© Kurier/Gerhard Deutsch

freizeit Leben, Liebe & Sex
05/30/2020

Thomas Stipsits: Nach dem Aufwachen erst einmal nackt schwimmen

Der Kabarettist, 36, über die Zufriedenheit als Hausmann, sein neues Buch und die Sehnsucht nach Griechenland. Von Alexander Kern

Die Pointe ist sein Lebenselixier. Doch lustig sein durfte Thomas Stipsits zuletzt nur zu Hause. Bühnenauftritte waren bislang nicht möglich, die Drehs zur Fortsetzung des Kinoerfolgs „Love Machine“ und für sein Spielfilmprojekt „Griechenland“ wurden verschoben. Ungewisse Zeiten – wie für viele von uns, auch was die Urlaubspläne für den Sommer betrifft. Der Kabarettist und Bestseller-Autor („Kopftuchmafia“) würde wie immer mit Ehefrau Katharina Straßer und den zwei Kindern auf Karpathos urlauben. Doch darf er das heuer? Um das Fernweh zu betäuben, treffen wir uns im Gastgarten eines griechischen Restaurants. Später gibt es Ouzo und Moussaka. Doch davor wird geredet.

freizeit: Thomas, die Krise macht auch vor dem Kabarett nicht Halt. Wie geht es Ihnen so ganz ohne Publikum, haben Sie schon Entzugserscheinungen?

Thomas Stipsits: Bis es wieder weitergeht sind meine Kinder mein Publikum. Wobei die viel strenger sind, als Leute, die sich eine Eintrittskarte gekauft haben! Da muss ich mir immer einiges einfallen lassen. Ich merke jedenfalls, es wird wieder Zeit für Kontakt mit den Zuschauern. Gerade mein Beruf lebt ja von der Atmosphäre in einem Saal.

freizeit: Was fehlt Ihnen am meisten?

Thomas Stipsits: Das Gemeinschaftsgefühl mit dem Publikum. Und der Adrenalinkick kurz vor dem Auftritt. Ich bin ja immer sehr nervös und rauche dann ziemlich viel – was nicht gut ist. Also das viele Rauchen geht mir jetzt nicht ab. Aber dieser Thrill, sich jedes Mal der Herausforderung zu stellen, und zu versuchen, das Publikum für sich zu gewinnen. Es ist ja jeder Abend anders.

freizeit: Wir treffen uns hier in einer Taverne in Tulln. Griechenland, das ist für Sie zweite Heimat. Kommt da Urlaubsfeeling auf?

Thomas Stipsits: Ein bisschen, zumindest im Kopf. Seit 18 Jahren bin ich im Sommer in Karpathos. Doch dieses Jahr? Die Sehnsucht ist natürlich groß. Mein bester Freund Elias lebt dort. Die griechische Mentalität hat mich sofort fasziniert – so herrlich entschleunigt. Elias ist für mich wie Alexis Zorbas. Viel Geld hat er nicht. Aber er sagt: Everyday I got the sun, I don’t need more. Diesen Mut muss man erst aufbringen. Er ruht in sich selbst. Studiert hat er nie, dafür besitzt er Lebenserfahrung. Im Burgenland würde man sagen: ein Kukuruz-Philosoph.

freizeit: Stellt sich die Frage, ob diese Mentalität in unseren Breiten nicht hinderlich wäre.

Thomas Stipsits: Bei uns wäre das schwierig. Aber dort besitzt es großen Charme. Es kann alles passieren, nur nicht sofort. Als im Jänner die Heizung ausgefallen ist, war mir gleich klar, dass das in 14 Tagen nicht repariert sein wird. Es ist auch nicht alles permanent verfügbar. Mein sechsjähriger Sohn Emil isst gern Salami. Die gibt’s halt nicht immer. Maybe next week, if the ship is coming. Depends on the wind. So blöd das klingt, aber das gefällt mir. Und es ist auch für den sechsjährigen Sohnemann eine gute Lebensschule.

freizeit: Bei Ihrem ersten Urlaub vor 18 Jahren haben Sie das auch so locker gesehen?

Thomas Stipsits: Man lernt dort, loszulassen. Geschlafen habe ich am Strand im Schlafsack unterm freien Himmel. Zwei Badehosen, eine Zahnbürste und die Gitarre – mehr habe ich zum Leben nicht gebraucht. Morgens um halb sieben bin ich nach dem Aufwachen immer erstmal nackt schwimmen gegangen. Und jeden Abend sind Elias und ich mit dem kleinen Boot zum Calamari-Fischen aufs Meer rausgefahren. Ihm gehört auf Karpathos eine Snack-Bar. Er hat mich aufgefordert, Gitarre zu spielen, so haben wir uns kennengelernt. Ich habe dann was vom Danzer gespielt und es ist ein feuchtfröhlicher Abend geworden.

freizeit: Klingt herrlich. Wie geht es Ihnen dagegen mit der sogenannten neuen Normalität?

Thomas Stipsits: Trotz aller Sorgen hat mir die Stressreduktion gutgetan. Täglich mit der Familie kochen war schön. Ich habe Marillenknödel zubereitet oder Eiernockerln. Kost wie einst bei Oma! Der Sohnemann hat Radfahren gelernt und ich habe meiner zweijährigen Tochter beim Wachsen zugeschaut. Aber irgendwann habe ich gespürt, ich muss wieder kreativ sein. Sich aufzuraffen war nicht leicht! Ich habe es genossen, Hausmann zu sein. Doch dann habe ich begonnen, meinen zweiten Krimi zu schreiben.

freizeit: Er wird wohl erneut im burgenländischen Stinatz spielen, einer weiteren Heimat für Sie. Müssten Sie nicht längst mindestens schon Ehrenbürger sein?

