Kristian Ghedina

Kristian Ghedina, Cortina d'Ampezzo.

© FILIPPOMENARDI

freizeit Reise
02/07/2021

Cortina d'Ampezzo: Mit Kristian Ghedina auf der Ski-WM-Strecke

Alpine Skiweltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo. Skilegende Kristian Ghedina zeigt seine Heimat auch abseits der Weltcup-Strecke.

von Maria Gurmann

Unvergesslich ist ein Ski- und Hüttentag mit Kristian Ghedina in Cortina d’Ampezzo. So unvergesslich wie sein legendärer Grätschsprung im Zielhang der Streif in Kitzbühel im Jahr 2004. Mit seiner Skischule M’over zeigt der 51-jährige Profi, der insgesamt 167 Abfahrtsrennen fuhr und 33-mal auf dem Podest stand, höchstpersönlich der kleinen Skigruppe die Hänge seiner Heimat.

Immer einen flotten Spruch parat, immer ein fröhliches Lachen im Gesicht. „Viel fahren, wenig reden“, ordnet er an, redet selbst wie ein Wasserfall, verstellt uns den Helmverschluss – „der muss eng anliegen“ – und lässt seinen offen. Er braucht dreißig Sekunden für den Steilhang der berühmten „Olympia delle Tofane“ mit einem Gefälle von 68 Prozent und 154 Stundenkilometern, dann redet er vier Minuten. Seine Gruppe fährt vier Minuten und redet gar nicht. Lieber hört man seinen Anekdoten und Geschichten zu und bewundert die Fotos auf seinem Handy von Sohn Natan, der gerade ein halbes Jahr alt ist.

Der Sonnyboy ist das Gesicht der Alpinen Ski-Weltmeisterschaft, die heute in Cortina d’Ampezzo beginnt. Die „Königin der Dolomiten“, wie die 5.000-Einwohner-Gemeinde genannt wird, liegt auf 1.224 Metern mitten im UNESCO-Weltnaturerbe der Dolomiten, umgeben von imposanten Gebirgsstöcken: von Lagazuoi (2.800 m) über Tofana di Mezzo (3.244 m) und Cristallo (3.218 m) bis zu Croda da Lago (2.715 m). „Cortina ist einmalig“, erklärt Ghedina. „In der Früh fahre ich auf der einen Seite bei Sonnenaufgang und am Nachmittag bis zum Sonnenuntergang auf der anderen.“

Hot Pot und Nachtskilauf

Zu einem ganz anderen Erlebnis führt am Nachmittag ein Shuttle und die Bergbahn: Skifahren an den Cinque Torri und zur Abenddämmerung Einkehr im Rifugio Scoiattoli beim Hüttenwirt Guido Lorenzi, der auf 2.255 Metern unter Sternenhimmel den Hot Pot im Schnee vorbereitet hat. Mit einem Holzofen hat er schon vor drei Stunden 1.200 Liter Quellwasser auf 38 Grad geheizt. In der Hütte liegen Felldecken, Handtücher und Schlapfen bereit, Badeanzug anziehen, ab durch den Schnee zum Bottich. Guido serviert den acht Badegästen auf einem schwimmenden Holztablett ampezzinische Vorspeisen und Champagner. Wenn die Sonne untergeht und die bleichen Berge der Dolomiten in rotes Licht taucht, suhlt man sich im wohlig-warmen Wasser, direkt vor den markanten Felsen der Cinque Torri. Anschließend gibt es in der Hütte traditionelle Köstlichkeiten aus der Region: „Violette ai Sapori del Bosco“ (hausgemachte Pasta mit Heidelbeeren aromatisiert) bis hin zu „Salame al Cioccolato“ (Schokosalami mit Vanillecreme). Satt und glücklich wedeln die Gäste, mit Stirnlampen ausgerüstet, dann ins Tal hinunter.

Zurück in den mondänen Ort, in dem ein bisschen die Zeit stehen geblieben ist. In den Luxusgeschäften in der Fußgängerzone wird die neueste Mode in den Auslagen schick und elegant präsentiert. In den kleinen Alimentari riecht man noch das Aroma der 1960er-Jahre. Hier vereint sich alpiner Life-Style mit Dolce Vita.

