© #keinemehr

Politik Ausland
11/25/2020

Mord an Frauen: „Strukturelles Problem – kein Einzel- oder Familiendrama“

2019 starb in Deutschland alle drei Tage eine Frau durch ihren (Ex)-Partner – nun wird über mehr Schutz und auch einen eigenen Straftatbestand diskutiert.

von Sandra Lumetsberger

Nürnberg, Stadtteil Gebersdorf. Eine Frau, 63 Jahre alt, liegt auf der Straße, daneben in einem Taxi ein Mann – beide erschossen. Die Polizei nimmt später den getrennt lebenden Ehemann der Frau fest, er gilt als tatverdächtig, schweigt aber. Was vergangenen Samstag in Nürnberg passierte, wurde in einigen Medien als „Beziehungsdrama“ oder „Scheidungskrieg“ bezeichnet. Dabei geht es um etwas anderes: Femizid. Ein Begriff, den die Soziologin Diana E. Russell 1967 prägte; er bedeutet: Männer töten Frauen, weil sie Frauen sind. In Argentinien, Peru und Spanien wird dies als Straftatbestand geführt. In Deutschland kommt er am häufigsten als „Trennungstötung“ vor. Laut Bundeskriminalamt ist 2019 alle drei Tage eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner getötet worden – 117 Frauen und 32 Männer starben. Insgesamt waren laut Polizeistatistik 141.792 Menschen Opfer von Partnerschaftsgewalt (81 Prozent weiblich, 19 Prozent männlich) – das sind um 0,7 Prozent mehr als 2018.

Hohe Dunkelziffer

Die Dunkelziffer dürfte höher sein, erfasst werden nur Anzeigen. Viele Frauen melden sich nicht oder spät, weil sie in Abhängigkeit zum Mann leben oder ihn der Kinder wegen nicht anzeigen, sagt Elisabeth Oberthür vom Verein Frauenhauskoordinierung. Die Pandemie verschärft derzeit die Lage, „ist aber nicht die Ursache für häusliche Gewalt“. Problematisch ist, dass sie selbst von Betroffenen oft nicht als solche erkannt wird, wenn es etwa mit Kontrolle und Psychoterror beginnt, so Oberthür. Daher brauche es mehr Aufklärung und Gewaltschutz. Die Frauenhäuser seien chronisch unterfinanziert, 14.000 Plätze fehlen. „Zudem sind sie nicht barrierefrei, haben zu wenig Personal und Mittel für Kinderbetreuung“.

Um Femizide zu verhindern, fordern feministische Gruppen und die Linke-Fraktion im Bundestag eine Anerkennung des Begriffs und eine Beobachtungsstelle, um mehr über Motive und Tötungsfälle von Frauen herauszufinden. Einen eigenen Straftatbestand sehen die Expertinnen vom Deutschen Juristinnenbund aber nicht. Die Juristin Leonie Stein fordert in der Süddeutschen Zeitung eine gesetzgeberische Intervention: Trennungstötungen würden oft nicht als Mord eingestuft, sondern als Totschlag. Sie dürften aber nicht milder bestraft werden, nur weil es sich um eine Tat in der Partnerschaft handelt.

Aus solchen Gründen ist dann oft von „Einzel- oder Familiendramen“ zu lesen, sagt Elisabeth Oberthür. „Wenn man sich die Zahlen vergegenwärtigt, ist es aber offensichtlich, dass es ein strukturelles Problem ist.“

 

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Jederzeit und überall top-informiert

Uneingeschränkten Zugang zu allen digitalen Inhalten von KURIER sichern: Plus Inhalte, ePaper, Online-Magazine und mehr. Jetzt KURIER Digital-Abo testen.