© Hanser Verlag/Peter-Andreas Hass

Interview
02/07/2021

Erfolgsschriftsteller T.C. Boyle: „Ich muss keine Anzüge tragen“

T.C. Boyle ist der Rockstar der US-Literatur. Im Interview spricht er über seine rebellische Jugend und das neue Amerika. Und seinen neuen Roman „Sprich mit mir", in dem er die Frage stellt: Haben Tiere ein Bewusstsein?

von Alexander Kern

Der Mann am anderen Ende der Leitung ist gut gelaunt. T.C. Boyle hat gestern früh seine erste Teilimpfung gegen Covid-19 erhalten, „allen Widrigkeiten zum Trotz“, wie er sagt. In drei Wochen folgt die nächste. Jetzt ist er wieder zu Hause, in seinem geliebten, mehr als 100 Jahre alten Holzhaus nahe Santa Barbara, einem Architektur-Juwel von Frank L. Wright.

Eigentlich sollte er jetzt aber in Europa sein, über seinen neuen Roman reden, der sich ethischen Fragen über unsere Menschlichkeit im Umgang mit Tieren widmet. „Sprich mit mir“ heißt das Werk, und das tun wir, eben über Telefon, und wie Boyle schreibt, so klingt er auch: Seine Stimme ist hell, klug und aufgeweckt, seine Sätze hochmelodiös – man spürt den „Beat“, wie er es nennt. Er genießt den Ausblick auf die Berge, während wir reden. Dahinter glänzt der Pazifik. Zu Boyles Füßen hat es sich sein ungarischer Puli (der Hund mit den Dreadlocks) gemütlich gemacht.

freizeit: T.C., Sie werden oft als „Rockstar der amerikanischen Literatur“ bezeichnet. Hören Sie das gerne – oder tun Sie das als Schmeichelei ab?

T.C. Boyle: Meine Einstellung war immer: Hier bin ich. Ich muss keinen Konventionen entsprechen. Ich habe keinen Boss. Ich kleide mich auf dieselbe Art, wie damals als ich 20 Jahre alt war. Ich muss keine Anzüge tragen. Und auf der Bühne ist meine Attitüde natürlich, den Leuten eine Show zu bieten. Das ist großartig, man ist wie der Sänger einer Rock ’n’ Roll-Band. Literatur ist nicht nur eine Kunstform. Sie unterhält und sie ist mitreißend, wie jede andere Form von Entertainment auch. Vielleicht ist es das, worum es bei all dem geht. Rockstar? Nun, das klingt besser als kürzlich wiederbelebte Leiche oder etwas in der Art. (lacht)

 

Sie wollten ja einst Musiker werden.

Ich habe in mehreren Bands gespielt, aber dann hat mich meine Karriere als Schriftsteller in Beschlag genommen. Ich bedaure, nie wirklich erlebt zu haben, was einem die Musik ermöglicht: mit anderen Menschen im Moment zu sein. Das ist etwas, das Schreiben dir nicht geben kann.

Erinnern Sie sich, wann Sie begonnen haben zu schreiben?

Am College. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie, ich bin der erste von uns, der es aufs College geschafft hat. Ich wollte dort eigentlich auf die Musikschule, um Musiker zu werden. Das klappte nicht, doch dann stieß ich auf die Literatur und das kreative Schreiben. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört zu tun, was ich liebe. Jeden Tag, den ganzen Tag, für mein ganzes Leben. Wenn ich gerade nicht an etwas schreibe, spüre ich mich nicht. Ich werde unruhig. Die Recherche für ein neues Buch ist zwar auch ganz reizend, dasselbe wie Schreiben ist es nicht.

Haben Sie eine bestimmte Methode, wie Sie mit einem neuen Roman beginnen?

Ich bevorzuge es, über ein Thema zu schreiben, das mein Interesse regelrecht absorbiert, um dann zu sehen, was daraus entsteht, wenn ich es fiktional erkunde. Ich habe nie einen Masterplan, wenn ich beginne. Es ist nicht meine Aufgabe, etwas Bestimmtes auszusagen oder jemanden von etwas zu überzeugen. Das ist die Aufgabe von Journalisten. Was genau passiert, dass ich zu dem imstande bin, was ich tue? Das entzieht sich meinem Bewusstsein. Irgendwie gibt es da eine gewisse Architektur an einer Geschichte, die ich Schritt für Schritt entdecke. Sicher, ich kann ungefähr voraussehen, auf was ich zusteuere. Aber es ist nie völlig vordefiniert, wie es weitergeht. Das würde mich auch um den Spaß bringen.

