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freizeit Leben, Liebe & Sex
06/10/2021

Über Intimes reden: Was Sex und Brokkoli miteinander zu tun haben

Viele Menschen leben in der sexuellen Sprachlosigkeit. Weil es an Wissen fehlt, aber auch, weil der Begriff „Sex“ negativ besetzt ist. Dabei sollte man darüber reden können wie über Gemüse.

von Gabriele Kuhn

Zwei Frauen, zwei ähnliche Geschichten – und doch zwei unterschiedliche Arten, über Sex zu reden. Da ist die umtriebige Freundin K, die ähnlich wie L als aufgeschlossen gilt. Beide turnen sich von einem horizontalen Vergnügen zum anderen – nach Mae West: Zehn Männer warten an der Tür auf mich? Schick einen nach Hause, ich bin müde…

Der Unterschied: K will keineswegs „darüber“ reden. So saftige Begriffe wie „vögeln“ oder „ficken“ kämen ihr in launiger Damenrunde nie über die Lippen. Schon gar nicht würde sie über Sehnsüchte oder Praktiken reden. Die Lady genießt und schweigt. Anders L, die zum exhibitionistischen Verkehrsbulletin tendiert. Immer wenn ein neuer Lover ihren Schritt kreuzt, wissen Stunden später alle, wie es war und was genau passiert ist. Auch sonst nimmt sie sich kein Blatt vor den Mund. Ob beim Heurigen oder beim Nobelitaliener: Wer mit L bei Tisch sitzt, wird noch vor dem Aperitif was Einschlägiges serviert bekommen, und wenn’s nur die launige Produktbeschreibung des neuesten Vibrators ist. Und natürlich wissen alle fast alles über den aktuellen Bettgenossen: Penisgröße, Ausdauer, Vorlieben und wie er klingt, wenn er kommt. Ich mag das beherzte Benennen des Sexuellen ja, so lang man dazwischen auch trockenere Themen besprechen kann und vor allem: So lange es nicht sexistisch oder abwertend wird. Wenn so eine Unterhaltung dahinfließt, man einander zuhört, sich austauschen und voneinander lernen kann: wunderbar. Allerdings sprechen nur die wenigsten Menschen fließend sexuell. Die meisten schwurbeln drumherum oder vermeiden das Thema. Und so vögeln zwei oft ein Leben lang, ohne ein einziges Mal darüber gesprochen zu haben, ob das, was sie da tun, auch tatsächlich das ist, was sie wollen. Schade.

Was ist normal, was nicht?

Umso wichtiger ist es, Dinge benennen zu können, möglichst natürlich und von Anfang an. Zum Thema „über Sex reden“ bin ich vor Kurzem über ein fantastisches Buch gestolpert: „Sex ist wie Brokkoli, nur anders – ein Aufklärungsbuch für die ganze Familie.“ Dazu Autor Carsten Müller: „Wenn wir das Wort Brokkoli hören, dann passiert … nichts. Kaum jemand wird wegen Brokkoli ins Schwitzen kommen. Bei Sex sieht die Sache schon anders aus. Der Puls steigt, die Hände werden feucht, der Blick wandert betreten zu Boden. Wieso eigentlich?“ Das hat vor allem damit zu tun, dass das Wissen fehlt: „Was ist normal, was nicht? Und gibt es normal überhaupt?“ Das macht unsicher. Dazu kommt, dass viele gar nicht gelernt haben, über Sex zu reden, und auch nicht über damit verbundene Gefühle und Vorstellungen. Also lassen wir es lieber – und werden sexuell sprachlos. Auf der anderen Seite ist der Begriff „Sex“ per se in Verruf gekommen und wird häufig nur mehr im Kontext von Gefahr oder Bedrohung kommuniziert. Doch um Sexualität als etwas Gesundes, Schönes und zutiefst Befriedigendes erleben zu können, brauchen wir ein ausbalanciertes Bild davon – und den Fokus auf all das Schöne, das mit Sex verbunden sein kann. „Die verzerrten Bilder von Medien und Gesellschaft werden wir nicht abschaffen können. Aber wir können etwas in die Waagschale legen, um ein Gleichgewicht herzustellen. Sex ist etwas Tolles, das uns nicht unter Druck setzen oder verunsichern sollte“, schreibt Müller. Es wäre also wichtig, sich dem Thema möglichst unverkrampft zu nähern. Das beginnt bereits im Kindesalter, weil „sprachlose Kinder zu sprachlosen Erwachsenen“ werden. Wie große und kleine Menschen „sexuell sprachfähig“ werden, lesen Sie bitte in Teil 2 dieser Kolumne.

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