Im digitalen Sprachgebracht hat der Punkt als Satzzeichen bei vielen jungen Menschen ausgedient.

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08/27/2020

Twitter-Debatte um Autorin: "Satzzeichen machen Millennials Angst"

Mit ihrem Befund sorgt eine britische Journalistin Victoria Turk für Aufsehen.

Man kann es als unschuldiges, sinngebendes Element des geschriebenen Wortes verstehen – oder als angsteinflößendes Statement: den Punkt.

Glaubt man einer derzeit in sozialen Medien laufenden Debatte, stehen jüngere Generationen mit Interpunktion auf Kriegsfuß. Angehörige der Generation Z und Y deuten den Punkt am Ende eines Satzes demnach als Ausdruck von Aggression und Feindseligkeit – und als Anzeichen für die unterkühlte Haltung des digitalen Gegenübers.

Digital Natives

Die Millennials – wie Generation-Xler auch genannt werden – wurden im Zeitraum der frühen 1980er- bis zu den späten 1990er-Jahren geboren. Als Generation Z werden Menschen bezeichnet, die zwischen 1995 und 2012 zur Welt gekommen sind. Gemein haben sie, dass sie in der digitalen Welt aufgewachsen und sozialisiert wurden, sogenannte Digital Natives sind und großteils in der virtuellen Welt (etwa via Messenger-Dienste) kommunizieren.

"Nur alte Menschen oder besorgte Seelen setzen am Ende jedes Satzes Punkte", schreibt die Autorin und Journalistin Victoria Turk dazu pointiert in ihrem Buch über digitale Etikette "Kill Reply All", das Anfang dieses Jahres erschienen ist und nun im Netz weite Kreise zieht. Die jüngere Generation betrachte das Abschicken eines Textes als ausreichenden Indikator für einen vollständigen Gedankenstrang, befindet Turk. Wodurch das finale Satzzeichen überflüssig werde.

Überflüssig.

"In Messenger-Gesprächen ist ein Punkt einfach nicht notwendig", erklärt sie. "Es ist offensichtlich, wann man einen Gedanken  beendet hat." Eben weil das Satzzeichen in der digitalen Kommunikation keinen Zweck mehr erfülle, könne dessen Verwendung als Äußerung von Nachdrücklichkeit missverstanden werden – "oder subtil den Anschein erwecken, man sei verärgert".

Die aktuelle Diskussion über die Interpunktion und generationsbedingte Befindlichkeiten brachte Guardian-Kolumnistin Rhiannon Lucy Cosslett ins Rollen. Auf Twitter schrieb sie kürzlich in einem mittlerweile gelöschten Tweet: "An alle ältere Menschen: Ist euch klar, dass das Beenden eines Satzes mit einem Punkt für jüngere Menschen in einer E-Mail / einem Chat abrupt und unfreundlich wirkt? Bin wirklich neugierig." Die Resonanz auf den Beitrag war enorm. Neben Zustimmung erntete die Britin auch Kritik und den Vorwurf der Altersdiskriminierung.

Dass "mit Punkt" nicht gleich "ohne Punkt" ist, haben Forscher der New Yorker Binghamton University bereits vor fünf Jahren belegen können: Sie stellten in einer Studie fest, dass Texte, die Punkte enthalten, als unaufrichtiger wahrgenommen werden.

Nonverbales fehlt

"Bei SMS fehlen viele nonverbale Signale, die in echten Face-to-Face-Gesprächen transportiert werden", kommentierte Studienleitern Celia Klin damals die Ergebnisse. "Beim Sprechen vermitteln Menschen mit Blicken, der Mimik, dem Tonfall und Pausen emotionale Informationen. Die Menschen können diese Mechanismen nicht anwenden, wenn sie eine SMS schreiben. Daher muss man sich auf das verlassen, was zur Verfügung steht – Emoticons oder absichtliche Rechtschreibfehler, die Sprachlaute imitieren."

Alter Punkt, neue Bedeutung

Autorin Turk sieht im Punkt-Dilemma auch eine Chance: Indem man das Satzzeichen in anderen Kontexten verwendet, könnten damit gezielt komödiantische Effekte erzielt werden. Werden sie etwa anderer Stelle bewusst platziert – etwa.nach.jedem.einzelnen.Wort. – könne das die Betonung auf ganz neue Art verändern.

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