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Interview
09/05/2020

Robert Seethaler: "Die Eltern waren verzweifelt"

Seine Bücher sind Bestseller. Jetzt ist Robert Seethaler für den Deutschen Buchpreis nominiert. Im Gespräch über Persönliches erzählt der Wiener von seinem Versuch, sich im Rampenlicht zu verstecken, seiner Zeit als Punk und im Kibbuz – und warum er als Elektriker scheiterte.

von Alexander Kern

Er sitzt in Berlin, aber klingt nach Favoriten. Im zehnten Wiener Gemeindebezirk (Neilreichgasse) ist Robert Seethaler aufgewachsen und das klingt durch, als wir mit ihm telefonieren. Ein akkurat betontes „Gasse“ etwa ist nicht seins, er bevorzugt immer noch das wienerisch eingeweichte „Gossn“. Seethaler lebt seit Langem in der deutschen Bundeshauptstadt. Wien besucht er dennoch oft, stets führt  ihn sein Weg dann zum Tichy, auf ein Eis mit seinem elfjährigen Sohn. Nachdem er mit Büchern wie „Der Trafikant“ oder „Ein ganzes Leben“ große Erfolge gelandet hat und mehrfach ausgezeichnet wurde, führt er auch mit seinem Roman „Der letzte Satz“ die Bestenlisten an und wurde eben für den Deutschen Buchpreis nominiert.  Im Roman begleitet er Gustav Mahler auf seiner letzten Reise. Auf dem Schiff, von New York nach Europa: Der größte Musiker der Welt ist krank und müde und hält – umsorgt von einem Schiffsjungen – Rückschau auf sein Leben. Dass Seethaler mit dem Erfolg viel Aufmerksamkeit auf sich zieht, ist ihm recht und unrecht zugleich, Interviews gibt er selten; im Rampenlicht stand er, als Schauspieler, jedoch schon zuvor – und trat im TV und am Theater auf oder schaffte es in Filme wie Paolo Sorrentinos „Ewige Jugend“ mit Oscar-Gewinnerin Rachel Weisz.

freizeit: Herr Seethaler, als Schriftsteller sind Sie der Mann der Stunde, begonnen hat Ihre Laufbahn jedoch als Schauspieler. Gibt es da eine Verbindung? 

Robert Seethaler:  Die Verbindung liegt darin, dass ich einen eigenartigen Blick auf die Welt habe. Ich habe eine Sehbehinderung, minus 19 Dioptrien auf beiden Augen, eine Netzhautablösung hinter mir und mehrere Operationen.  In der Vernebelung der Welt erheben sich oft Gebilde, mit denen man nicht rechnet. Und das hat dazu beigetragen, dass ich zuerst Schauspieler geworden bin, dann Schriftsteller. Es ist aber so, dass ich beim Schreiben mehr bei mir bleiben kann. Und die Selbstdarstellung, die in der Schauspielerei so wichtig ist, außen vor lassen darf.

wurde 1966 in Wien geboren, der Vater ist Schlosser, die Mutter Sekretärin. Er leidet unter einer Sehbehinderung. Nach diversen Jobs besuchte er eine Schauspielschule und war  etwa als Rechtsmediziner  in der TV-Serie „Ein starkes Team“ zu sehen.  Buchdebüt 2006 mit „Die Biene und der Kurt“. Er lebt in Berlin.

Hatten Sie vielleicht auch genug davon, die Texte anderer vortragen zu müssen? 

Ich hatte weniger davon genug, als von dem ausgesetzt sein und ausgestellt sein. Wenn man selbst nicht gut sieht und Blicke nicht erwidern kann, kann der Blick anderer Menschen sehr beschämend sein. Ich bin auf der Bühne wie eine offene Wunde gestanden. Das kann auch förderlich sein, weil Scham und Lust Geschwister sind. Doch ich konnte daraus keine Lust mehr gewinnen. Dementsprechend spiele ich seit 20 Jahren kein Theater mehr. Mit Film ist es etwas völlig anderes, weil die Technik zwischen den Blick der anderen tritt und so die Seele schützt. Deswegen drehe ich doch immer wieder, wenn was Schönes kommt.

