Den Monte Baldo am Gardasee kann man auch vom Etschtal aus erobern.

© Halbhuber Axel

freizeit Reise
01/17/2020

Wohnen wie ein Bischof: Die Rückseite des Gardasees

Den größten See Italiens kennt jeder. Aber nicht alle kennen die stillen Seiten - von Monte Baldo bis Bischofspension.

von Axel Halbhuber

Die Pension „La Tinassara“ sieht aus wie die Kulisse eines Shakespearestücks, insofern passt sie zu Verona. 1890 ließ der Bischof der norditalienischen Stadt im zwanzig Kilometer entfernten Lazise eine Sommerresidenz errichten, La Tinassara eben. Im Stile eines Miniklosters, am Hang über dem Gardasee, in Südwest-Ausrichtung.

Ab 1950 fungierte das Refugium als Bauernhof, bis 1989 Giuseppe den historischen Wohnsitz kaufte und zu einem Bed & Breakfast ummodelte, aber mit Bedacht: Das Bischofszimmer blieb ebenso erhalten wie das alte Bad, der Gemüsegarten ist ihm bis heute ebenso heilig wie die ursprünglichen Baumaterialien Holz, Kalk, Sand und Flussstein. Zu einer guten Geschichte aus Verona gehört eben mindestens ein Romantiker, und in La Tinassara heißt der Giuseppe.

Wahrscheinlich wissen viele der jährlich 5,5 Millionen Gardasee-Touristen gar nicht, wie nah Verona mit seinem Julia-Balkon liegt (na gut: die dreißig Prozent italienischen Besucher werden es schon wissen). So wie viele von ihnen nicht wissen, wie vielfältig der See und die Region rundherum sind. In Deutschland und Österreich, die Hauptherkunftsländer der Besucher, hat er ein einseitiges Image, jenes des nördlichen Gardasees.

Riva bis Po-Ebene

Dort liegen mit Riva und Torbole die Zentren des mondänen Schicks, der den See umgibt. Von dort aus wirkt er wie ein Meer: Beim Blick Richtung Süden, links und rechts vom See fallen steile Berge ab, verschwimmt er mittig im Horizont, weil dahinter nur die Po-Ebene liegt, und die ist eben eben. Dem Auge fehlt eine Begrenzung, deshalb verwechselt ihn der Geist mit einem Meer.

Für die Urlauber steht der Gardasee vor allem für klares Wasser, dank der Berge auf der Nordseite, und für italienisches Flair, dank der Südseite. Tatsächlich liegt er in drei Regionen Italiens: das Nordufer im Trentino/Südtirol, das Ostufer in Venetien, das Westufer in der Lombardei. Und so unterschiedlich wie diese Provinzen ist das Programm, das man am See erleben kann.

Bestes Beispiel dafür ist der Monte Baldo. Für die meisten Gardaseebesucher ist es ein Muss, von Malcesine am Ostufer aus mit der sich drehenden Panoramagondel den 2.218 Meter hohen Monte Baldo zu erobern. Der umwerfende Rundblick vom Berg aus macht dann im Bestfall die bis zu zwei Stunden Anstellen an der Gondel vergessen. Sagen viele.

Eine Kuh auf der Passhöhe

Aber man kann am Gardasee vieles von der sinnbildlichen Rückseite aus erobern, den Monte Baldo sogar von der tatsächlichen. Von der Etschseite, denn der Monte Baldo liegt zwischen See und dem Fluss Etsch, dem Adige, nach dem Südtirol auf Italienisch Alto Adige (Hochetsch) heißt. Wenn man mit dem Auto, oder auch mehrtägig mit dem Rad, diesen Monte Baldo über das Etschtal erobert, sieht man kaum Touristen, aber Kühe.

Man steht dann auf dem Pass auf 1.538 Meter und schaut in die Ferne Südtirols, oder auf den Bergkamm rund 500 Meter weiter oben, und man weiß: Dahinter liegen der See und die Strände. Aber man ist ganz hier, und die Kinder sind es auch, sie erobern Almwiesen und führen mit den Kühen einen stummen Dialog. Bei der berühmten Uferstraße am See unten parken bei jedem Strandfuzerl die Autos übereinander, hier kann man überall stehen bleiben. Und sich vom Auto aus auf einen der vielen Wege zum Kamm hinauf machen, wenn einem nach Vorderseite ist.

Almspätzle und Ricotta

Die Straßen hier sind kurvenreich, auch hier gibt es eine scharz-rot-gold-beflaggte Alm, bei der „Almspätzle“ und „Sauerkrautjause“ geboten werden. Aber sonst gibt es hier fast nur Almen mit frischem Ricotta um einen Euro. Und dann gibt es noch die kleine Scharte neben der kleinen Straße, genau an der Grenze von Trentino und Venetien, wo sich das Gasthaus „Bocca di Navene“ an den Berg klammert und man zum Panino den schönsten Blick auf den See serviert bekommt.