Thomas Stipsits: Nicht alle finden gut, was im Buch zu lesen war! Einiges ist ja wirklich passiert. Also, bis auf den Mord. Jedenfalls habe ich auch Böses gehört. Meine Oma sitzt ja am Bankerl im Ort und erfährt alles. Sie ist mein Spion. Manche kränken sich, sie fühlen sich schlecht getroffen. Dabei kommen die oft gar nicht vor.

freizeit: Irgendwie scheint trotzdem alles, was Sie anfassen, ein Erfolg zu werden. Ist Ihnen das wenigstens peinlich?

Thomas Stipsits: Absolut. Ich muss allerdings gestehen: Ich habe letztens ein Grillhuhn gemacht, und das ist mir gar nicht gelungen. Ich war sehr enttäuscht von mir.

freizeit: Sehr witzig. Früher haben Sie aber tatsächlich öfter das Schlechte im Guten gesucht.

Thomas Stipsits: Ich habe eine Zeitlang gebraucht, um den Erfolg anzunehmen. Am Anfang meiner Karriere ist sehr schnell sehr viel passiert. Das hat mich überfordert. Ich habe Minderwertigkeitskomplexe bekommen. Absurde Gedanken, dass ich das eigentlich gar nicht verdient hätte. Und die Kollegen alle viel besser seien. Es war ein sehr langer Prozess, das zu verarbeiten. Heute weiß ich, es braucht nicht nur Glück, um Erfolg zu haben, es gehört auch Können dazu.

freizeit: Was hat Ihnen geholfen, diese Zweifel zu überwinden?

Thomas Stipsits: Auf Dauer stärkt der Erfolg das Selbstvertrauen. Am Anfang der Karriere glaubt man, es gehe um Leben oder Tod. Sobald einem klar wird, dass alles weniger wichtig ist, als man glaubt, erlöst einen das vom Druck. Wenn mir etwas nicht aufgeht, dann eben nicht. Ich hake das ab und mache weiter. Ich weiß jetzt besser über meine Stärken Bescheid. Ich tauge etwa nicht zum Moderator. Und ich spreche kein Theaterdeutsch. Und das ist völlig in Ordnung.

freizeit: Verstehen Ihre Kinder eigentlich schon, was Sie beruflich machen?

Thomas Stipsits: Noch nicht wirklich. Einmal war ich mit Emil im Kino und wir haben uns „Feuerwehrmann Sam“ angeschaut. Er hat mich gefragt, ob ich ihn persönlich kenne, weil ich ja auch beim Film  arbeite. Das war sehr süß. Derzeit möchte er „Bungalow“ von Bilderbuch auf und ab hören. Ich spiele es für ihn auf der Gitarre. Auch die EAV liebt er. Ich bin ja ein gutmütiger Vater. Von mir gibt’s Schokopudding, auch wenn es die Mama verboten hat. Aber Vorsicht! Sich zu sehr mit den Kindern zu verbrüdern ist wiederum der Partnerschaft abträglich.

freizeit: Ihre Frau Katharina Straßer ist bekanntlich ebenfalls Schauspielerin. Wie lebt es sich in einem Künstlerhaushalt?

Thomas Stipsits: Gut, weil wir ein ähnliches Leben haben und es verstehen. Und wir uns kreativ austauschen. Am ehesten diskutieren wir, wie man den Geschirrspüler einzuordnen hat. Ich habe nämlich ein System – und sie nicht. In dieser Hinsicht bin ich auch nicht kompromissbereit. Aber sie lernt dazu. (lacht)

freizeit: Haben Sie denn einen Ordnungsfimmel?

Thomas Stipsits: Als Kind habe ich im Chaos gelebt. Meine Mutter hat immer gesagt: Dass du dich wohlfühlst in diesem Saustall! Das hat sich lustigerweise gedreht. Kaum hatte ich meine erste Wohnung, musste jeder Gast sein Glas auf einen Untersetzer stellen. So ändern sich die Zeiten!

freizeit: Und das Chaos, das Ihre zwei kleinen Kinder verantworten, geht klar für Sie?

Thomas Stipsits: Ich habe meinem Sohn einmal einen Tag lang die Legosteine sortiert – das war ihm gar nicht recht. Aber ich werde lockerer. Kürzlich haben wir den Kindern eine Kreide gekauft, mit der man auf Steinen malen kann. Schlechte Idee! Die hält auch anderswo. Am Haus zum Beispiel. Das hat zu einigen hübschen Verzierungen geführt. Da muss man durch.

THOMAS STIPSITS, 36,  wurde 1983 in Leoben geboren. Die Ferien verbrachte er stets bei den Großeltern in Stinatz. Bereits in der Schule schrieb er Sketches und trat im Jugendzentrum auf. Der Durchbruch gelang 2006 mit dem Soloprogramm „Griechenland“. Für „Triest“ gewann er 2012 mit Manuel Rubey den Österreichischen Kabarettpreis. Im TV sieht man Stipsits seit 2017 in „Die Vorstadtweiber“. Mit „Love Machine“ drehte er den erfolgreichsten heimischen Kinofilm 2019. Im selben Jahr erschien sein Krimi „Kopftuchmafia“. 2014 heiratete Stipsits Schauspielerin Katharina Straßer („Schnell ermittelt“), sie leben mit den Kindern Emil, 6, und Lieselotte, 2, in Wien und Niederösterreich.

Das aktuelle Programm von Thomas Stipsits heißt „Stinatzer Delikatessen“. www.stipsits.com
www.facebook.com/stipsitsofficial

 

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