© Günther Egger

Interview
01/11/2021

Nina Proll: "Ich halte nichts von der Infantilisierung der Frau"

Zum Start der neuen Staffel von „Die Vorstadtweiber“: Nina Proll im Interview über katholische Lustfeindlichkeit, entlaufene Pfauen und wie sie ihre Kinder erpresst.

von Alexander Kern

Sagen, was Sache ist. Nina Proll hat es damit zuletzt immer öfter in die Schlagzeilen geschafft. Wenn die Schauspielerin offen ihre Meinung über die Maßnahmen im Zuge der Pandemie kundtut oder über die MeToo-Bewegung spricht, ist das für viele immer aufs Neue eine Überraschung: Was die sich traut?! Als Reibebaum, der für manche erstaunlich ungeniert seine Meinung zum Besten gibt, hat sie so etwas wie eine Lebensrolle gefunden. Für ihre Ansichten erfährt sie Zuspruch wie Widerspruch. Auf jeden Fall wird Proll gehört. Und jetzt endlich auch wieder gesehen: Bald mit ihrer Show „Kann denn Liebe Sünde sein?“ erneut auf der Bühne, vor allem aber ab 11. Jänner in „Die Vorstadtweiber“. Liebe und Intrige in der Vorstadt laufen auch in der fünften Staffel auf High Heels und Hochtouren. Zeit für ein Gespräch: über Feminismus, Selbstbestimmung und Selbstzweifel, Geld, Mode und mehr.

freizeit: Liebe Nina, „Die Vorstadtweiber“ starten wieder. Ist der Begriff „Weib“ eigentlich einer, mit dem Sie sich anfreunden können?

Nina Proll: Warum nicht? „Weib“ ist für mich ein Begriff, der eine starke, weibliche Frau beschreibt.

Gerne werden Sie auf den Feminismus angesprochen, wir wollen da nicht hintanstehen. Treffen Sie eine Feministin, ballen Sie die Faust im Hosensack?

Tatsächlich merke ich, dass ich oft mit geballter Faust herumlaufe. Ob das mit Feminismus zu tun hat oder an mir selbst liegt, kann ich nicht sagen. Es gibt offensichtlich viele Dinge, die mich verspannen.

 

Sie machen sich für Selbstbestimmung stark. Ist das ein großes Missverständnis oder warum lehnen feministische Frauen Ihre Aussagen dennoch oft ab oder stellen sie zur Diskussion?

Ich vermute, das Problem liegt in der unterschiedlichen Auffassung davon, was Feminismus ist. Auf der einen Seite wird „Gleichbehandlung“ gefordert und dass das Geschlecht keine Rolle spielen soll. Das ist auch gut und richtig. Gleichzeitig werden aber auch „Quoten“ gefordert und Frauen sollen auf Grund ihres Geschlechts bevorzugt bzw. anders behandelt werden. Hier ist es wirklich schwer, es den vermeintlichen Feministinnen recht zu machen. Ich persönlich halte nichts von der Infantilisierung der Frau. Es ist meine tiefste Überzeugung, dass Frauen und Männer absolut gleichwertig sind. Das bedeutet aber auch, dass ich nicht nur die Vorteile der Gleichberechtigung genießen kann, ich muss auch mit den Nachteilen leben.

Sie haben beobachtet, dass der Frauenanteil der Besucher Ihrer Programme höher ist, als jener der Männer. Was sagen Frauen zu Ihnen, wenn sie Sie ansprechen, womit kommen sie auf Sie zu?

Dass sie den Abend in vollsten Zügen genossen haben, dass die Band ein Hammer ist und sie sich in meinen Liedern und Texten wiederfinden und dass es gut tut, mal über all diese Dinge zu lachen. Anscheinend spreche ich vielen damit aus der Seele ...

Mit welchen Dingen zum Beispiel?

„Männer werden nie gleichberechtigt sein.“

Und was sagen Männer zu Ihnen?

Männer sprechen mich eigentlich nicht an. Wenn, dann muss ich das selbst machen. (lacht)

Finden Sie, die Frauen geben ein gutes Bild ab in den „Vorstadtweibern“? Eigentlich definieren Sie sich alle über Männer.

