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Interview
10/28/2021

Nilam Farooq über Rassismus und metoo: „Unzählige Übergriffigkeiten“

Die Schauspielerin im Interview über ihren aktuellen Kinofilm „Contra“, Diskriminierung im Alltag und Machtmissbrauch im Job.

von Alexander Kern

Sie ist aktuell eines der gefragtesten Gesichter des deutschen Films: Nilam Farooq spielt im Film „Contra“ (Kinostart: heute) die weibliche Hauptrolle. Als Jus-Studentin muss sie sich darin mit den rassistischen Bemerkungen ihres Uni-Professors (Christoph Maria Herbst alias „Stromberg“) auseinandersetzten. Klingt heftig, ist aber eine Komödie: Wie sich die beiden zusammenraufen ist witzig und voller Esprit.

Bekannt wurde die Tochter einer polnischen Mutter und eines pakistanischen Vaters als YouTuberin über Beauty-Themen. Sechs Jahre gab sie die Kommissarin in „Soko Leipzig“, zuletzt spielte sie in der Netflix-Erfolgskomödie „Du Sie Er & Wir“. Für ihre Darstellung der Naima in „Contra“ wurde Nilam Farooq mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

Standpunkte austauschen, debattieren, den anderen per rhetorischem Kunstgriff in die Ecke drängen und besiegen – sind Sie gut in all dem?

Laut meinem Umfeld kann ich das sehr gut. Es bereitet mir viel Spaß, Worte zu benutzen. Dafür hatte ich schon immer ein Faible.

Wie haben Sie gelernt, Ihre Standpunkte überzeugend zu vertreten?

Dank meiner Erziehung. Ich bin mehrsprachig aufgewachsen, habe realisiert, was Sprache bedeutet. Ich habe gemerkt, je besser ich mich ausdrücken kann, desto mehr kann ich erreichen. Auch mein Papa legte sehr viel Wert auf Sprache. Ich habe ein humanistisches Gymnasium besucht, hatte Latein und Altgriechisch. Ich hielt gerne Referate, fand Worte immer schon spannend.

Stoßen Sie argumentativ manchmal an Ihre Grenzen?

Ständig. Gerade wenn ich auf Menschen treffe, die nicht weltoffen und tolerant sind. Da stoße ich schnell an meine Grenzen. Weil man mit Argumenten nicht weiterkommt.

Was dann, die Fäuste sprechen lassen?

Das ist natürlich auch keine Lösung. Es ist dann einfach leider manchmal Hopfen und Malz verloren. Das muss man akzeptieren.

Oft stehen einem die Emotionen im Weg, gerade bei einer Diskussion über ein Thema, das einem am Herzen liegt.

Ich bin jemand, der sehr impulsiv reagiert. Und hier und da etwas sagt, das ich lieber anders formulieren sollte. Aber das passiert nicht oft. Jeder streitet anders. Bei mir knallen nicht die Türen und ich werfe auch nicht mit Tellern. Dafür habe ich kein Verständnis. Wie auch nicht dafür, das Gegenüber nicht ausreden zu lassen.

Im Film fliegt der Professor wegen einer diskriminierenden Bemerkung beinahe von der Uni. Ist Ihnen Ähnliches passiert?

Von offensichtlichem Rassismus bin ich zum Glück ziemlich verschont geblieben. Ich habe aber viel Alltagsrassismus erlebt. Seien das Fragen nach meinem Namen oder Bemerkungen, wie gut ich doch Deutsch sprechen würde. Beruflich natürlich auch. Meine Rollenauswahl war anfangs sehr eingeschränkt. 

Lassen Sie Milde walten bei komischen Bemerkungen oder sind Sie streng, etwa, wenn jemand Ihre Vorgeschichte nicht kennt?

Ich bin da total entspannt. Es gibt KollegInnen, die finden die Frage „Wo kommst du her?“ unangebracht. Mich hat diese Frage nie wirklich gestört. Aber ich achte darauf, WIE jemand sie stellt. Der Ton macht die Musik. Ich frage das andere ja aus Neugierde ebenfalls. Trotzdem finde ich gut, wie wir gerade auf Sprache sensibilisiert werden. Weil wir eine neue Normalität brauchen. Und die kann vielleicht erst einkehren, wenn wir durch ein Extrem durchgegangen sind.

Was man sagen darf und was nicht, das verwirrt viele Menschen.

Mir geht es genauso. Anfangs hat es mich genervt. Wenn du ständig durch den Gedanken unterbrochen wirst, ob du sagen darfst, was du möchtest, belastet das. Dennoch denke ich, wir brauchen das jetzt. Es bricht niemandem ein Zacken aus der Krone, zu respektieren, wenn eine Gruppe etwas gegen eine bestimmte Bezeichnung hat und sich das geschichtlich argumentieren lässt. Auch Gendern macht für mich Sinn. Letztlich ist bereits der Versuch löblich.

Rollenangebote haben auch mit Macht zu tun. Stichwort MeToo-Bewegung: Gab es einen Moment, in dem Sie dachten, das geht in diese Richtung?

Einen? Es gab leider viele, viele Momente; zum Glück nie etwas körperliches, aber unzählige Übergriffigkeiten, die gesagt, geschrieben, vermittelt wurden. Ich wundere mich, woher diese Männer die Frechheit nehmen angesichts der MeToo-Bewegung.

Das heißt, es gab Momente, in denen Sie sich nicht körperlich, aber rhetorisch genötigt gefühlt haben?

Absolut.

Übergriffigkeiten von Menschen, die Ihnen gegenüber in einer gewissen Machtposition standen.

Korrekt. Die bestimmte Angebote suggerieren; oder als flotte Sprüche daherkommen, die man in einem Arbeitsverhältnis nicht bringen sollte - ein Potpourri aus solchen Sachen.

Was hat das mit Ihnen gemacht im Laufe der Jahre?

Ich war zum Glück immer sehr selbstbestimmt. Man kann mir gerne Konsequenzen androhen, wenn ich etwas Bestimmtes zu tun nicht gewillt bin – ich tue es trotzdem nicht. Das hat meine Haltung zu dem, was ich für richtig und falsch befinde, immer nur bestärkt. Ich gebe das auch jungen KollegInnen mit auf den Weg: Dass es wichtig ist, sich nicht einschüchtern zu lassen. Man sollte sich Hilfe holen oder an die Öffentlichkeit wenden.

Haben diese Erfahrungen Sie abgehärtet?

Ich hatte Glück, weil meine Persönlichkeit so beschaffen ist, dass ich mich von so etwas nicht unterkriegen lasse. Doch es gibt viele Frauen da draußen, denen es anders geht. Deswegen ist es wichtig, weiter über dieses Thema zu reden.

Gab es Momente, in denen Sie alles hinwerfen wollten?

Ja, manchmal. Die Zahnräder, die in meiner Branche ineinandergreifen, das müsste alles einmal modernisiert werden. Es ärgert mich und frustriert ein wenig, dass ich am Ende des Tages so wenig ausrichten kann.

Sie haben schon als 14-Jährige mit Schauspielen begonnen. Haben Sie an Ihrer Berufswahl öfter gezweifelt?

Schauspielerin zu werden war ein großer Traum von mir. Ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, was mich so viele Jahre bei der Stange gehalten hat. Anfangs hieß es, du bist zu ausländisch, du bist nicht gut genug, du bist zu dick, alles Mögliche. Es ist mir heute unbegreiflich, dass ich trotzdem dabeigeblieben bin. Andererseits: Wenn man etwas wirklich liebt, bleibt einem ja gar keine Wahl.

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