Nur sehr wenige Urlauber  auf der Insel Ukulhas: Weißer, feiner Sand, dahinter säuselt das Meer in allen Schattierungen von zartem Türkis bis Dunkelblau.

© Bea Lorit

freizeit Reise
02/10/2020

Die zwei Gesichter der Malediven

Abgehobener, teurer Mega-Luxus – so kennt man die Malediven. Doch es gibt auch das andere Trauminsel-Erlebnis um einen Bruchteil des Geldes – in Gästehäusern bei der einheimischen Bevölkerung.

Ein Staat mit 99 Prozent Wasseranteil, 1.196 Inseln, 26 Atollen, 400.000 Einwohnern – und zwei Welten. Das Inselparadies der Malediven hat zwei völlig unterschiedliche Gesichter: 202 Eilande sind bewohnte „Local Islands“, 150 hingegen gehören als Resort-Inseln ganz dem Tourismus. Bis 2009 gab es dazwischen keinerlei Berührungspunkte, dann gestattete der damalige Staatspräsident Mohamed Nasheed die Etablierung kleiner Gästehäuser auf den „echten“ Inseln.

Als experimentierfreudiges Reisejournalistenpaar reizte uns die Idee eines Badeurlaubs genau hier, im Schoße der Bevölkerung. Doch Kommentare im Internet dämpfen die Abenteuerlust jäh: Die Local Islands versinken im Dreck, in dem spaßbefreiten, strikt muslimischen Land gibt es keinen Tropfen Alkohol oder Frauen müssen sich stets züchtig verhüllen. Aber dann stoßen wir auf Ukulhas im Nord Ari- (bzw. Alifu Alifu-) Atoll. Das Eiland wird als Tourismus-Pionier gehandelt, vieles scheint hier anders zu sein.

Service wie bei den Großen

Bei der Ankunft am Flughafen Malé erleben wir die erste Überraschung: Nicht nur auf die Gäste der großen Resorts warten Abholer, auch auf uns. Die Weiterreise ist schon organisiert, 75 Minuten mit dem öffentlichen Schnellboot nach Ukulhas. Durch Sandgassen, vorbei an farbenfroh getünchten Häuschen, vor denen Männer sitzen und Kinder spielen, werden wir zu Fuß über das 1.025 mal 225 Meter große Eiland zu unserem im Internet vorgebuchten Hotel West Sands begleitet. Der Muezzin singt und kleine Grüppchen Frauen kommen entgegen – die meisten mit Kopftuch oder Hidschab und langen Kleidern. Erster Eindruck: entspanntes muslimisches Inselleben, freundliche Menschen, keine Autos – und kein Müll. Genauso untadelig erweist sich das Hotel, das nur von einem schmalen Vegetationsstreifen vom Meer getrennt ist: solider Dreisterne-Standard.

Aber nun nichts wie an den Strand. Züchtig bekleidet schlüpfen wir durch das Buschwerk – und staunen entzückt: Weißer, staubzuckerfeiner Sand, dahinter säuselt das Meer in allen Schattierungen von zartem Türkis bis Dunkelblau. Nur sehr wenige Urlauber – und die tragen definitiv kein Stückchen Stoff mehr als Bikini bzw. Badehose.

Lucky Island

Wir treffen Abdulla Waheed Imad, Direktor des Inselrates, sowie Musab Anees, unseren Hotelier. „Ukulhas war immer schon anders und Vorreiter“, erklären beide. Schule, Kanalsystem, Mülltrennung und -entsorgung, Recycling, erneuerbare Energie, Nachhaltigkeit, Dorfpflege und vieles mehr – alles funktioniere hier besser.

Während auf anderen Local Islands nur Mini-Bereiche als „Bikini-Beach“ gewidmet sind (außerhalb davon müssen Touristen Knie und Schultern bedecken), gehört hier fast der gesamte Traumstrand den unverhüllten Badenixen. „Und die Dorfbewohner?“, wundern wir uns. „Wir sind keine ‚beachboys‘, das entspricht nicht unserer Kultur. Außerdem dürfen wir ja auch den Strand nutzen – müssen allerdings akzeptieren, dass dort andere Sitten herrschen.“ Weiser Nachsatz von Abdulla: „Tourismus ist gegenseitiges Lernen.“

Das erste Gästehaus Ukulhas’ eröffnete 2012. Schnell war klar, dass damit mehr und leichter Geld zu verdienen ist als mit dem traditionsreichen Thunfischfang. Und, die Neo-Gastgeber legen sich ordentlich ins Zeug: Mindestens einmal täglich säubern sie Insel und Strand. „Das machen Frauen, meist zeitig am Morgen. Sie werden dafür bezahlt“, gibt sich Abdulla emanzipiert. Etliche Supermärkte und gut zwei Dutzend Restaurants und Cafés verpflegen Einheimische wie Gäste. Nur eines fehlt tatsächlich: Alkohol. Im Dorf mischt sich das entspannte Leben aller, spätestens am dritten Tag grüßt man einander. Die Touristen kommen hauptsächlich aus Europa, viele aus Italien und Russland.

