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freizeit Leben, Liebe & Sex
03/19/2020

Sollen wir uns beim Dirty Talk ein Beispiel am Rokoko nehmen?

Das Gehirn gilt als größte erogene Zone, deshalb funktioniert Dirty Talk so gut. Vielleicht sollten wir aber erotische Sprache völlig neu erfinden.

von Gabriele Kuhn

Sprache schafft Wirklichkeit – auch in der Liebe und natürlich, wenn es ins Intime geht.

Auf das zeitlos schöne Thema „Verbalerotik“ komme ich deshalb, weil mich eine Mail der Literaturwissenschafterin Sylvia Tschörner aus Innsbruck erreicht hat. Darin macht sie mich auf ein von ihr übersetztes Bändchen aufmerksam – eine Briefsammlung von Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais. Das ist der Autor des „Barbier von Sevilla“ und der „Hochzeit des Figaro“ (erschienen im Limbus Verlag).

Konkret handelt es sich um Briefe an eine gewisse Madame de Godeville, „Mätresse bedeutender Männer“ – und die sind nicht nur leidenschaftlich, sondern stellenweise wunderbar lasziv. Erotik à la Rokoko – so verschnörkelt wie schön, in etwa so: „Erwarte mich morgen, täusche eine Migräne vor und leg Dich am Nachmittag ins Bett. Es sollte ganz zerwühlt sein, wenn die Stunde naht, wo die Liebe ihr Opfer niederstreckt.“ Der gute Mann lässt in seinen Briefen immer wieder unverhohlen durchblicken, wie sehr ihn das Niedergeschriebene erotisieren würde, wenn Madame sich „jede Zeile etwas mehr auszieht. Während sie ihm in der ersten sagt: Ich liebe dich, in der zweiten eine Nadel herauszieht, in der dritten ein Band löst, in der zehnten alle Schnüre zerreißt, und weil sie fühlt, dass ihr Geliebter ungeduldig ist, alles zu sehen, gleich am Anfang der zweiten Seite das Hemd ins Feuer wirft …“ Also fordert er sein Objekt der Begierde auf: „Sei geil, während Du schreibst, und Dein Brief wird mir die Finger verbrennen …“

Nix gegen ein ,Fick mich!’ im richtigen Moment, auch das Wienerische hat so seine Reize, weil es weicher ist, derb und  liebevoll zugleich.

Herrlich, zumal ich mich noch sehr gut erinnern kann, was mich an verbalen Nullnummern erreichte, als ich spaßhalber auf diversen Online-Börsen unterwegs war. Das ging über so Schlichtes wie „Ich will sexeln“, „Ich möchte dein Mauserl sehen“ bis hin zu „Nenn mich einfach Schwanz!“ (natürlich mit Dick-Pic im Anhang) kaum hinaus. Mehr war da nicht, echt, irgendwann habe ich daher so ermattet wie gelangweilt aufgegeben.

Bitte nicht fantasielos

Einen in diesem Zusammenhang sehr schönen englischen Begriff hat die Sextherapeutin Lonnie Barbach erstmals in den 1970er-Jahren geprägt: „Outercourse“ (im Gegensatz zu „Sexual Intercourse“ für „Geschlechtsverkehr“) ist die Bezeichnung für „alle Formen der körperlichen Liebe, die keine orale, anale oder genitale Penetration“ beinhalten. Dazu gehört dann eben auch, dass man „erotisch miteinander spricht“ – zumal das Gehirn als die größte erogene Zone gilt. Möglichkeiten dafür gibt es heute mehr denn je, man muss nicht die Feder in Tinte tauchen, sondern tippt ins Handy, schreibt E-Mails oder sagt was, wenn im passenden Moment was zu sagen ist. Da geht mehr, als heutzutage an Durchschnitts-Dirty-Talk-Wortschatz kursiert.

Nicht missverstehen – es darf dabei ruhig ordinär und direkt zugehen, aber bittebitte niemals fantasielos. So unbescheiden bin ich. Nix gegen ein „Fick mich!“ im richtigen Moment, auch das Wienerische hat so seine Reize, weil es weicher ist, derb und und liebevoll zugleich. Man denke nur an Begriffe wie „pudern“ und „schnackseln“. Das allein ist es aber noch nicht. Dirty Talk sollte immer dreidimensionale Bilder erzeugen, die spürbar unter die Haut gehen und so Begehren schaffen – ein Prickeln und Sehnen. Animalisches, in Buchstaben gegossen. „Sprache beschreibt, überredet, erregt: Worte haben Kraft zu verzaubern“, schrieb die Schriftstellerin Isabel Allende. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, heißt: Es ist nicht verboten, sich was ganz Neues einfallen zu lassen. Und das ist vielleicht sogar das Spannendste daran.