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freizeit Leben, Liebe & Sex
07/05/2021

Sex & Orgasmus: zwischen flüchtigem Glück und tiefer Erfüllung

Verschleuderte Spermien, schnelle Höhepunkte,, flüchtige Lust – so kann Sex sein, als gierige Momentaufnahme. Es gibt aber mehr.

von Gabriele Kuhn

Aus der wundersamen Welt der Zahlen: Ein Mann hat im Laufe seines Lebens – grob geschätzt – zwischen 9.000 und 15.000 Orgasmen, davon nicht wenige im Self- & Handmade-Verfahren. Dabei produziert er insgesamt 30 bis 50 Liter Sperma und mehrere Milliarden von Spermien, lese ich in dem interessanten Buch „Sexuelle Süchte erkennen und behandeln“. Und die Frauen? Die dürfen diesbezüglich gar nicht unterschätzt werden. Sie kommen – trotz ihrer komplexeren Lustvorgänge – auf ähnliche Zahlen. Das hat vor allem mit der weiblichen Fähigkeit multipler Orgasmen zu tun. Da geht was und noch was – erfreulicherweise oft hintereinander.

Ein Orgasmus ist so fantastisch wie flüchtig, was dazu führt, dass manche Menschen mehr und mehr davon wollen. Dann werden sie süchtig nach diesem Gefühl kurzer, aber äußerst intensiver Entrückung und des Sich-Verlierens in der Ekstase. Ein Empfindungs-Rambazamba, das sich – scheinbar – in den unteren Regionen des Körpers manifestiert und dort am stärksten zu fühlen ist. In Wirklichkeit sind die wahren Abenteuer im Kopf: Ein Orgasmus kann nur deshalb passieren, weil im Gehirn alle Zutaten – sämtliche Reize, Empfindungen oder Eindrücke – zu einem Erregungs-Fünf-Sterne-Menü zusammengebraut werden. Ein hochkomplexer Vorgang, der in den Nervenzellen stattfindet und bei dem Neurotransmitter, als bestimmte Hirn-Botenstoffe, ausgeschüttet werden. Sie sorgen für jene euphorischen Zustände, die uns für wenige Sekunden eins sein lässt – mit allem und allen. Dopamin spielt hier die Hauptrolle – es triggert unsere Belohnungszentrale im Kopf so sehr, dass wir immer mehr und mehr von Berührung, von Sex, von Küssen haben wollen. Die Erlösung dessen erleben wir schließlich im Orgasmus.

Erotischer "Drogenrausch"

Der sexuelle Höhepunkt ist tatsächlich eine Art erotischer Drogenrausch, der bei manchen Menschen sogar zu Süchtigkeit führen kann und zu Scheinzuständen von Glück. Sex übertönt dann schlechte Gefühle oder tiefe innere Leere. Dieses Glück bleibt am Ende immer nur flüchtig – wunderschön, aber verdammt kurz. Wenige Sekunden nur, um genau zu sein. Für einen Augenblick erfüllend, im nächsten schon wieder weg. War das wirklich schon alles? Nein, war es nicht – und ist es nicht. Weil Lust keineswegs etwa Flüchtiges bleiben muss, sondern sich in unserem Leben ausbreiten darf – im Sinne eines philosophischen Hedonismus, wie ihn der große Denker Epikur (341 v. Chr.) verstanden hat. „Fälschlicherweise steht er bis heute im Ruf, ein Vertreter einer gewissen Form von ungezügelter Genusssucht gewesen zu sein. Tatsächlich ist er eben genau das nicht“, heißt es ebenso im erwähnten Buch von Michael Gerlach. Epikur unterscheidet zwischen dynamischer und katastematischer Lust. Erstere ist flüchtig-intensiv, zweitere meint einen dauerhaft lustvollen Zustand, den Epikur als erstrebenswert erachtet. Er meint Gelassenheit und tiefe Zufriedenheit mit sich und seinem Umfeld, die entsteht, wenn man „mit sich eins“ und im Reinen ist. Das gelingende Leben also.

In Bezug auf Sexualität bedeutet das vor allem Intimität und Tiefe, das liebevolle Sich-Einlassen auf einen anderen Menschen, mit ganzem Herzen und abseits flüchtiger Begierden oder schneller, eher anonymer Triebabfuhr mit Menschen, die wir gar nicht „meinen“, sondern nur benützen. Nicht falsch verstehen, – nichts gegen One-Night-Stands und gierig konsumierte Sex-Snacks, auch das kann immer wieder Teil einer Sexualbiografie sein. Aber eben nicht nur – und vor allem: Alles zu seiner Zeit.

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