Dennoch haben Sie ursprünglich das Rampenlicht gesucht. 

Wahrscheinlich hatte ich die absurde Idee, mich im Rampenlicht verstecken zu können. Vielen gelingt das ganz gut. Die meisten Menschen, die sich in der Öffentlichkeit bewegen, sind alles andere als authentisch. Bei mir hat es nicht geklappt. Ich wäre ja gern so schamlos wie’s kleine Kinder sind.  Ein erstrebenswerter Zustand.

Sind Sie als Schriftsteller nicht auch so etwas wie ein Schauspieler? Jemand, der in unterschiedliche Rollen schlüpft?

Man kann sich nicht in jemand hineinfühlen, sondern immer nur an jemand heranfühlen. Das versuche ich. Jede Rolle, die man erfindet, ist im Grunde erst einmal die eigene Rolle. Man erzählt immer nur von sich selbst. Das Schreiben ist kein Suchen im Außen, sondern ein Graben im Inneren.

Ist das eine schöne Arbeit? N-nein. (lacht) Erfüllend, ja. Aber nicht alles, was erfüllend ist, ist auch schön. Das ist ähnlich wie mit der Liebe. Die Liebe kann auch erfüllen, aber ist auch sehr oft mit Kampf und Leid verbunden. „Schön“ ist also das falsche Wort. Es gibt mir Sinn. Und dennoch kehrt man trotz Enttäuschungen immer wieder dazu zurück, zur Arbeit wie zur Liebe.  Was soll man sonst auch machen? Manchmal denkt man sich allerdings schon, muss ich immer wieder in dieselbe Jauchegrube fallen? Kann ich nicht auch einmal herumgehen? Aber das macht eben das Leben aus.

In „Der letzte Satz“ schreiben Sie über Mahler. Was bedeutet Ihnen seine Musik? Ich höre selten Musik. Auch nicht beim Schreiben. Das Geschriebene soll seine eigene Harmonie haben, oder Disharmonie. Literatur ist Klang. Auch wenn er nach außen nicht hörbar ist. Deshalb sollte die ganze Umgebung, wenn ich schreibe, absolut geräuschfrei sein.

Und die Musik von Mahler?

Mahlers Musik ist nicht einfach zu nehmen. Sollte sie auch nicht sein. Das ist nichts, was man sich so nebenbei anhört. Mir ist das oft zu viel, zu überwältigend. Ich will nicht ständig bestürmt, ich will von Musik nur angeweht werden. Wobei das auch einmal anders war, ich war ja selbst mal eine Art Musiker.

Welche Art von Musik haben Sie gespielt? 

Ich war Schlagzeuger in einer Punk-Band, in der alten Arena hatten wir eine Art Proberaum, der in Wirklichkeit eine Ruine war. 1983 sind wir dort auch aufgetreten, Drahdiwaberl waren der Hauptact.

Hatten Sie einen Irokesenschnitt?

Ich hatte damals, wegen meiner Augen, ganz dicke Brillen, Glas so dick wie Aschenbecher, und kurz geschorene Haare. So bin ich hinterm Schlagzeug gesessen.

Wie kommt man als Punk zu Mahler?

Vielleicht aus meiner Liebe für die Außenseiter. Ich bin ein Außenseiter gewesen, und Außenseiter geblieben. Randständige Menschen bewegen sich an einer Grenze, sind also Grenzgänger, gehen achtsam mit diesen Grenzen um, erweitern sie, aber überschreiten sie auch gegebenenfalls. Die Randständigen weiten unsere Welt.

Sie waren angeblich ein wilder Hund, sind mit 15 von der Schule geflogen.

Schule ist mir nicht so gelegen, sagen wir so. Ich habe viel Blödsinn gemacht und war zu gelangweilt, um zu lernen. Ich wollte nicht, konnte nicht, bin dann von der Schule geflogen. Ich habe eine Lehre begonnen, bin da aber auch sofort wieder rausgeflogen. Ich war Elektriker, da muss ich selber lachen, wenn ich daran denke.