Punkt 18 Uhr fällt der Vorhang der Dunkelheit. Was nun? Essen gehen, etwas anderes gibt es nicht. Gourmets wählen ihren Hummer persönlich aus dem großen Drahtkorb im Hafen aus. Er kostet je nach Größe 50 bis 70 Dollar, Hauptspeisen sonst fünf bis zwölf Dollar.

Drei Tipps: Die "echten" Malediven

Tauchen

Ukulhas verfügt über mehrere professionelle Tauchschulen und  interessante Ausflugs- programme: Walhai- Expeditionen, Schnorcheln, Schwimmen mit Manta- Rochen, Picknick auf einer Sandbank, Delfin-Touren etc. 24 Tauchspots. 2 Std. ab ca. 73 €, ganztags ab ca. 164 €

Strandbar

Auf den Einheimischeninseln gibt es keinen Tropfen Alkohol. Auch die Einfuhr alkoholischer Getränke ist verboten (muss am Einreiseformular unterschrieben werden). Als Durstlöscher gibt eisgekühlte Kokosnüsse, Bananen, Wasser, frisch gepresste Fruchtsäfte

Malé

Zu den „echten Malediven“ gehört auch ein Besuch der Inselhauptstadt Malé, schnell per Linienboot vom Flughafen erreichbar. Malé ist nicht schön, aber interessant, rund um den pittoresken Fischhafen kann man gut und günstig essen

Auf dem Weg zum Massentourismus

Ein wenig fühlt sich Ukulhas wie Jesolo vor dem Tourismusboom an, aktuell offerieren 28 Gästehäuser 300 Betten. „Bald kommen noch 100 Betten dazu“, verkündet Abdulla. Während sich bestehende Gebäude unter den Palmen verstecken, wächst im Süden der Insel ein sechsstöckiger Spiegelglas-Hotelpalast in den Himmel. Internationale Partnerschaften entstehen und 300 Hilfskräfte aus Bangladesch unterstützen die Bevölkerung. „Ukulhas ist wohlhabend geworden, der Lebensstandard ist gestiegen“, freut sich Abdulla.

Doch seine Ausbaupläne machen uns schwindlig: Der Inselrat möchte zehn bis zwölf Hektar neues Land (ungefähr die Hälfte der jetzigen Inselfläche) dank Aufschüttung dazugewinnen – samt künstlichem Sandstrand, Jachthafen und Kongress-Infrastruktur. Wie mag das (noch) authentische Badeparadies in zehn Jahren aussehen?

Nach fünf Tagen alkoholfreier (dafür stechmücken-reicher) Ukulhas-Beschaulichkeit ist es genug, und wir ziehen weiter – Richtung Luxus ins The Westin Maldives Miriandhoo Resort. Hier entzücken uns vor allem drei Dinge: gemütliche Liegen am Strand (statt der Decke im Sand), keine Gelsen (die Quälgeister werden hier niedergespritzt) und ein Glas Rosé zum Sonnenuntergang. Conclusio: Die Mischung aus beiden Welten macht den Reiz aus.

Anreise
Wien–Malé nonstop (bis zu dreimal wöchentlich zwischen Ende Oktober und Mitte April), ab 815 €. austrian.com.
CO2-Kompensation via atmosfair.de: 90 €

Beste Reisezeit
Trockenzeit Dezember bis April, ganzjährig 24 bis 32 Grad

Inselstaat Malediven
Tourismusboom: 1.196 Inseln, 200 davon bewohnt, auf rund 30 „Local Islands“ gibt es aktuell 522 Gästehäuser und 12 Hotels (insgesamt 10.690 Betten). Dem gegenüber stehen 139 Luxus- Resorts mit 31.165 Betten. Der Luxus-Tourismus boomt, für 2020 werden zwei Mio. Gäste erwartet (2019: 1,6 Mio)

Wohnen
Die Gästehäuser der Einheimischeninseln reichen von extrem einfach (um wenige Euro pro Nacht) bis hin zu solidem 3*-Niveau; zu buchen über Internet-Hotelportale

Hoteltipps
Ukulhas West Sands, westsandsukulhas.com;
Ostrov Hotel, ostrovmaldives.com,
Sea View Villa; 1 ÜF/DZ  ab ca. 90 €/2 P.

Reiseveranstalter
Tui: aktuell drei Guesthouses im Programm:  z.B.  7 ÜF, Direktflug ab Wien ab 1.899 €/P., meine-tui.at
Dertour: Ein Hotel auf der „Local Island“ Hanimaadhoo/Haa Alifu Atoll, 7 ÜF, Transfer ab 476 €/P. (ohne Flug), dertour.at

Auskunft
visitmaldives.com