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freizeit Reise
10/10/2021

Wie ein AUA-Kapitän einen Urlaubsflug zu etwas Besonderem macht

Peter Ziegelwanger gestaltet seine Flüge sehr individuell. Warum ihn die Welt von oben und unten interessiert, erzählt er im Interview.

von Ingrid Teufl

Und plötzlich tönen kurz vor dem Start griechische Worte aus dem Lautsprecher. Leider versteht keiner der Passagiere Griechisch, leicht irritiert werden Köpfe gehoben. „Sie wissen aber schon, dass Sie jetzt nach Griechenland fliegen?“ Peter Ziegelwanger hat bei dieser Frage glücklicherweise zu Deutsch gewechselt, erntet deshalb Gelächter und stimmt so auf einen Flug in den Urlaub ein, der durchaus in Erinnerung bleibt.

Weil sich der Kapitän in den zweieinhalb Stunden in der Luft über sein Mikro immer wieder persönlich an die Urlauber wendet. Als eine Art Reiseführer der Lüfte, der pointiert, fachlich versiert und auch mit Humor auf geografisch und historisch Interessantes entlang der Strecke unter ihnen aufmerksam macht – ob Sarajewo, das Amselfeld im Kosovo, die Akropolis in Athen oder den Berg Olymp. ReiseGenuss erzählte der 49-jährige Pilot, warum er auch gern auf dem Boden bleibt.

KURIER: Wie kamen Sie darauf, den Passagieren mehr als üblich zu erzählen?

Peter Ziegelwanger: Die meisten Urlauber steigen in das Flugzeug und fliegen von A nach B. Was zwischen A und B liegt, wissen die wenigsten. Mich hat immer schon interessiert, worüber ich fliege. Welche Landschaften, welche Kulturen und vor allem welche Menschen gibt es da? Um die Kultur zu verstehen, muss man die Geschichte kennen und mit den Menschen reden. Daher habe ich die meisten Flugstrecken bereits am Boden abgereist. Ich habe verschiedene Sprachen gelernt und jede Menge Berge bestiegen. Diese Erfahrungen gebe ich gerne weiter und dafür bekomme ich viel positive Resonanz. Allerdings geht das nur auf Ferienflügen. Auf klassischen Business-Strecken mache ich das nicht. Hier wollen Passagiere Ruhe haben und das respektiere ich auch.

Wie reagieren denn die Urlauber?

Beim Aussteigen bekomme ich viele fröhliche Gesichter zu sehen, das freut mich. Und wenn auch nur ein kleiner Teil meiner Ansagen in Erinnerung bleibt, dann habe ich vielleicht etwas zu meinem persönlichen Bildungsauftrag beigetragen. (lacht)

Haben Sie eine „Choreografie“ entwickelt?

Nein. Das geht auch nicht, denn das „Publikum“ ist immer anders. Ein Griechenland-Familienflieger reagiert ganz anders als ein Ibiza-Charter. Ich beginne gerne mit einer griechischen Begrüßung, um dann in hundert verwunderte Gesichter zu blicken, weil keiner glauben kann, dass er auf einem Austrian-Flug auf Griechisch begrüßt wird. Nachher lachen alle Passagiere darüber, wenn ich Deutsch rede. Ich erwähne auch gerne die Sicherheitsanweisung, weil mir die Sicherheit sehr wichtig ist. Die meisten Fluggäste können gar nicht wissen, was alles zu einem sicheren Flugverlauf beiträgt. Aber die Sicherheitsanweisung ist ein wesentlicher Aspekt, daher lege ich meinen Gästen diese freundlich ans Herz.

Apropos Flugsicherheit: Wer fliegt, wenn Sie sprechen?

Während der Kapitän seine Ansage macht, überwacht der Co-Pilot den Funkverkehr und die Instrumente. Wir haben sehr gut ausgebildete und erfahrene Co-Piloten. Daher kann ich auch öfter Ansagen machen. Ich vertraue meinen Kollegen im Cockpit voll und ganz – schließlich habe ich viele von Ihnen selbst ausgebildet. Bei Austrian machen übrigens auch die Co-Piloten die Passagieransagen.

Warum ist Ihnen die Flugsicherheit so wichtig?

Ich bin froh, dass ich bei einer Airline bin, bei der die Flugsicherheit derart hochgehalten wird. Es reicht nicht, nur die gesetzlichen Vorschriften einzuhalten. Unser Ziel ist es, das Sicherheitsniveau weit über den gesetzlichen Rahmen zu heben. Vergleichbar ist das mit einem Auto: Ein Auto muss heute Sicherheitsgurte eingebaut haben. Das steht im Gesetz. Nicht so aber bei Airbags. Dennoch kaufen die meisten Menschen ein Auto mir Airbags. Auf die Fliegerei übertragen bilden unter anderem strenge Aufnahmekriterien und viel Training diesen Airbag. Diese kosten natürlich Geld, bringen aber ein viel höheres Sicherheitsniveau für unsere Passagiere.

Glauben Sie, Ihre Art der Kommunikation ändert das Bild vom Flugkapitän, das viele im Kopf haben?

