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freizeit Mode & Beauty
02/23/2021

Warum diese Agentur ausschließlich auf Diversity-Models setzt

"Enfant Terrible Society" ist die erste österreichische Agentur, die sich auf queere, schwarze und transgender Models fokussiert. Gemeinsam will man die Gesellschaft verändern.

von Julia Pfligl

Es ist das Mode-Schlagwort der Stunde: Diversity, die Vielfalt von Geschlechtern, Hautfarben, Sexualität und Körperformen, gilt spätestens seit der Black-Lives-Matter-Bewegung als wichtiges Signal auf Laufstegen und Plakaten. Wer als zeitgemäß erscheinen will, wirbt mit schwarzen, dicken oder queeren Gesichtern, selbst Heidi Klums gescholtener Modelzirkus kommt keine Staffel mehr ohne Transfrau oder Plus-Size-Kandidatin aus.

Doch oft handelt es sich um Tokenismus (von „token“, symbolisch), eine oberflächliche Wohlfühlsymbolik zur Imagepolitur, die nichts an den problematischen Strukturen der Industrie ändert, kritisieren betroffene Models. „Wir sind kein Modetrend“, empörte sich Naomi Campbell auf Instagram, als die Zeitschrift Elle schwarze Models zum Trend der Saison erklärte.

„Mode ist Identifikation“

Um genau das zu verhindern, hat Sophie Mashraki, 24, in Wien nun eine eigene Modelagentur gegründet: „Enfant Terrible Society“ vertritt ausschließlich Models, die von der Norm abweichen – People of Colour (PoC), Transgender oder solche, die sich wie Mashraki außerhalb des Zweigeschlechtersystems einordnen (nichtbinär).

Obwohl sich in der Branche zuletzt viel getan hat – so steigerte sich etwa der Anteil schwarzer Models bei der New York Fashion Week laut einer Studie innerhalb von fünf Jahren von 17 auf 47 Prozent –, gebe es noch viel zu tun, sagt Mashraki. „Designer werden gelobt, weil von 20 Models eines Kurven hat. Das ist aber keine Inklusion.“

Mashraki, Kind eines Ägypters und einer Österreicherin, war selbst als Model tätig und weiß aus eigener Erfahrung, dass der Markt für androgyne Frauen überschaubar ist. Gebucht werden in der Regel große, dünne Models mit weißer Haut und langen Haaren. Daher brauche es eine Agentur, die sich bewusst auf diverse Models fokussiert, so Mashraki. Und zwar nicht aus sozialromantischen, sondern aus betriebswirtschaftlichen Gründen: „Wir identifizieren uns mit dem, was wir sehen und wie wir uns kleiden. Daher ist es wichtig, möglichst viele verschiedene Leute zu repräsentieren. 16 Prozent der Österreicher haben Migrationshintergrund, wo in der Werbung sind diese Menschen?“

30 Models sind derzeit bei Enfant Terrible Society unter Vertrag. Eine davon ist Antonia, die 19-jährige Halbnigerianerin ist in Wien geboren und aufgewachsen. Bei früheren Jobs habe sie oft gemerkt, dass sie nicht als „normales“ Model, sondern als exotischer Aufputz engagiert wurde.

Sie ist erst 24 und hat in ihrer Karriere schon mehrmals Geschichte geschrieben. 2017 zierte die Brasilianerin Valentina Sampaio  das Cover von Vogue Paris, 2019 lief sie für Victoria’s Secret über den Laufsteg, 2020 lachte sie aus der Bademodenbibel Sports Illustrated – und das alles als erstes transsexuelles Model überhaupt. 

Sampaio gilt als Vorreiterin in einer Branche, die immer offener wird für einen weiter gefassten Schönheitsbegriff. Vor zwei Jahren erhielt Chella Man als erster gehörloser transgender Mann einen Vertrag bei der Agentur IMG Models, bekannt für ihr diverses Portfolio. „Ich strebe danach, das Vorbild zu sein, von dem ich mir wünschte, ich hätte es als queeres, gehörloses Kind in einer konservativen Stadt gehabt“, sagte er in einem Interview. Auch die Lettin Viktoria Modesta zählt zu IMG. Nach einer Beinamputation wurden kunstvolle Prothesen ihr Markenzeichen. 

Eines der wenigen  international erfolgreichen Models mit einer sichtbaren Behinderung ist die Ex-Modestudentin Jillian Mercado: Die 33-jährige New Yorkerin sitzt wegen einer Muskelkrankheit im Rollstuhl, modelte für Diesel und wurde von Superstar Beyoncé für eine Kampagne gebucht. „Warum sollten wir uns für dich entscheiden?“, wurde sie beim Diesel-Casting gefragt. Ihre Antwort: „Weil ich die Welt verändern will.“ 

Einen ähnlichen Anspruch hat die Britin Ellie Goldstein, 19-jähriges Gucci-Gesicht mit Downsyndrom. Ihre Mission: „Die Welt soll sehen, dass jeder Mensch mit einer Behinderung auch modeln und schauspielern kann.“    

Das sei jetzt anders: „Sophie bemüht sich sehr, auf uns alle einzugehen. Bei einem Shooting hatten wir eine Make-up-Stylistin, die nicht nur auf Anhieb die perfekte Farbnuance für mich hatte, sie kannte sich auch mit meiner Haarstruktur aus. Eine weiße Frau, die es als selbstverständlich sieht, alle Haartypen zu kennen. Wow!“

Modelkriterien

Nicht jeder, der trans, biracial oder queer ist, wird genommen – bei der Auswahl der Models achtet Mashraki auf ein ausdrucksstarkes Gesicht, ausgeprägte Wangenknochen und „dass sie etwas zu sagen haben“. Die Körpergröße ist sekundär. „Es ist mir wichtig, ihre Geschichten zu kennen. Die Atmosphäre ist sehr freundschaftlich.“

Die bisherigen Aufträge sind vielversprechend, vor allem kleinere, auf Nachhaltigkeit spezialisierte Marken docken an. „Ziel ist es natürlich, so viele Aufträge zu bekommen, dass ein Großteil der Models davon leben kann.“

Vorbilder helfen

Mashraki haderte früher selbst damit, „irgendwie anders“ zu sein, litt an Depressionen und Selbstzweifeln. Medial präsente Vorbilder helfen gegen die gefühlte Einsamkeit. „Ich habe gelernt, dass es okay ist, in keine Box zu passen. Schönheit ist nicht gleich Schönheitsideal.“

Auch Antonia kämpfte mit ihrer Identität, fühlte sich entweder zu weiß oder zu schwarz. Als Model möchte sie dazu beitragen, dass kein Jugendlicher mehr so denken muss. „Wir bunten Wiener haben so viel, was unsere österreichische Kultur bereichern kann, nur hat man bei so einer gewaltigen Unterrepräsentation das Gefühl, man will nicht wahrgenommen werden“, sagt sie. „Mein Wunsch ist, dass sich Designer irgendwann das Model, nicht mehr die Farbe aussuchen. Das geht nur, indem wir die Norm neu definieren.“

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