Warum hat’s mit der Lehre nicht geklappt?

Ich habe am Bau gearbeitet und hätte eine Wand aufstemmen sollen. Der Chef war nebenan, hat aber nie ein Geräusch gehört, das darauf hingedeutet hätte, dass ich arbeite. Ich bin meist nur dagestanden, habe die Wand angeschaut und geträumt. Selbst Hof fegen hat nicht geklappt. Viele andere Jobs sind gefolgt. Ich war Verkäufer in einem Sportgeschäft, habe in einem Plattenladen gearbeitet, war Masseur und war Redaktionsbote beim Kurier. Es gab noch kein Internet damals, also bin ich zweimal täglich zur Börse gefahren und habe die Aktienkurse geholt.  

Und Sie waren in jungen Jahren in einem israelischen Kibbuz.

Klingt abenteuerlich. Ich war jung und wollte einfach weg. Irgendwohin, für ein paar Monate, wo es am besten auch nicht so kalt ist. Dass mich das formen sollte, als junger Mensch, ist im Nachhinein klar. Aber vorgesehen war, unterm Orangenbaum zu sitzen und Schafe zu hüten. Ich wurde allerdings gleich am ersten Tag zur Nachtschicht in die Plastikfabrik verdonnert.
 Was haben Ihre Eltern zu all dem gesagt?Die Eltern waren verzweifelt. Verzweifelt über das Söhnchen, was der alles anstellt. Sie sind mir damals auch in die Arena nachgefahren und haben mich in den Ruinen gesucht. Sie waren auf meiner Seite, aber wussten nicht, wohin die Reise ging. Dieser Kreis hat sich schön geschlossen. Damals waren sie verzweifelt und ängstlich. Heute sitzen sie, wenn ich eine Lesung vor 800 Leuten habe, in der ersten Reihe und schauen staunend zum Söhnchen nach vorn.

Waren Sie glücklich als Kind? Die Erinnerung daran ist verschwommen. Ich glaube, die ersten Jahre waren glücklich. Dann verschiebt sich etwas, es schneien schwarze Flocken hinein. Ich war wohl ab spätestens zehn Jahren nicht mehr glücklich. Damals hat wahrscheinlich meine Suche begonnen. Wenn man nicht weiß, was man sucht oder wo, läuft man  länger hinterher. Bis man es benennen kann.

Worauf möchten Sie in der Rückschau auf Ihr Leben einmal zurückblicken?

Ich will noch nicht zurückblicken. Ich habe schon noch eine ganze Menge Zukunft vor mir. Was ich nicht möchte, ist, wie andere Menschen, in Bitternis versinken, in Angst oder Depression. Es gibt nichts Schlimmeres. Ich möchte Gelassenheit und Frohsinn an den Tag legen, ein kindliches Staunen. Das will und werde ich mir erhalten. Viele Menschen haben sich das als Erwachsene erfolgreich abgewöhnt.Ich liebe diese kindliche Freude, die an Schwachsinn grenzt. Ich lache auch gerne über Slapstick. Es gibt nichts Schöneres, als eine ofenwarme Kartoffel mit Butter zu essen und sich ein Micky-Maus-Heft anzusehen.

Dennoch haben Sie einmal gesagt, lebendig fühlen Sie sich in der Traurigkeit. Wie passt das zusammen? 

Ich habe die Traurigkeit immer als freundlichen Begleiter meines Lebens wahrgenommen. Traurigkeit ist Leben. Hinter dem Lachen sitzt die Traurigkeit. Es gibt da diesen Spruch, den jeder Zweite bei Facebook schreibt: Ein Tag ohne Lachen ist ein verlorener Tag. Das ist das Blödeste, was ich je gehört habe. Es gibt Tage, an denen es überhaupt nichts zu lachen gibt, aber dennoch sind sie die gewinnträchtigsten Tage, die man sich nur vorstellen kann. Man muss nicht immer lachen. Im Gegenteil. Manchmal ist es auch großartig zu weinen.

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