Die Informationen, die ich durchsage, sind alle geografisch oder historisch fundiert. versuche diese mit Charme und Humor zu vermitteln – werde dabei aber nicht zum Kabarettist. Indem ich Kompetenz bei meinen Ansagen vermittle, hoffe ich, dass meine Fluggäste auch meine Kompetenz als Pilot wahrnehmen. Ich denke, dass meine Seriosität als Kapitän durch meinen „Geografie-Unterricht“ nicht kompromittiert wird.

Flug-Prozedere
„Ein Flug beginnt für den Piloten lange vor dem Abflug. Wir bekommen unglaublich viele Informationen über das Wetter, die Flughäfen und die technischen Zustände unserer Flugzeuge“, erklärt Peter Ziegelwanger. Trotz vieler Automatisierungen:
Die Letztverantwortung bleibt immer beim Piloten. Das Berufsprofil sei eine  „Kombination von Fähigkeiten, die sowohl physische, mentale als auch soziale Komponenten beinhaltet.  Und  viel Training“

Austrian Airlines
Rund 1.000 Piloten, darunter 51 Pilotinnen, fliegen für
das Unternehmen

Zur Person
Peter Ziegelwanger, 49, ist seit 26 Jahren AUA-Pilot,
seit neun Jahren als Kapitän. Der verheiratete Vater zweier Kinder ist auch Ausbildner und Fluglehrer bei der AUA

 

Wann haben Sie mit Ihren Durchsagen begonnen?

Ich war vor einiger Zeit bei Austrian für die Strecke nach Schiras operationell zuständig. Keine andere westliche Airline hat diese Stadt im Iran angeflogen. Ich lerne Farsi und so habe ich auch die Begrüßungsansage in der Sprache unserer Fluggäste ausprobiert. Die Reaktion war überwältigend. Es sind nur fünf Sätze und sofort ändert sich die Stimmung an Bord. Also habe ich auch für andere Ziele Ansagen auswendig gelernt. Inzwischen kann ich meine Gäste in 25 verschiedenen Sprachen begrüßen. Bei Ferienfliegern ist das ein wenig anders. Da versuche ich, das Urlaubsgefühl bereits am Flug aufkommen zu lassen.

Haben Sie eine Lieblingsstrecke?

Ich fliege am liebsten in den Iran. Dort hat die Crew auch einen Aufenthalt. Ich mag die Menschen dort. Sie sind wahnsinnig gastfreundlich, und das Land bietet unglaublich viel: 5.000 Jahre Geschichte und tolle Berge zum Raufsteigen. Die griechischen Inseln wiederum sind fliegerisch interessant, und die Urlauber sind sehr dankbare Gäste. Der schönste Anflug auf unserem Streckennetz ist sicherlich Innsbruck – gleichzeitig ist es auch der schwierigste. Dafür müssen wir ein eigenes Training absolvieren.

Gibt es eine Strecke, über die Sie gar nichts zu erzählen wissen?

Erzählen könnte ich immer etwas! Nach Frankfurt/Main könnte ich die Geschichte von der Schlacht bei Höchstädt am 13. August 1704 (es war ein Mittwoch) erzählen, in der Prinz Eugen im Spanischen Erbfolgekrieg gemeinsam mit dem Duke of Marlborough, der in London ein Palais hatte in einer Straße, die nach ihm benannt wurde und in der später eine Zigarettenfabrik entstand, gegen die Bayern und die Franzosen gekämpft hat. Höchstädt ist auf der linken Seite zu sehen. All das könnte ich erzählen. Aber auf klassischen Business-Strecken belasse ich es bei der Begrüßung.

Warum sind Sie eigentlich Pilot geworden?

Das Fliegen ist wohl immer schon ein Traum der Menschen gewesen. In die Ferne ziehen und die Welt von oben betrachten, das wollten nicht nur Ikarus oder Leonardo da Vinci. Mir wurde die Fliegerei quasi schon in die Wiege gelegt. Meine Mutter war Flugbegleiterin und mein Vater flog Kleinflugzeuge für das Innenministerium. Ich konnte mich also schon rein genetisch diesem Traum nicht entziehen.

Was machen Sie, wenn Sie nicht gerade um die Welt fliegen?

Mein geografisches Wissen kommt nicht bloß aus Büchern. Ich reise gerne und viel, denn ich will wissen, was da unten ist. Wenn ich einen schönen Berg von oben sehe, dann will ich auch dort unten oben stehen. In Sibirien bedeutet das schon mal, ein paar Wochen zu wandern – aber der Berg war wirklich schön! Inzwischen habe ich Familie und meine Reisen werden kürzer und zivilisierter. Auch nehme ich meine Kinder gerne in ferne Länder mit. Ich hoffe, dass ich ihnen so eine weltoffene Einstellung vermitteln kann. Wichtig ist mir dabei immer, dass ich mit dem richtigen Wissen anreise. Ich lese mich vor jeder Reise in die Geschichte, die Kultur und die Sprache des jeweiligen Landes ein.

Begonnen hat das mit sechzehn Jahren. Ich habe damals eine Wette abgeschlossen, dass ich nach Indonesien komme, ohne zu fliegen. Ich habe die Wette beim zweiten Anlauf gewonnen. Es ging um eine Flasche Rotwein! Inzwischen habe ich fast alle unsere Flugstrecken am Boden bereist – nur nach Amerika bin ich nicht geschwommen.

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