Giuseppes „La Tinassara“ sieht man von der Straße aus kaum. Die Einfahrt verpasst man fast, scharfe Kurve, versteckter Parkplatz, dann muss man noch um drei Ecken einer Hecke gehen, bevor man sicher ist, dass man hierher gehört. Aber dann steht man vor dem Haus mit den unterschiedlichen Zimmern und zwischen Zitronenbäumchen im Topf. Giuseppe selber ist vielleicht gerade unterwegs – oder wie er selber auf der Website schreibt: „Wer sind wir? Wir sind nicht viele! Ich, Giuseppe. Aber oft ist Giuseppe unsichtbar. Ihr werdet jedoch Graziella sehen.“ Neben diesem Hund gibt es noch einen Goldfisch auf der Rezeption, gleich neben den handgeschriebenen Willkommensnotizen, die Giuseppe für seine Gäste hinterlässt. Da weiß man dann genau: Hier gehöre ich her.

Sogar auf dem Monte Baldo-Rücken gibt es Orte, die Touristenbusse ansteuern. Der durchschnittliche Gardaseetourist schafft es von Lazise aus aber nur bis Spiazzi oder höchstens bis Ferrara di Monte Baldo. Die haben jeweils schöne Blicke und alte Kirchen, außerdem genug Pastabuden und Souvenirstände. Und vor allem: kühle Luft. Denn nach Sonnenliegen und Verona-Tagestrip flieht man im Sommer sogar in Norditalien vor der Hitze, und auch dafür ist die Etschtal-Runde eine gute Idee. Das sehen auch die Motorradfahrer so, die hier in dicker Lederkluft durch kühle Wäldchen kurven können. Oder lässig am Straßenrand auf eine Tschick stehen bleiben.

Rauchfreier Pool

Bei Giuseppe müssen die Raucher parieren. „Es ist grausig, es stinkt, die Stummel liegen überall herum“, sagt er. Giuseppe garniert seine klaren Worte stets mit spitzbübischem Lachen. Die Zimmer, alle gespickt mit kleinen Erinnerungen an die ursprünglichen Bewohner, ein Bodenmosaik hier, eine Nische zum Beten da, sind sauber aber einfach. Echte Kemenaten. Giuseppe sagt „essenziell“. Fragt man ihn nach den schönsten Badeflecken des Gardasees, sagt er: „Bei Torri del Benaco. Der See ist überall schön, wo keine Leute sind. Aber genau dort wollen alle hin.“ Die Natur ist ihm wichtig, deshalb hat er drei Elektroauto-Parkplätze und Glasflaschen zum Ausborgen, Plastikmüll verabscheut Giuseppe wie ein Bischof den Leibhaftigen.

Die Wiese, die den kleinen Pool umrandet, riecht besonders intensiv. Weil Giuseppe gerade gemäht hat, oder weil hier auch keiner rauchen darf. „Erst ließ ich die Gäste noch draußen rauchen, aber dann gar nicht mehr. Es hat ewig gedauert, bis ich die Raucher bis vor der Tür hatte.“ Er sagt das so leidenschaftlich, dass man plötzlich das Gefühl hat, im La Tinassara ist die Luft frischer als überall sonst am See. So frisch wie auf dem Bergrücken nebenan.

INFO

Klimafreundliche Anreise Von Wien (mit 8 Stopps in Österreich) gibt es einen täglichen Direkt-Nachtzug nach Peschiera del Garda (Südufer), Fahrzeit 10:44 Stunden, oebb.at

La Tinassara Einfaches, aber sauberes Quartier mit Geschichte, in Lazise. Bushaltestelle direkt gegenüber, ins Zentrum geht man 15 Minuten. Parkplätze (auch E-Autos). Das Frühstücksbuffet ist überschaubar, aber hochqualitativ, gute Weinauswahl und Abendessen. Besitzer Giuseppe ist fürsorglich und geprüfter Mountainbike- Guide (mountainbike-latinassara.de).  Schöner, ruhiger Garten mit kleinem Pool und Liegen. Die Zimmerpreise variieren, im Sommer kostet das Einzelzimmer ab 75€/N, Familienzimmer (2 Erw./2 K unter 10 J.) ab 120€/N. latinassara.it

Lazise Vereint den Schick Rivas mit Italoflair. Die abendliche Promenade ist der beliebteste Sonnenuntergangs-Spot am See, das mittelalterliche Zentrum voller Lokale und (Eis-)Geschäfte. Im kleinen Hafen gibt es Ausflugsboote und Boote zu mieten. Empfehlenswert: Besuch des  schönen Friedhofs, etwas hangaufwärts (Richtung La Tinassara), mit Blick auf den See

Monte Baldo-Runde Die Seilbahn fährt ab Malcesine (Ostufer), Online-Buchung: funiviedelbaldo.it. Mit dem Auto braucht man für die Runde um den Monte Baldo mit Stopps den ganzen Tag, eine gute Route:  Lazise–Etschtal– Spiazzi–Ferrara di Monte Baldo–Hochebene von Brentonico–Pass Malga A.– San Valentino–Tombole/RivaLazise

Gardaland Als Gegenentwurf zu Natur bieten sich mit Kindern zwei Tage im größten Themen- park Italiens an: mit 3 Millionen Gästen/ Jahr die meistbesuchte Sehenswürdigkeit am Gardasee. Heuer eröffnet dort der erste Legoland-Waterpark Europas. gardaland.it

 

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