Sie haben sich, als Sie 17 Jahre alt waren, den Zwischennamen „Coraghessan“ zugelegt. Ging es da auch darum, Spaß zu haben?

Mein Name ist Thomas John Boyle jr. Und das ist nun mal ein ähnlich geläufiger Name wie Franz Schmidt. Ich habe mir den Namen damals zugelegt, noch bevor ich überhaupt etwas erreicht hatte, sei es in der Musik oder durch das Schreiben. Aber ich fühlte, dass ich etwas Besonderes bin, also wollte ich auch einen besonderen Namen. Um unverwechselbar zu sein, kam ich auf den Namen Coraghessan. Er ist meiner Familienhistorie entlehnt. In den 1980er-Jahren dann regte mein britischer Verleger an, meinen Namen von T. Coraghessan Boyle auf T.C. Boyle zu verkürzen. Er meinte außerdem, er könnte ihn auf diese Weise größer aufs Buchcover bringen. Ich sagte: nur zu. (lacht)

Sie waren ein rebellischer Teenager. Wie kam das?

Ich war Teil einer Clique von Burschen. Aus welchem Grund man seine Gefährten wählt, das weiß man ja nie ganz genau – es passiert einfach. Wir waren durch die Bank brillant und idealistisch, wahrscheinlich hat uns das aneinander angezogen. Und wir waren auf eine gewisse Art unzufrieden mit der Gesellschaft, nahmen deshalb Abstand von ihr und betrachteten sie mit ironischem Blick. Wir waren nicht bereit, was uns von den Älteren als epische Wahrheit verkauft wurde, zu akzeptieren. Ich denke, das hat heute noch viel mit mir zu tun – mit meiner Arbeit wie mit meinem Zugang zum Leben. Was aber nicht heißt, dass ich als Jugendlicher keinen Beitrag zur Gesellschaft leisten wollte – das wollte ich, etwa mit meinen Büchern oder meiner Arbeit an der Universität. Denn ich glaube an die Kultur und an die Kunst. Und das wollte ich den Studenten, die ich unterrichtet habe, weitergeben.

Wie hat Ihre Familie einst darauf reagiert, dass Sie Künstler werden wollten?

Sie wussten nicht wirklich darüber Bescheid, dass ich schreibe. Mein Vater starb, als ich 25 war. Ich stand meinen Eltern nicht sehr nahe. Ich lebte weit weg von ihnen und führte mein eigenes Leben. Wer mich und mein Schreiben immer unterstützt hat, ist meine Frau. Sie ist diejenige, der ich jeden Tag meine Sachen vorlese. Ich liebe es, ihr laut vorzulesen, um den Beat der Worte zu hören. Die Sprache ist die Musik des Schreibens. Wie es sich anhört, der Rhythmus der Sprache, das ist wesentlich für mich.

Wie erinnern Sie sich an Ihren Vater?

Er diente im Zweiten Weltkrieg, und ich glaube, was er dort erlebt hat, hat seine Persönlichkeit verändert. Er sah aus wie ich und auch seine Persönlichkeit ähnelte meiner, sehr extrovertiert und humorvoll. Aber davon habe ich nicht viel mitbekommen. Er verschrieb sich dem Alkohol, genauso wie bereits sein Vater, wie meine Mutter, es gibt eine lange Historie von Alkoholismus in meiner Familie. Er war verloren in dieser Posttraumatischen Belastungsstörung. Ich wünschte, das wäre anders gewesen und er wäre nicht so jung gestorben, ich hätte gerne mehr Zeit mit ihm verbracht. Mein Vater war freundlich und liebevoll, die Hingabe an seine Arbeit war ihm wichtig. Das haben meine Eltern an mich weitergegeben. Obwohl meine Beziehung zu meiner Familie nicht ideal war, ich zugunsten meiner eigenen Welt rebellierte und sie verließ, gaben sie mir ein Sprungbrett.

Sie veröffentlichen jedes Jahr einen neuen Roman oder Erzählband, was kein Vorwurf sein soll. Wie schaffen Sie das?

Kunst macht in hohem Maße süchtig. Wenn du einmal damit angefangen hast, kannst du nicht mehr damit aufhören. Hast du dann etwas fertiggestellt, bist du einen Moment lang zufrieden. Aber schon am nächsten Tag musst du wieder nachlegen.

