© Christian Hartmann

freizeit
10/15/2021

Christoph Maria Herbst: „Die Wahl der Waffen wird immer derber“

Schauspieler Christoph Maria Herbst über Shitstorms, sein Hadern mit der Political Correctness, den alten, weißen Mann und wie ihm „Stromberg“ zum Fluch wurde.

von Alexander Kern

Beleidigend, grenzüberschreitend, nach oben buckelnd und nach unten tretend: Im Serienerfolg „Stromberg“ spielte Christoph Maria Herbst fünf Staffeln und einen Film lang den Cheftyrannen in einem Büroalltag aus der Hölle. Verdammt gut gelang dem 55-Jährigen das. Zu gut. Jahrelang bekam er kaum andere Rollen angeboten als die des Ungustls mit ein bisschen Herz.

Auch in seiner neuen Komödie „Contra“ spielt der Deutsche nicht gerade einen Sympathieträger. Als Uni-Professor Pohl beleidigt er eine Jus-Studentin mit marokkanischen Wurzeln in ihrer ersten Vorlesung aufgrund ihrer Abstammung. Um nicht gefeuert zu werden, trainiert das Rhetorik-Genie sie darauf für den landesweiten Debattier-Wettbewerb. Zuzuschauen, wie die beiden sich zusammenraufen ist amüsant, gewitzt und kurzweilig. Die großen Themen dabei: Diskriminierung und Debattierkultur.

freizeit: Ihr neuer Film wirft eine interessante Frage auf: Den anderen überzeugen oder die Wahrheit herausfinden, was ist wichtiger? 

Christoph Maria Herbst: Bei den Philosophen gibt es den Begriff der Verantwortungs- und der Gesinnungsethik. Der Professor, den ich im Film spiele, ist eindeutig Zweiteres. Das eigene Ansinnen muss dabei auf Gedeih und Verderb so überzeugend dargebracht werden, dass es am Ende als Wahrheit deklariert wird. Verantwortungsethisch ist hingegen das Gegenteil. Da ist man sich im Klaren, was ein bestimmtes Handeln für die Allgemeinheit und die Zukunft für eine Bedeutung hätte. Dieser Ethik fühle ich mich näher. 

In gesellschaftlichen Debatten geht es hauptsächlich darum, Recht zu bekommen, egal wie.

Stimmt. Die Wahl der Waffen wird immer derber. Manche Mittel konnten wir uns vor ein paar Jahren noch nicht vorstellen. Ich beobachte das mit brennender Sorge. Im Film ist einmal die Rede von den „asozialen Medien“. Diese Bezeichnung mag manches Mal zutreffen. Wobei aber nicht die Medien asozial sind, sondern die Menschen. Das ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wie man dessen Herr werden kann? Ich weiß es nicht.

Wie ist Ihr Umgang mit den Sozialen Medien?

Eindeutig: Ich verhalte mich da nicht, denn ich komme da schlicht nicht vor. Und das nicht erst seit einem Jahr, sondern noch nie. Mit den Sozialen Medien verhält es sich öfter wie mit dem Sprichwort „Die Geister, die ich rief“. Sie fliegen einem sehr schnell um die Ohren, Shitstorms folgen, aus Followern werden Hater – das brauche ich nicht. Ich brauche auch keine virtuellen Freunde. Ich brauche echte, zum Anfassen.

Nie heimlich reingelinst, bei Facebook & Co?

Ehrlicherweise nicht. Weil ich da auch nix suche, weil ich da nix verloren habe (lacht). Ich bekomme Mails und Fanpost, da bin ich sehr bemüht und schicke auch artig das Gewünschte zurück. Das reichte Jahrzehnte lang, das kann ruhig weiterhin so bleiben.

Welcher Streittyp sind Sie?

Ich schmeiße weder mit Tellern noch mit Schlimmerem. Zu solchen Übersprungshandlungen tendiere ich nicht. Ich neige allerdings auch nicht zu dieser Kaltschnäuzigkeit beim Streiten, die alles an sich abtropfen lässt wie an einer Teflonpfanne. Selbst wenn das ein geschickter Schachzug wäre, um den anderen zu noch größerer Weißglut zu treiben. Aber das ist eine Form der Gemeinheit, die mir nicht eigen ist.

Gibt es nichts, das Sie aus der Reserve lockt?

In die Enge gedrängt kommt es vor, dass ich belle und auch mal zuschnappe. Aber wir reden von Streitkultur. Ich finde, es muss kulturvoll bleiben. Das ist auch eine Botschaft des Films: zurückzufinden zu einer Diskussion, bei der wir den anderen nicht gleich niederknüppeln. Eine andere Meinung aushalten können. Zwischentöne hören. Und dem anderen nicht gleich ein Label anheften und keinen Widerspruch zulassend behaupten: Der ist so, und nicht anders.

Welches Thema bringt Ihr Blut denn in Wallung?

Wenn es ins Persönliche geht, unter die Gürtellinie oder jemand meine Familie verunglimpft, schwillt mir der Kamm. Da geht’s ans Eingemachte und da reagiere ich beschützend wie eine Lämmermutter.

Im Beziehungsleben regen uns oft Klassiker wie die nicht wieder verschlossene Zahnpastatube auf. Sie ebenfalls?

Ich finde es spannend, welch Eigendynamik Belanglosigkeiten entwickeln können. Gerade in einer Partnerschaft werden gern Nebenkriegsschauplätze eröffnet. Man glaubt, man streitet darüber, wer den Müll runterbringt – dabei geht es nur darum, ob wir die Schwiegermutter zu Weihnachten zu uns holen.

Wie lösen Sie das?

Meine Frau und ich brechen in schallendes Gelächter aus. Wir haben es mittlerweile gelernt, von der Helikopter-Perspektive auf das zu schauen, was wir da gerade tun. Und uns dann eher totlachen als totschlagen.

