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freizeit
10/10/2021

Robert Stadlober: „Ich bin immer noch Punk“

Mit 18 Teenie-Idol, danach rebellischer Rabauke. Heute ist Schauspieler Robert Stadlober verheiratet und Vater. Ein Gespräch über Paartherapie, Nächstenliebe und seinen Lieblingsschneider.

von Alexander Kern

Noch zwei Melange bestellen, dann kann es losgehen. Das Café Hummel ist das Wohnzimmer des achten Wiener Gemeindebezirks. Die Sonne scheint, wir sitzen mit Robert Stadlober im Schanigarten, er dreht sich eine Zigarette. Der Schauspieler trägt Strohhut, Flinserl, unterm Anzug quillt ein blaues Hemd mit großem Kragen hervor. Er genießt das Leben in Wien sichtlich, nach Jahren hat der Österreicher sein Leben in der Hauptstadt wieder fix verortet.

Dass es Zeit war, Berlin zu verlassen, erzählt er, während er einem Straßenverkäufer eine Obdachlosen-Zeitung abkauft. Der in Jugendzeiten exzentrische Künstler, der angeblich oft so manches Hotelzimmer in Mitleidenschaft zog: wieder sesshaft in der Heimat, verheiratet und als Vater von zwei kleinen Töchtern. Gatte und Vater gibt er auch in der gelungenen Comedy-Serie „Familiensache“, die im ORF läuft. Ein Paartherapeut hilft den Eheleuten dabei, den Wahnsinn ihres Alltags aufzuarbeiten. Doch jetzt wollen wir mit Stadlober erstmal über seinen Style reden.

freizeit: Cooles Outfit. Wer hätte gedacht, dass der feine Zwirn Ihr bevorzugter Style ist?

Robert Stadlober: Der Anzug ist eine Art Rüstung gegen die Widrigkeiten des Alltags. Ich kann damit im Park auf der Wiese liegen, als auch abends auf eine Theaterpremiere gehen. Ich lege Wert darauf, dass ich nicht ausschaue, als ob ich gerade aufgewacht wäre.

Das klingt jetzt eher konservativ.

Zum Anzug gehören ein Hemd und Schnürschuhe. Diese Modeerscheinung mit Turnschuhen zum Anzug finde ich komisch. Nicht aus Gründen der Etikette, das ist einfach Mod-Kultur. Sich gegen das Establishment aufzulehnen geht am besten, indem man besser aussieht als das Establishment. Meine Anzüge sind von Bent Angelo Jensen, der unter dem Label-Namen Herr von Eden schneidert, oder von Thomas Farthing aus der Museum Street in London. Wenn ich mir etwas leiste, dann von dort. Ich gehe allerdings auch zu Humana. Ich hege eine große Leidenschaft für alte, breite Krawatten. Italienische.

Wie viel Punk steckt noch in diesem Anzug?

So viel, wie in einem Anzug nur stecken kann. Ich hinterfrage immer noch, wer meint, eine Autorität über mich zu haben. Das habe ich vom Punk gelernt. Wer meint, über anderen zu stehen, ist in Zweifel zu ziehen. Das muss man dann überprüfen. Erstrebenswert ist, anderen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Und die Toleranz allen Meinungen gegenüber, solange sie andere nicht unterdrücken. Da bin ich immer noch Punk. Ich war schon als Kind Punk, aber als Kind ist ja jeder Punk. Den meisten wird es nur ausgetrieben.

Sind Sie noch wütend auf irgendwas?

Auf sehr viel. Mit der Welt habe ich mich überhaupt nicht arrangiert. Ich finde es super, dass derzeit so viele junge Menschen aufbegehren. Fridays for Future finde ich gut. Wie mit Menschen umgegangen wird, die hilfesuchend zu uns kommen, finde ich dagegen nicht gut. Das macht mich sehr wütend. Es ist genug für alle da.

Derzeit grassiert wieder die Angst vor der nächsten Flüchtlingswelle.

Wer das behauptet und mir gleichzeitig erklärt, dass er Christ ist, den begleite ich das nächste Mal gern zum Ostergottesdienst. Und danach reden wir nochmal darüber, was es bedeutet, Christ zu sein. Die Nächstenliebe reicht, wie es scheint, immer nur bis zum eigenen Konto.

Wie macht sich der Rebell als Vater, der schon auch Autorität verkörpern soll?

Ich finde, man muss als Vater keine Autorität sein. Man kann Kindern Grenzen auch auf eine Art vorleben, die nichts mit Bestimmen oder Strafe zu tun hat. Gleichzeitig lerne ich von ihnen.

Was zum Beispiel?

Etwa wenn meine fünfjährige Tochter mich fragt, warum uns jemand um Geld gefragt hat und ich ihr erklären muss, warum es Menschen gibt, die auf der Straße leben. Da merkt man, wie schnell einem die Argumente ausgehen. Und hinterfragt sich selbst und seine Privilegien.