Ein innerer Antrieb also.

Ich war stets in der glücklichen Lage, ein Dach über dem Kopf zu haben, musste nie unter Existenzdruck arbeiten. Nie habe ich etwas geschrieben, nur weil ich dachte, das würde sich gut verkaufen. Das bringt einen vorwärts. Die Konflikte, die ich behandle – die Umwelt und unsere Beziehung zu ihr, das Geheimnis des Lebens: Das sind Fragen über unsere Existenz, die ich stelle. Ich weiß nicht, ob ich eine Antwort auf sie finde, aber ich kann das menschliche Bewusstsein danach erkunden. Die Welt ändert sich radikal. Mir gehen nie die Ideen aus.

In „Sprich mit mir“ lernt ein Schimpanse die Gebärdensprache, Ihr Roman dreht sich um die Frage, ob Tiere ein Bewusstsein besitzen. Wie denken Sie darüber?

Selbstverständlich verfügen sie über ein Bewusstsein. Dieses Buch wird jeden berühren, der je ein Haustier hatte, egal ob Hund, Katze, Pferd oder Papagei. All diese Tiere können mit uns auf mehreren Ebenen kommunizieren. Ähnlich wie in meinem Roman „Talk Talk“, der von einer gehörlosen Lehrerin handelt, die Opfer eines Identitätsdiebstahls wird, versuche ich den Themen Sprache und Identität auf den Grund zu gehen. Für unsere Spezies bedeutet Sprache Bewusstsein. Aber auch Tiere verfügen über ein hoch entwickeltes Bewusstsein, nur ist ihre Art sich mitzuteilen eine andere. Ein Schimpanse besitzt die gleiche Intelligenz wie ein heranwachsendes Kind. Man sollte sie nicht einsperren oder für medizinische Tierversuche missbrauchen.

Tiere, die sprechen können, ein lang gehegter Traum des Menschen.

Das Problem mit Sprachexperimenten bei Tieren ist, dass wir erwarten, dass sie in unserer Sprache antworten. Und uns das eine oder andere Geheimnis über die Natur preisgeben oder Gott oder das Sein. Aber das ist nicht der Fall. Die Sprache der Tiere ist eine andere. Sie regulieren ihre Gesellschaft auf die Art, wie sie es gelernt haben.

Apropos Gesellschaft: Wie stehen Sie zum neuen US-Präsidenten Joe Biden?

Bidens erste Amtshandlung war es, uns zurück in das Pariser Klimaabkommen zu holen – ein großer und wichtiger Schritt für die Zukunft unserer Spezies. Im Jahr 2000 schrieb ich das Buch „Ein Freund der Erde“, es geht um die globale Erderwärmung und die daraus folgernde Katastrophe, Feuer und Regen. Ich hatte die Handlung ins Jahr 2026 verlegt, ich hätte nicht gedacht, dass so etwas bereits früher eintritt. Was Biden entschieden hat, war also gut.

Amerika hat die Welt zuletzt in Atem gehalten. Wohin entwickelt sich das Land?

Ich war schockiert, wie nahe eine der ältesten Demokratien der Welt einer faschistischen Diktatur kam. Ironischer- und traurigerweise muss man sagen, Trump wäre wiedergewählt worden, wäre Covid-19 nicht passiert. Ich denke, dass sich die Geschehnisse beruhigen – nun, wo Trump weg vom Fenster ist, werden auch die Rechten, die den Anschlag auf das Capitol verübt haben, sowie jene, die immer noch behaupten, die Wahl sei ihnen gestohlen worden, leiser treten. Wir wollen nicht jeden Tag aufs Neue empörende Meldungen über die Umwelt oder die Demokratie in der Zeitung lesen. Wir wollen nicht einmal wissen, was der Präsident so macht. Der Präsident soll einfach eine Exekutivkraft sein, der die Dinge am Laufen hält – zu unser aller Vorteil und nicht zu seinem eigenen. Die Herausforderungen, die auf uns zukommen, sind massiv: Es geht um Überbevölkerung, den Kampf um die letzten Ressourcen der Welt, aussterbende Tierarten. Bis jetzt dachte ich, der Mensch ist die Spitze der Nahrungskette, aber offenbar sind es die Mikroben. Das Beste, was wir tun können, ist, ein grüneres Leben zu leben. Was vor uns liegt, macht Angst.

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