Im Film wird Diskriminierung thematisiert, sprechen wir daher über Political Correctness. Viele sind sich heute nicht mehr sicher, was sie sagen dürfen. Können Sie das nachvollziehen?

Ich finde das furchtbar. Das ist nicht die Gesellschaft, in der ich bislang gelebt habe. Obwohl wir genau wissen, was ein anderer gemeint hat, verstehen wir ihn bewusst falsch, nur um ihn dann fertig zu machen. Menschen werden mit Shitstorms überzogen, weil sie vielleicht etwas gerade nicht Gender-gerecht gesagt haben. Oder es wird in einem Nebensatz etwas Diskriminierendes vermutet, wobei wir aber genau wissen, dass das an dieser Stelle nicht so gemeint war. Um abzulenken, wird mit Nebelkerzen gearbeitet und Schauplätze werden aufgemacht, um die es gar nicht geht. Das ist schlimm, ganz schlimm.

Erwischen Sie sich manchmal dabei, sich auf die Zunge zu beißen, weil Sie fürchten, etwas politisch nicht Korrektes von sich zu geben?

Eigentlich nicht. Dazu bin ich zu klar im Kopf. Es ist aber interessant, welch große Angst viele davor haben, anzuecken. Deswegen sind wir alle auch so merkwürdig ohne Ecken und Kanten. Dabei schätzen wir doch gerade das etwa an Politikern vergangener Jahrzehnte.

Charaktere, die sich kein Blatt vor den Mund nehmen und sagen, was ist?

Die werden ja geradezu verklärt, weil sie so Typen waren. Die haben sich was getraut, die waren so kantig. Denen war egal, was sie gesagt haben, das waren Charakterköpfe, die haben ihr Ding durchgezogen. Dagegen sind wir heute mit unseren Meinungen eher weichgespült (lacht).

Färbt das ab?

Ich bin für das nicht zu haben. Wenn man Farbe bekennen soll, soll man das tun. Aber danach muss man auch die Haltung bewahren und dazu stehen. Und wenn man wirklich eine Gruppe beleidigt hat, das dann einsehen und sich dafür entschuldigen. So einfach ist das. Aber die Klappe halten, aus Angst vor irgendwelchen Shitstorms? Oder weil man jemandem auf die Füße treten würde, der noch wichtig für die Karriere sein könnte? Das könnte ich nicht. Da würde mir die Zunge im Mund verfaulen.

Aktuell ist gerade viel die Rede vom alten weißen Mann. Wie finden Sie den Begriff? Fühlen Sie sich angesprochen?

Der Professor, den ich spiele, ist einer, und sicher auch der letzte US-Präsident. Letztlich ist es aber ein seltsamer, schwammiger Ausdruck. Ich glaube, was er meint, ist, dass ein Mann weißer Hautfarbe aufgrund seiner weißen Hautfarbe als Rassist geboren wurde. Dass er Patriarch ist, weil er ein Mann ist und deshalb nur schwanzgesteuert und misogyn sein kann. Alt ist er auch noch, rückwärtsgewandt, wertkonservativ bis zum Erbrechen. Nicht zukunftsorientiert, damit also auch homophob. Auch ich bin jetzt biologisch ein alter weißer Mann (lacht). Aber nur biologisch.

Ihre Paraderolle war die des Bürotyrannen „Stromberg“. Sie beklagten einmal, das habe sich auf die Ihnen angebotenen Rollen ausgewirkt. Und zwar negativ.

Ich habe mich lange Zeit Vorurteilen ausgesetzt gefühlt, eindeutig. Weil mir der Stromberg überzeugend gelungen war, waren viele der Meinung: klar, der spielt sich selbst. Denn ansonsten könne man die Rolle ja nicht so gut spielen. Viele der Entscheiderinnen und Entscheider gaben mir darauf nicht die Möglichkeit zu zeigen, dass ich gar nicht Stromberg-Darsteller von Beruf bin, sondern Menschendarsteller. Das ist mein Beruf, das ist meine Gabe. Da kam ich mir teilweise vor wie Don Quichote, der gegen die berühmten Windmühlen kämpft.

Kämpfen Sie immer noch mit diesem Vorurteil, so zu sein wie Stromberg?

Es schleicht sich immer mehr aus. Der Zeitpunkt, nach zehn Jahren, fünf Staffeln und einem Kinofilm auszusteigen, war der richtige. Ich bin ein bisschen stolz darauf, dass meine Eitelkeit und meine Gier nicht obsiegt haben und ich Stromberg nicht einfach weitergespielt habe. Ich wusste ja nicht, was danach kommen soll.

Ihre Rolle des Professors Pohl in „Contra“ ist anfangs auch kein Sympathieträger. Wie sehen Sie die Figur?

Ich fand gut, dass man erfährt, warum Pohl so geworden ist, wie er ist. Dass er nicht schon als Zyniker in der Wiege lag, sondern so etwas wie ein enttäuschter Romantiker ist, dem mit der Keule des Lebens eins übergebraten wurde. Er hat genauso seinen Teil an Unglück abbekommen wie jeder andere. Das war mir wichtig: ihn nicht nur als Monster zu zeigen, sondern als einen Menschen aus Fleisch und Blut.

ZUR PERSON:

Christoph Maria Herbst wurde 1966 in Wuppertal geboren und ist gelernter Bankkaufmann. Er spielte Theater und 1997 erstmals im TV („Ladykracher“). Von 2004 bis 2012 spielte er „Stromberg“, wofür er u. a. den Grimme-Preis erhielt. Kinofilme u. a.: „Wo ist Fred?“, „Highway to Hellas“, „Der Vorname“.

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