Schlägt Ihre Frau in Sachen Erziehung dieselben Töne an wie Sie?

Vermutlich bin sogar ich der Strengere. Ich lege etwa Wert darauf, dass die Familie gemeinsam isst, meine Eltern haben mir das so vorgelebt. Meine Frau ist da lockerer.

Der Familienvater, den Sie in „Familiensache“ darstellen und seine Frau geben in der Serie Beziehungstipps: spontan bleiben, Ärger nie runterschlucken, beim Sex auch mal an andere denken. Welche guten Ratschläge haben Sie auf Lager?

Der größte Konflikt in einer Beziehung ist wahrscheinlich Eitelkeit. Man denkt ja, man befindet sich stets im Recht, weshalb man ständig in der Angst lebt, eines Fehlers überführt zu werden. Man beharrt auf seiner Meinung, das macht alles kompliziert. Das Wichtigste an Beziehungen ist, zuzulassen, dass der andere ebenfalls recht hat. Und Streit nicht als Weltuntergang zu sehen. Es ist vollkommen psychopathisch, wenn Paare sich niemals streiten. Konflikte sind völlig normal. Deshalb sucht man ja einen anderen Menschen, weil man anderes als sich selbst als Gesellschaft haben möchte.

Auch gut: der Oneliner „Lasst euch nicht durch die Hochzeit eure Beziehung zerstören.“

Meine Frau und ich haben in sehr kleinem Rahmen geheiratet, ohne ein Schloss zu mieten, ohne Platzkarten zu vergeben. Dadurch war unsere Hochzeit sehr schön. Verändert hat sie unsere Beziehung nicht. Sie hat sie schöner gemacht.

Zur Paartherapie gehen: gute Idee oder kommt gar nicht in Frage?

Therapie ist immer eine gute Idee. Jeder schleppt bestimmte Muster und Gepäck aus der Vergangenheit mit sich herum. Dann ist es gut, wenn das jemand von außen beobachtet. Und gut, wenn dieser Jemand in keiner persönlichen Beziehung zu einem steht. Wir haben uns auch schon Hilfe gesucht. Eine absolut positive Erfahrung. Die eigene Sichtweise wird hinterfragt. Man kann mit einem neutralen Schiedsrichter über alles reden. Die Person kann das einordnen. Danach muss man eh selbst als Paar weiter damit arbeiten.

Sie haben lange in Berlin gewohnt, leben jetzt zur Gänze wieder in Wien. Warum?

Mit meiner Frau und den zwei Kindern habe ich am Prenzlauer Berg in meiner aufgelassenen WG gewohnt, rund um uns junge Menschen, die irgendetwas Kreatives machen. Wir fuhren ein Lastenrad. Ich hatte das Gefühl, wir wären das absolute Klischee. Ich dachte nur noch: Wie ist das bloß passiert? Manchmal muss man die Notbremse ziehen.

Wien war die Lösung?

Wir brauchten einen Wechsel. Ich liebe Wien, es beherbergt alle Altersklassen, jegliche Herkunft und ist ein wunderbarer Melting Pot.

Und es geht gemütlicher zu als in Berlin.

Das ist ja das Beste daran. Je älter man wird, desto mehr begrüßt man die Langsamkeit. Nicht weil man das Schnelle nicht mehr aushält, sondern aus Angst, dass das Schöne so bald vorbeigeht.

Der Film „Crazy“ hat Sie einst zum Teenie-Idol gemacht. Wie fühlt sich das an, im Rückblick?

Es kommt mir vor wie ein komischer Traum, als ob ich gar nicht dabei gewesen wäre. Aber es war wahnsinnig schön. Und verrückt. Auf der Promo-Tour sind wir mit dem VW-Bus durch ganz Deutschland gefahren; überall wurden wir von den kreischenden Mädchen beinahe erdrückt. Es ging zu wie bei den Backstreet Boys. Die sind dem Bus hinterhergerannt, teilweise mussten wir viermal im Kreis ums Hotel fahren, damit die uns nicht verfolgen können. Trotzdem sind nachts Fans bei uns ins Hotel eingestiegen. Da haben wir halt die Minibar aufgemacht und uns eine coole Nacht gemacht. Es war die Superlative einer Pubertät.

ZUR PERSON:

Robert Stadlober wurde 1982 geboren und wuchs in der Steiermark auf. Mit 18 Durchbruch mit „Crazy“. Lebte in Berlin, Hamburg, Barcelona, spielte u. a. in „Engel und Joe“, „Krabat“, „Der große Rudolph“, „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ und am Burgtheater. Verheiratet mit einer Kostümbildnerin. Zwei Töchter (5 und 2 Jahre). 

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