Wann gibt eine Frau ein „gutes Bild“ ab? Ist das unsere primäre Aufgabe? Die Vorstadtweiber geben ein realistisches Bild ab, denn viele Frauen definieren sich tatsächlich über Männer. Außerdem zeigt die Serie, dass Frauen genauso schlecht und durchtrieben sind wie Männer. Das scheint paradoxerweise für viele beruhigend und in politisch korrekten Zeiten auch sehr befreiend zu sein. Und damit also gut.

Politisch korrekt zu sein bedeutet auch, Rücksicht auf die Gefühle anderer zu nehmen. Nervt Sie das?

Ganz im Gegenteil. Ich lege auch Wert auf Höflichkeit, Respekt und Rücksichtnahme. Das ist das Einmaleins, wenn man Teil einer Gesellschaft sein will. Das Gebot der „Political Correctness“ besagt jedoch, dass jeder, der sich verletzt, diskriminiert oder belästigt f-ü-h-l-t, grundsätzlich recht hat. Ungeachtet dessen, ob ihn jemand tatsächlich verletzt oder beleidigt hat – und damit ist und bleibt sie etwas Liebgemeintes, aber bis heute völlig Erfolgloses. Im Übrigen hat das Binnen-I noch keiner Frau zu mehr Gehalt verholfen. Und das Leben keines einzigen Ureinwohners hat sich dadurch verbessert, dass Kinder sich im Fasching nicht als Indianer verkleiden.

Was sagen Sie zum Selbstbild, das Frauen von sich haben heutzutage? Es gibt da ja eine weite Spannbreite.

Zu sich selbst zu finden ist ein lebenslanger Prozess. Den kann man leider niemandem abnehmen. Jeder junge Mensch in der Pubertät fühlt sich unsicher oder hässlich oder unzulänglich. Jeder versucht über Bestätigung von außen zu mehr Selbstwert zu kommen. Und jeder merkt am Ende, dass er diesen Selbstwert in sich selbst finden muss und nicht von anderen abhängig machen darf. Lernen, sich selbst zu lieben ist ein schmerzhafter Prozess, den jeder durchmachen muss. Frauen wie Männer.

Was hat Ihnen dabei geholfen? Was hätten Sie damals gerne gewusst, das Ihnen heute klar ist?

Dass es genug ist, so wie ich bin.

Selbstliebe, Selbstzweifel, Selbstbestimmung, alles große Themen bei Frauen. Wie auch Selbstvertrauen. Etwas, an dem es Ihnen nicht zu mangeln scheint?

Auch für mich war das ein langer Weg. Ich hatte das Pech – oder Glück – dass ich schon mit 18 von meiner damaligen großen Liebe derart enttäuscht wurde, dass ich relativ früh lernen musste, mir selbst etwas aufzubauen und mich dabei nicht von einem Mann abhängig zu machen. Mein Beruf hat mir dabei natürlich geholfen, denn hier bekommt man viel Bestätigung und Aufmerksamkeit.

Finden Sie, bekommen Sie die Anerkennung, die Ihnen zusteht?

Ja, das finde ich eigentlich schon. Ich kann nicht klagen.

Und womit hat Sie Ihr Angebeteter damals so vor den Kopf gestoßen?

Diese unschönen Details möchte ich lieber für mich behalten.

Wenn Sie nicht in Wien sind, leben Sie auf einem Hof in Tirol. Wie darf man sich da Ihr Leben vorstellen?

Es ist wie in einem Heimatfilm. Oder sagen wir, eine Mischung aus Heimatfilm und der „Piefke-Saga“. Die pure Idylle und dann doch wieder völlig gaga.

Idylle vorstellen ist leicht. Wann wird’s gaga?

Gaga wird es, wenn ich zweimal die Woche Wien und retour fahre, dort „Vorstadtweiber“ drehe und dann heimkomme und feststelle, unsere Pfauen sind entlaufen und ich muss sie im Wald suchen und dann gehen wir noch eine nächtliche Skitour ...

Ein Hof erfordert viele Aufgaben. Was ist Ihr liebster Zuständigkeitsbereich?

