© Anne de Walmont/Knesebeck Verlag

freizeit Reise
09/14/2021

Sieben Monate alleine auf der Vogelinsel im Wattenmeer

Sieben Monate alleine auf der Vogelinsel

von Stefan Hofer

Frau Anne de Walmont, wie zählt man Vögel? „Zu Hochwasser und meist nicht jeden einzelnen.“

Diese Ungenauigkeit sei ihr verziehen. Als einzige menschliche Bewohnerin betreute de Walmont sieben Monate (zwischen März und Oktober 2019) die Vogelinsel Trischen als Naturschutzwartin, lebte in einer Hütte, die fünf Meter über der Salzwiese auf Stelzen thront. Erlebte Tage, wo der Sturm über das Meer peitschte und die Hütte ordentlich ins Schwanken geriet. Beobachtete und zählte Vögel. Brandgänse, Knutts, Alpenstrandläufer. Tagein, tagaus. Weitere anwesende Lebensformen: Insekten, vereinzelt Seehunde.

Trischen, zwanzig Kilometer vor Cuxhaven im Wattenmeer der Nordsee gelegen, ist vielleicht die einsamste Insel Deutschlands. Das amtliche Wohnplatzverzeichnis, Ordnung muss bitte sein, führt Trischen mit der Einwohnerzahl: eins. Hier ist der oder die eine der Natur und den Gezeiten ausgeliefert.

„Es ist ein großes Privileg, eine gewisse Zeit an einem der letzten Orten leben zu dürfen, an dem die Natur noch unberührt ist“, so de Walmont. „Aber ich hatte auch sieben Monate kein fließendes Trinkwasser.“ Einmal in der Woche kam ein Schiff, versorgte die Vogelwartin mit Lebensmitteln, brachte die Post. Gleich am Anfang ihres Aufenthalts erhielt sie eine Postkarte: „Wenn Sie diese Karte erhalten, wohnen Sie schon vierzehn Tage auf der Sandbank Trischen. Ich freue mich mit Ihnen, dass Sie die Zusage bekamen. Es wird ein Erlebnis auf Lebenszeit. – Heinz-Lothar Heimbach, Vogelwart 1970.“

Über ihre sieben Monate allein auf Trischen hat de Walmont ein Buch geschrieben. In kurzen Sätzen beschreibt sie ihr Vorhaben, ihre Gefühle – das, was sie täglich sieht. Sie ist keine Naturwissenschafterin, hat Musikwissenschaft und Skandinavistik studierte, eine Ausbildung zur Damenmaßschneiderin gemacht. Kundinnen gab’s hier keine: Auf der Insel herrscht – bis auf den jeweiligen Vogelwart – striktes Besuchsverbot.

Trischen gehört zum Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und ist Brut- und Rastplatz für viele Vogelarten. Die Wat- und Wasservögel sammeln sich bei Hochwasser an den Stränden und Vorländern der Küsten und Halligen – den kleinen Marschinseln – um zu rasten. Durch ein Beobachtungsfernrohr lassen sie sich aus großer Entfernung zählen. „Eine Zähluhr hilft, bei großen Schwärmen wird meist in Zehnerschritten vorgegangen.“

Die weibliche Zwischendurch-Robinson-Crusoe ist nun freiberufliche und ehrenamtliche Ornithologin, selbstständige Schneiderin und lebt in Bremen. Da ist die Nordsee, Trischen, nicht weit. „Mit jeder Jahreszeit verändert sich das Wetter und mit ihm die Vogelwelt. Die Salzwiese wandelt ihre Formen und Farben, und der Wind ist mal sanft und mal knallhart.“

Buch: „Und an den Rändern nagt das Meer“ von Anne de Walmont, Knesebeck (20,60 €).

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