Videocalls unauffällig ihre Notlage zu signalisieren und um Hilfe zu „rufen“.

Und so geht’s: Den Daumen auf die Handinnenfläche legen und langsam mit den anderen Fingern umschließen, sodass eine Faust entsteht. Wer dieses Signal bemerkt, sollte laut Women’s Foundation versuchen, in ein vertrauliches Zweiergespräch mit der Frau zu treten und bei Bedarf die Polizei rufen.

App als Wegbegleiter

Die 33-jährige Sarah Everard verließ gegen 21 Uhr das Haus ihrer Freundin und kam nie zu Hause an. Es folgte ein Aufschrei in den sozialen Medien und eine Debatte über die Sicherheit von Frauen im öffentlichen Raum. Rasch verbreitete sich der Hashtag #TextMeWhenYouGetHome (schreib mir, wenn du zu Hause bist) – ein Satz, den wohl jede Frau schon einmal gehört hat.

Ein Sicherheitsgefühl auf leeren Straßen gibt die Handy-App WayGuard: Man meldet sich mit der Telefonnummer an und lässt sich entweder von einem WayGuard-Profi oder einer Privatperson, die die App ebenfalls installiert hat, virtuell begleiten. Per GPS-Tracker sieht der andere, wo man gerade ist. Daheim angekommen, kann man die Begleitung beenden, in einer brenzlichen Situation den Notrufknopf betätigen.

Apotheken-Codewort

Apotheken sind während Ausgangsbeschränkungen eine der wenigen Zufluchtsorte, wo Gewaltopfer unbemerkt auf ihre Not aufmerksam machen könnten. Frankreich startete daher einen Versuch, der sich mittlerweile auch in Spanien und Deutschland durchgesetzt hat: Wenn man nach einer „Maske 19“ fragt, sind die Apotheker angehalten, die Polizei zu informieren. Je mehr Menschen die Bedeutung des Codes kennen, desto besser.

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