Am nächsten Tag werden die Skigebiete Faloria und Cristallo erkundet. Kevin, Skilehrer der Scuola Sci Cortina, begleitet die Gruppe. Es ist die älteste Skischule Italiens (1933) und die einzige, die die olympischen Ringe in ihrem Logo führen darf. Kristian Ghedinas Mutter musste zwei Jahre lang darum kämpfen, bis sie 1969 als erste Frau in die einstige Männer-Domäne aufgenommen wurde und als Skilehrerin Gäste unterrichten durfte. Sehr liebevoll und immer noch betroffen erzählt Kristian Ghedina von dem Tag, als seine Eltern – „begnadete Skifahrer“ – zu einer Skitour mit Freunden aufbrachen. „In einer Rinne stürzte meine Mutter sechshundert Meter ab, jede Hilfe kam zu spät.“ Fünfzehn war Kristian damals, seine Schwestern siebzehn und elf. „Ich ging immer gerne mit meiner Mutter auf Skitouren. Am Tag ihres Todes ging ich nicht mit. Das war so eine Vorahnung.“

Wir bleiben mit Kevin auf den abwechslungsreichen, langen, schwarz markierten Pisten in Faloria. Am Sessellift zeigt er zur Skibar Vitelli. „Dort sieht man schon am Vormittag Reich und Schön von Cortina. Drei, vier Abfahrten und dann geht’s auf eine Hütte zum Schampus-Lunch. Die vornehme Gesellschaft zeigt sich hier.“ Die Skifanatiker unter ihnen sind Mitglieder in einer der privaten Skischulen. „Man erkennt sie an den gleichen Skianzügen. Sie haben auch ihre eigenen Restaurants – nur für Mitglieder“, erzählt Kevin, der mit seinen Stammgästen lieber auf den 120 Pistenkilometern carvt und sie im Rifugio Capanna Tondi (Grappa-Hütte genannt) auf 2.200 Meter Seehöhe mit der besten, dicken, heißen Schokolade oder einem Grappa aufwärmen lässt.

Auf seine Stammgäste wird Kevin dieses Jahr allerdings noch warten müssen. Und auch ohne Publikum im Zielraum muss der Skiort in diesen Wochen auskommen. „Eine Ski-WM ohne Zuschauer ist wie eine Torte ohne Schlagobers“, findet Kristian Ghedina. Dafür werden sich hoffentlich spätestens 2026 bei den Olympischen Spielen die Skifans und der Jetset auf den Tribünen drängen.

Tipps

Casunziei ampezzani Die mit Roten  Rüben gefüllten Ravioli sind ein ladinisches Traditionsgericht und die Leibspeise von Kristian Ghedina. 1996 bereitete Kristians Großmutter einen riesigen Teller Casunziei für ihn vor, bevor er zur Alpine Ski-WM in Sierra Nevada fahr. Sie befürchtete, dass er vor seinem Abfahrtsrennen nicht das richtige Essen finden würde. Kristian aß 93 Casunziei, seinen persönlichen Rekord. So, als er seine Silbermedaille bekam, widmete er sie seiner Großmutter und ihrer wunderbaren Casunziei.

Corso Italia Schon seit den 50er-Jahren ist  die mondäne Flaniermeile  im Zentrum, mit Antiquitätenläden, Juwelieren Nobel-Boutiquen und  Kunstgalerien, das pulsierende Herz von Cortina.

Hot Tub Im Badebottich  des Rifugio Scoiattoli (2.255 Meter)  im heißen  Wasser sitzen, den Sternenhimmel    bewundern und dabei Champagner trinken. Auf einem schwimmenden Holzbrett wird  Schinken, Käse und Brot serviert.  Nach dem Abendessen kann man mit Stirnlampen auf Skiern  ins Tal abfahren.

Info

Klimafreundliche  Anreise Mit dem Zug  je nach Verbindung ca. 7,5 Std. von Wien nach Toblach, weiter mit Bus-Shuttle nach Cortina.

Übernachten Hotel Cristallino d’Ampezzo,  im Zentrum,  Zimmer  mit Tannenholzmöbel, Balkone.

Essen
Rifugio Pomedes, Hütte am Gipfel der Tofana, wurde zu den Olympischen Spielen 1956 errichtet, regionale Speisen, wie die Casunziei.
Rifugio Scoiattoli (= Eichhörnchen), wie der berühmte Kletterverein der Ampezzaner, auf 2.255 Metern im 5-Torri-Skigebiet, Schmankerln aus der Region, Übernachtung in einfachen Zimmern 65 bis 75 €/P/HP, Hot Tub, baden im Bottich um 180 € (8 Personen), inkl. Getränk und Brettljause.
Restaurant DolomEats, Ampezzano-ladinische Speisen vom Feinsten, im Zentrum.

Skipass Tageskarte 52 €,

Skischulen scuolascicortina.com,
moversport.it (Skischule von Kristian Ghedina)

Auskunft cortina.dolomiti.org

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