Rasen mähen und Hirsche füttern ...

Viel dreht sich bei den „Vorstadtweibern“ um Geld. Es geht um Haben, Nicht-Haben, Mithalten, Nicht-mithalten-Können, Erben, Pleitegehen, Geldgeil-Sein, usw. Wie wichtig ist Ihnen Geld?

Angemessene Bezahlung ist grundsätzlich etwas, worauf ich Wert lege. Geld zu haben bedeutet für mich eine gewisse Unabhängigkeit. Sowohl von meinem Mann als auch von diversen Arbeitgebern.

Ihre Figur Nicoletta steigt nun in die Welt der Mode ein. Können Sie als Nina Proll bei einem Fashion Talk mithalten?

Das hoffe ich doch.

Der Grunge-Style liegt 2021 im Trend. Ein Comeback, auf das Sie sich gefreut haben?

Arbeiterkleidung trage ich tatsächlich gern. Punk ist eher nicht so meins.

Auch die Farbe Rosa kommt zurück. Traum oder Albtraum?

Diese Farbe habe ich eigentlich vor 30 Jahren hinter mir gelassen.

Wie viel geben Sie im Monat für Kleidung aus?

Es gibt Monate, da gebe ich gar nichts aus, dann wieder eine Unsumme für ein schönes Teil. Das kommt immer drauf an. Wenn ich ein Projekt erfolgreich abgeschlossen habe, gönne ich mir manchmal was Teures. Im Grunde ist mein Schrank aber so voll, dass ich eigentlich nie wieder was kaufen müsste.

Mit Ihren Äußerungen ecken Sie öfter mal an. Ziehen Sie daran auch einen Lustgewinn – oder tragen Sie Ihr Herz einfach auf der Zunge?

Zweiteres. Ich kann nicht anders. Und je älter ich werde, umso mehr traue ich mich zu sagen, was ich denke. Alles andere wäre für mich Zeitverschwendung.

Haben Sie das im Nachhinein schon mal bereut und gedacht, da hätten Sie lieber den Mund gehalten?

Ja. Natürlich. Ich habe mich aber auch schon genauso oft geärgert, nichts gesagt zu haben.

Angst, dass Ihnen das beruflich Nachteile einbringen könnte?

Vielleicht wollen manche jetzt nicht mehr mit Ihnen arbeiten. Damit muss ich wohl leben. Es gab immer schon Menschen, die nicht mit mir arbeiten wollten. Es gibt aber auch welche, die gerade jetzt oder jetzt erst recht mit mir arbeiten wollen.

Sind Ihre Freunde oft Ihrer Meinung? Oder kommt es vor, dass einer Sie zur Seite nimmt und sagt: Also Nina, das hättest du dir sparen können.

Das kommt vor. Eine echte Freundschaft muss aber Meinungsverschiedenheiten aushalten.

Sie mögen es nicht, wenn Ihnen jemand etwas vorschreibt. In Ihrem Elternhaus, haben Sie einmal gesagt, galten strenge Regeln. Hat das auch damit zu tun?

Sicher. Ich habe meine Kindheit, bei aller Liebe, die ich bekommen habe, doch als sehr enges Korsett empfunden. Es war sehr wichtig für mich, einen künstlerischen Beruf zu ergreifen, um endlich die Freiheit zu spüren, nach der ich mich immer gesehnt habe.

Was hat Sie in Ihrer Kindheit eingeengt?

Die katholische Lustfeindlichkeit.

Dennoch brauchen Kinder Regeln. Wie bringen Sie Ihre eigenen Kinder am besten dazu, sie zu befolgen?

Ich versuche, sie vorzuleben. (lacht) Und wenn gar nichts mehr hilft, erpresse ich sie ... mit Handy- oder Playstation-Verbot.

Ihre Eltern haben sich scheiden lassen. Warum glauben Sie dennoch an die Ehe?

Die Ehe ist für mich eine Verbindung, in der beide gleich viel zu gewinnen und zu verlieren haben. Sie ist keine Garantie für eine glückliche Beziehung. Und auch keine Ausrede, seinen eigenen Weg nicht zu gehen.

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